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Schön bescheuerte Sternstunden

Gutenachtgeschichte beginnt mit Scheunenzyklus

„Schön bescheuert“ – gut, wenn ein Dorf das von sich sagen kann. Das Kulturforum Nehren startet heute mit der Gutenachtgeschichte seinen „Scheunenzyklus“, der die Architektur der dienstbaren Gebäude in den Mittelpunkt rücken will.

15.08.2012
  • Jürgen Jonas

Nehren. Eine eigene eigenartige Welt hinter und neben den Wohnhäusern: die Nehrener Scheuern. Viele von ihnen gehören wie eh und je, wenn auch auf andere Weise genutzt, zum Alltag der Hausbesitzer, andere sind umgebaut, wurden zu Wohnraum umgestaltet, manche sind auch im Verfall begriffen. Nehren verfügt über viele stattliche Scheunen. In der Luppachstraße 10 gibt es, hinter den Häusern, gleich drei.

Die rechte haben „Jacob Nädele und seine Ehefrau“ erbaut, im Jahr 1793. In dem etwa genauso alten Gebäude in der Mitte eröffnet, morgen um 19 Uhr, das Kulturforum seinen „Scheunenzyklus“, eine endlos angelegte Veranstaltungsreihe in und um die landwirtschaftlichen Bauten herum. Der Arbeitskreis Kultur hat sich neu aufgestellt und ein umfangreiches Programm entwickelt.

Der Gutenachtgeschichte des TAGBLATTS wird damit in Nehren eine besondere Ehre zuteil. Bei der Sommerlesung werden die Nehrener Grimme-Preisträgerin und Tatort-Autorin Susanne Schneider und Bürgermeister Egon Betz im Lesesessel Platz nehmen, untermalt wird die Lesung von Klavier und Geige. Soviel Kultur hat die Scheune in ihrer langen Geschichte noch nicht erlebt. Margritte und Jörg Raff werden die Gäste auf ihre Art willkommen heißen, so, wie das die Kundschaft von früher aus der Metzgerei, die vor vierzehn Jahren geschlossen wurde, noch kennt. Die Gaststätte „Engel“ gab es bis 1961, sie war im ersten Stock des Wohnhauses untergebracht.

Strahlendschön und vielfotografiert das Schild zur Luppachstraße hin, von Malermeister Werner Nill vor sieben Jahren mit Blattgold überzogen. In der Scheune steht noch der alte runde Stammtisch, wie früher umgeben von echten „Tübinger Stühlen“. Säcke hängen an den Wänden, der älteste ist von 1842, Aufschrift „Daniel Schneider Engelswirth zu Nehren“, auch Raffs Großvater Gottlob und Vater Ernst sind so verewigt. Da ist der alte Holzhammer, mit dem unzählige Bierfässer angezapft wurden. Alte Waagen, Gartengeräte, Sicheln, Kindersensen, ein Riesenwiegemesser, ein ungeheurer Kartoffelstampfer, seltsame Gerätschaften aus der Metzgerei, merkwürdige Pfannen „zum Rösten von Frucht“.

In Schränken und Regalen stehen zahllose Schmalztöpfe und Mostkrüge, Krüge und Gläser von „Zollernbräu“, auch längst abgegangen. Das passt auch gut zum zweiten Termin des „Scheunenzyklus“, einer Töpfer-Ausstellung.

In der Scheune kann man auch Bau- und Funktionsweise einer Scheune studieren. Wie die Garben ganz nach oben gezogen wurden, mit dem „Lotter“, einem dicken Seil, das mit einem Haken versehen war, während in fünfzehn Meter Höhe jemand die Frucht in Empfang nahm, der über eine ungeheuer lange Leiter hochgeklettert war. Wie mit Holz und „Ledde“ gemauert wurde, „Straßendreck, aber zweihundert Jahren alt“.

Einige Besucher der Gutenachtgeschichte werden im ersten Scheunenstockwerk, über eine Leiter erreichbar, auf Stühlen sitzen, die überm ehemaligen Saustall stehen, der zur Metzgerei gehörte. Darunter wiederum ist ein Gewölbekeller, zu dem dreizehn Treppenstufen aus Sandstein führen. Hier lagerten, in der 10-Grad-Kühle, zu Zeiten des „Engel“ oft 5000 Liter Most. Einige Holzfässer sind noch da.

Vor dem Portal steht der alte schwere Schiebkarren und die Wanne, in der die Schweine gebrüht wurden. Mittlerweile wachsen Blumen darin. Klar, sagt Raff, Scheunen verursachen auch „Kosten und Arbeit“, jedoch „mei Frau kuckt danach.“

Für Raffs ist es auch der Durchgang in den herrlichen Garten, der sich weit nach hinten erstreckt. Jede Scheune habe, meint Raff, ganz individuelle Züge, jede sieht innen anders aus. Dem Kulturforum geht es darum, die besondere Atmosphäre zu nutzen. Eventuell sollen in Zukunft, nach Raff’schem Vorbild, an verschiedenen Scheunen-Orten Gegenstände ausgestellt werden, aus dem Handwerksbereich oder der Landwirtschaft.

Gutenachtgeschichte beginnt mit Scheunenzyklus
Einladend: Vor der Scheune grünt und blüht es. Von allein wachsen die Pflanzen (meistens) nicht – Margritte Raff kümmert sich um den Garten.

Gutenachtgeschichte beginnt mit Scheunenzyklus
Viel Erinnerung, viel altertümliches Inventar, auch der alte runde Stammtisch des „Engel“ ist noch da. Privatbilder

Die Gutenachtgeschichte des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS beginnt am heutigen Mittwoch um 19 Uhr in der Luppachstraße 10 (siehe untenstehenden Artikel). Petra Roth, Leiterin der Volkshochschule, zeigt am Samstag, 8. September, mit ihren Kursteilnehmern Objekte aus „Zehn Jahre Töpfern in der VHS“, ebenfalls in der Raff’schen Scheune.
Aufschluss über Nehrens Scheunen wird ein „Bauhistorischer Spaziergang“ mit dem Experten Tilmann Marstaller geben, der am Samstag, 15.9., auf dem Programm steht. Der Astrophysiker Nikolai von Krusenstiern wird am 20. Oktober zu einer „Langen Nacht der Sterne“ bitten. Weitere scheunenzyklische Angebote des Kulturforums folgen.

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15.08.2012, 12:00 Uhr

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