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Die Eule ist ein Schmetterling

Haariger Rettungseinsatz mit Astschere und Säge

Auf den ersten Blick sieht er aus wie Dill oder auch Gewürzfenchel. Aber es ist Arznei-Haarstrang, der im Wald über Entringen wächst. Dem seltenen Doldenblüter verschafften gestern ein Ferienkind, seine Mutter und ein Förster wieder Luft zum Wachsen. Doch eigentlich galt der Rettungseinsatz gar nicht dem Haarstrang.

30.08.2012
  • Uschi Hahn

Die Eule ist ein Schmetterling: Wer so etwas als Ankündigung eines Sommerferienprogramms liest, kommt natürlich erst mal ins Stutzen. Wer kann schon einen Schmetterling mit einer Eule verwechseln? Aber es ist wirklich so: Die Haarstrangeule ist keineswegs ein Vogel, sondern eben ein Schmetterling, beziehungsweise ein Nachtfalter. Was dann ja doch wieder auf die Eule hinweist, die ja bekanntlich ein Nachtvogel ist. Aber zurück zum Falter namens Haarstrangeule. Bei ihm handelt es sich um eine äußerst seltene Tierart, die daher streng geschützt ist. Aber schützen lassen sich Tiere nur, wenn sie da sind. Und die Haarstrangeule macht sich so rar, weil sie für die Entwicklung dringend auf die Pflanze namens Haarstrang angewiesen ist, genauer gesagt auf den Arznei-Haarstrang, Peucedanum officinale.

Ein Doldenblüter mit gefiederten Blättern

Und den wiederum gibt es zwar fast überall in Europa aber eben nur an wenigen Plätzen. Zum Beispiel am Schönbuchrand über Entringen und Breitenholz. Dort aber muss man sehr auf ihn aufpassen, weil er viel Licht zum Wachsen braucht, das ihm andere Waldbewohner wie junge Bäume und Sträucher streitig machen. Um also die Haarstrangeule zu schützen, muss man erst den Haarstrang selbst erhalten und deshalb überall dort, wo er wächst regelmäßig andere Gewächse zurückschneiden. Ganz schön kompliziert das alles. Aber es ist eben die Vorgeschichte zu dem Sommerferienprogramm mit dem schönen Namen „Die Eule ist ein Schmetterling“.

Ausgedacht hat sich den haarigen Rettungseinsatz im Wald Hans-Joachim Ruff. Er ist Leiter des Forstreviers Wurmlingen und deshalb unter anderem zuständig für den Ammerbucher Gemeindewald. Im Jahr 2007 berichtete ihm ein Mitarbeiter des Regierungspräsidiums von dem Haarstrang beim Bogenacker Tor im Entringer Wald. Seither kümmert sich Ruff um den Doldenblüter mit seinen fein gefiederten Blättern und grüngelb leuchtenden Blüten, der dort an einer sonnigen Wegböschung wächst. „Weil er relativ selten ist und hier vorkommt, hilft man dem halt“, begründet der Förster seinen Einsatz. Erst legte er nur ein kleines Stück des steilen Hangs frei, an dem neben der raren Pflanze junge Hainbuchen, Eschen, Eichen und Brombeeren wachsen. Prompt breitete sich der Haarstrang aus und Ruff vergrößerte das Pflegeareal.

„So wie‘s aussieht, stabilisiert sich das Ding wirklich“, stellt der Förster zufrieden fest, während der kleine Pflegetrupp eine Pause einlegt. Schon einmal hatte Ruff die Rodungsaktion im Ferienprogramm der Gemeinde Ammerbuch angeboten. Da waren fünf Kinder gekommen. Dieses Mal aber ließ sich nur Paul Ruthardt verlocken. Der Zehnjährige aus Poltringen hat seine Mutter Ute gleich mitgebracht. Mit Handschuhen und Astscheren, später auch mit einer kleinen Klappsäge rücken die beiden unter Anleitung von Förster Ruff dem Wildwuchs Zuleibe. Paul findet beim Auslichten sogar ein kleines Vogelnest – ein leeres. „Wegen der Vögel soll man Bäume ja eigentlich nur bis März schneiden“, erklärt Paul da ziemlich fachmännisch. Aber Hans-Joachim Ruff beruhigt ihn: „Jetzt sind die jungen Vögel schon aus dem Nest verschwunden.“

Wenn er keine Ferienkinder zum Pflegeeinsatz dabei hat, greift Ruff schon mal zur Motorsense oder -säge, um dem Haarstrang Luft und Licht zum Wachsen zu verschaffen. Paul ist froh, dass dieses Mal alles von Hand geht. „Mit Maschinen macht man Abgase im Wald“, sagt der Zehnjährige und zwickt ganz lässig einen dicken Buchenschössling ab.

Aber was ist jetzt mit dem seltenen Falter, um den es hier ja eigentlich geht? Weit und breit ist nichts zu sehen von der Eule, die ein Schmetterling ist. Und das liegt nicht nur daran, dass es sich um einen Nachtfalter handelt. „Die Schmetterlinge schlüpfen erst im September“, weiß der Förster. Ihre Eier legen sie an Grashalmen ab. Im darauffolgenden April schlüpfen die Raupen, bohren sich in die Stängel des Haarstrangs, wandern hinunter bis zur Wurzel und fressen sich dort so lange satt, bis sie bereit sind, sich zu verpuppen. Dann verlassen sie ihre Wirtspflanze wieder und hüllen sich dicht am Boden in ihren Kokon.

Hans-Joachim Ruff hat sich das alles angelesen. Beobachtet hat er seinen eigentlichen Schützling selbst noch nie. „Irgendwo werden sie schon sein“, murmelt der Förster in seinen langen Bart und greift zur Handsäge, um einen kleinen Eichenstamm abzusägen.

Haariger Rettungseinsatz mit Astschere und Säge
Zur Rettung des Haarstrangs rückten Ute Ruthardt, ihr Sohn Paul und Förster Hans-Joachim Ruff gestern aus in den Schönbuch bei Entringen.

Haariger Rettungseinsatz mit Astschere und Säge
Peucedanum officinale, wie der Arznei-Haarstrang auf Latein heißt, war früher auch als Heilmittel begehrt: Verwendet wurden vor allem die Wurzeln. Der aromatische Doldenblüter soll gegen Kopfschmerz, Blähungen, Husten aber auch bei Unfruchtbarkeit wirken. Selbst die Liebeslust soll das auch Saufenchel genannte Kraut er fördern.

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30.08.2012, 12:00 Uhr

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