Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ausstellung

Gute Fahrt!

Die große Freiheit: Das Haus der Geschichte in Bonn zeigt, was das Auto für die Deutschen bedeutet.

04.04.2017
  • EPD

Bonn (epd). Die Fenster sind runtergekurbelt, die Musikanlage voll aufgedreht und der Motor jault auf. „Das ist ein Gefühl von Freiheit“, schwärmt Til Schweiger als Berti 1991 in dem Kult-Film „Manta Manta“. Der gelb-blaue Opel mit dem Autogramm des Hauptdarstellers ist nun eines von rund 800 Exponaten in der Ausstellung „Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihre Autos“ im Bonner Haus der Geschichte.

Der Manta ist Berti viel mehr als nur ein Transportmittel und steht damit für das emotionale Verhältnis vieler zu ihrem Auto. „Nichts bewegt die Deutschen so sehr wie das Automobil“, sagt Ausstellungsleiter Ulrich Op de Hipt. Das belegen Zahlen, die der Besucher auf einem großen Deutschland-Karten-Display abrufen kann.

69 Prozent der Deutschen sagen, dass sie ihr Auto lieben, heißt es da. Auf die Frage, was für Deutschland steht, entschieden sich 63 Prozent der Befragten für den VW Käfer. Goethe landet weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Dem Käfer als Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg ist daher auch das erste Kapitel der Ausstellung gewidmet.

Als typisches Familienauto war der kleine VW in den 50er und 60er Jahren immer dabei. Er erlaubte Freiheiten, die bis dahin nicht möglich gewesen waren. So den Ausflug ins Grüne, wie ihn eine Aufnahme des Fotografen Jupp Darchinger von 1957 zeigt: Eine Familie picknickt im Wald neben ihrem Käfer. 1963 packte Christo das Auto mit der unverwechselbaren Form ein. Und als „Herbie“ spielt er die Hauptrolle in Disneys „Ein toller Käfer“.

Das DDR-Pendant war der Trabant. „Er gehörte zur Familie und wurde als Kostbarkeit gehütet“, sagt der Automobil-Historiker Peter Kirchberg. Seine Duroplast-Karosserie wurde zum Symbol der DDR-Mangelwirtschaft.

Ein besonders seltenes Auto zeigt, dass auch die DDR-Bürger Spaß am Geschwindigkeitsrausch hatten: einer von nur 101 gebauten Melkus Sportwagen. Das 30 000 Mark teure Auto konnte sich allerdings kaum jemand leisten. Auf den himmelblauen Wagen aus Plaste mit 90 PS wartete der Besteller deshalb nur zwei Jahre – im Gegensatz zu rund zwölf Jahren Wartezeit für einen Trabant. Op de Hipt: „Bei der Höchstgeschwindigkeit von 170 Stundenkilometern musste man gut aufpassen, dass er nicht abhob, weil er so leicht war.“

Ob Ost oder West: Für viele Deutsche war und ist das Auto ein Symbol der Freiheit. Der „Lappen“, wie das alte Führerschein-Dokument liebevoll genannt wird, ist für viele immer noch ein Schritt in die Unabhängigkeit. Für die Ausstellung stellt TV-Moderator und Auto-Narr Günther Jauch seinen alten Führerschein zur Verfügung und berichtet, was sein der Erwerb für ihn bedeutet hat.

Vor allem für Frauen war der Führerschein in den 50er und 60er Jahren ein Schritt in Richtung Emanzipation. Bis 1957 brauchten sie noch die Zustimmung ihres Ehemannes, um die Fahrprüfung ablegen zu dürfen. Die TV-Verkehrs-Aufklärungsserie „Der siebte Sinn“ betrachtete Frauen am Steuer noch in den 70er Jahren als Sicherheitsrisiko, weil sie sich öfter mal im Rückspiegel schminkten oder mit hochhackigen Schuhen und zu engen Jeans am Steuer säßen.

Hippies und Raser

Freiheit bedeutete das Auto auch für die Hippie-Bewegung. Vor allem der VW-Bus wurde zum „Hippie-Auto“. Junge Leute wie Sigrid und Will Tendok stiegen Anfang der 70er Jahre aus und tauschten ihre Wohnung gegen den sogenannten „Bulli“ ein. Die Tendoks verkauften 1971 ihr Hab und Gut und reisen mit ihrem VW-Bus durch die ganze Welt. Schmuck, Fellmantel und andere Mitbringsel zeugen davon.

Doch seit den 70er Jahren wird auch die Kehrseite der zunehmenden Motorisierung deutlich. Das Umweltbewusstsein wächst und führt vor allem in jüngster Zeit zur Suche nach alternativen Antrieben. Außerdem machen sich die Menschen Sorgen um die Sicherheit. „Massentod auf Deutschlands Straßen“ titelt der „Spiegel“ im Juni 1971.

Der Spaß an Geschwindigkeit hält bis heute an. Das Computerspiel „Need for Speed“ verherrlicht noch 2015 rücksichtslose Autorennen. Daneben weist ein Zeitungsbericht von Februar 2017 auf die Folgen hin: In Berlin sind erstmals zwei Teilnehmer eines illegalen Autorennens zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil sie einen Menschen totgefahren hatten.

Nicht zuletzt bietet die Ausstellung viele Mitmach-Stationen. Ein Simulator lädt dazu ein, Autorennen zu fahren. In einem „Labor“ können Besucher unter anderem Automarken aufgrund von Duftproben oder Motorgeräuschen erraten. Und abstimmen darf der Besucher auch: Per Knopfdruck kann er zum Beispiel seine Meinung zum Thema „Tempolimit“ kundtun.

Claudia Rometsch, epd

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

04.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball