Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Franz Müntefering und das Leben als ballistische Kurve

Gute Löhne als Grundbedingung für gute Rente

Franz Müntefering hofft, dass vor allem Männer den Renteneintritt eines Tages als weniger tiefen Einschnitt erleben. Doch der Mentalitätswandel werde noch eine oder zwei Generationen beanspruchen, vermutet der frühere SPD-Vorsitzende.

13.11.2012
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. Lange galt „Münte“ als Verkörperung der Sozialdemokratie. Doch vor allem in Gewerkschaftskreisen wird ihm bis heute verübelt, als Arbeits- und Sozialminister im Kabinett Angela Merkels die Rente mit 67 durchgesetzt zu haben – aus voller Überzeugung: Bis heute bleibt der 72-Jährige dabei, dass sie unverzichtbar sei.

Gute Löhne als Grundbedingung für gute Rente
Franz Müntefering genießt, dass ihm sein Zeitbudget als einfacher Bundestagsabgeordneter erlaubt, Einladungen wie die der Jusos nach Tübingen anzunehmen. Gestern Abend diskutierte er in der Neuen Aula über die demografische Entwicklung. Zuvor besuchte er die TAGBLATT-Redaktion.

„Wir müssen uns vor allem von der Vorstellung der Frühverrentung trennen“, forderte er beim TAGBLATT. Der wichtigste Ansatzpunkt für eine auskömmliche Rente seien gute Arbeit und gute Löhne. Aus Sicht des Sauerländers lässt sich auch über eine Solidarrente für jene reden, die nicht durchgängig arbeiten konnten. Künftig müssten alle jungen Leute in den Arbeitsprozess mitgenommen werden. Und man müsse die Lebens- und Berufs-Chancen der Frauen verbessern.

Damit lasse sich auch im Wesentlichen Fachkräftemangel vermeiden. Müntefering hält wenig von einer steuerfinanzierten Grundrente, wie sie auch in der SPD diskutiert wird. Das Umlagesystem sei gut, „dann ist das Geld nicht in einer Spekulationsblase am Markt unterwegs“. Kapitaldeckung sei riskant. Auch eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen, verringere die Probleme nur vorübergehend, da die Rentenhöhe an die Beiträge gekoppelt ist und neue Ansprüche entstünden.

Bei der Leiharbeit hinters Licht geführt

Müntefering gehört der SPD seit 1966 an. Die politische Karriere des Industriekaufmanns begann 1969 als Stadtrat in Sundern und führte ihn bis an die Spitze zweier Bundesministerien. Eine Kollektion roter Schals und Anstecknadeln mit rotem Knopf aus der Ära Willy Brandts sind seine Markenzeichen. Manchmal schicken ihm Hochbetagte solche stecknadelgroßen Anstecker, die sie noch vom legendären Wahlkampf 1972 hätten.

Der langjährige Abgeordnete sieht die Chancen für eine Neuauflage von Rot-Grün mit der Urwahl der grünen Spitzenkandidaten gewachsen. Katrin Göring-Eckardt repräsentiere eine große wertkonservative Gruppe der Grünen. Sie werden sich auf ein Bündnis mit der SPD festlegen, ist Müntefering überzeugt.

„Zwischen 1998 und 2005 haben wir in der rot-grünen Regierung alles in allem Gutes gemacht“, findet er, der damals unter anderem Verkehrsminister, Generalsekretär der SPD und Fraktions-Chef war – auch wenn es immer Fehler gebe und man mit den Jahren stets nachjustieren müsse. „Was misslungen ist, ist die ganze Sache mit der Leiharbeit.“ Rot-Grün habe die Arbeitgeber dazu bringen wollen, einzustellen statt Überstunden anzuordnen.

Doch „da sind wir richtig um die Fichte geführt worden“, ärgert er sich. Künftig müsse schon nach kurzer Zeit das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gelten, die Betriebs- und Personalräte müssten miteinscheiden, und man müsse verbieten, dass Unternehmen ihre Leute entlassen und in der eigenen Leiharbeitsfirma zu schlechteren Konditionen wieder einstellen.

Franz Müntefering tritt 2013 nicht mehr an. Er wird dann fast 74 sein und auch so noch genug zu tun haben, erwartet er. Schon heute kämen „Organisationen unterschiedlichster Art“ mit der Bitte auf ihn zu, sich bei ihnen zu engagieren: „Es muss ja kein Fulltime-Job sein.“

Wegen der höheren Lebenserwartung und der veränderten Arbeitswelt müssten sich die Menschen darauf einstellen, auch mal den Beruf zu wechseln und nicht zwingend nach dem Senioritätsprinzip im höheren Alter am meisten zu verdienen – wenn das auch viele als demütigend empfänden. Künftig würden immer mehr Leute über 65 oder 67 hinaus berufstätig bleiben, auch ohne darauf angewiesen zu sein.

Vor allem Männer empfänden den Eintritt in die Rente als tiefen Einschnitt, viele versänken in Passivität. Ein schrittweiser Ausstieg aus dem Beruf wäre besser. „Das Leben ist eher eine ballistische Kurve“, sagt Müntefering. Zwar werde man im Alter schwächer, aber nicht abrupt. Allerdings werde es noch eine bis zwei Generationen dauern, bis sich ein neuer Blick aufs Alter durchgesetzt hat.

Kurz und knapp: Müntefering erzählt seinen Lieblingswitz

Kurz und knapp: Müntefering erzählt seinen Lieblingswitz --

00:18 min

Franz Müntefering hält Peer Steinbrück weiter für den richtigen SPD-Kanzlerkandidaten: „Die Menschen wählen nicht zwingend den, der ihnen am liebsten ist, sondern den, von dem sie meinen, dass er es kann.“
Die Wähler entschieden sich für Sicherheit und Innovation. Die Frage sei, wie das Land leistungsfähig bleiben kann: „Man kann soziale Gerechtigkeit auf hohem Niveau nur erhalten, wenn es etwas zu verteilen gibt.“
Schwarz-Gelb habe 2009 als Hoffnungskoalition gegolten. „Doch von dieser Krankheit ist Deutschland gut geheilt.“ Rot-Grün habe eine gute Perspektive, „dann ist einer, der ein harter Hund ist, ganz richtig an der Spitze“.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

13.11.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball