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Eisig-frisch vom Fass

Händler in kalter Zeit – wie fühlt sich Verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt an?

Jedes Jahr trotzen auf dem Weihnachtsmarkt erstaunlich viele Hobbyhändler der Kälte – unser Verdacht: Es muss sich irgendwie lohnen. Wir probierten es also selber aus.

17.12.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Jeder Weihnachtsmarkt beginnt mit der richtigen Kleidung. Jedenfalls wenn man nicht zu dem Teil der Bevölkerung zählt, der auch dem tiefsten Winter noch in Sandalen begegnet. Denn wo friert es sich am unangenehmsten? An den Füßen. Also schnell noch ein vorbereitender Sockenkauf, ich leiste mir ein Paar „Woolpower“ und setze sehr auf den Namen. Außerdem noch warme Fellstiefel und vielschichtige Kleidung: Kälte, gib’s auf, mich kriegst du nicht, denke ich.

Der Stand, an dem ich verkaufe, steht auf dem Marktplatz, und er ist gut gewählt: eine Bude aus Holz. Bis auf eine Türöffnung ist sie rundherum geschlossen, hat sogar einen eigenen Boden. Der erhöht die Chance für „Woolpower“. Kaum habe ich die Thermoskanne ausgepackt, stürmt schon ein Mann mittleren Alters auf die Bude zu: „Holz“ ruft er. In seinem Tross hat er zwei Frauen, die sich auf diesem Gebiet noch schlechter auskennen als ich. Der Mann nimmt kennerhaft einen Visitenkartenhalter in die Hand und sagt: „Das ist doch Zwetschga!“ Die Frauen sind beeindruckt, ich nicht. Denn ich habe eine Schnellbleiche im Holz-Erkennen hinter mir und kann nun damit angeben. Edwin Kessler, Inhaber des Standes „alles vom Fass“, bei dem ich am Samstag für einige Stunden aushelfe, hat mir kurz zuvor erklärt, was Eiche ist, wie Eibe aussieht, was Kirsche, Kiefer, Fichte, Nussbaum unterscheidet, woran man Birne, Birke und Bangkirai erkennt. Und so fühle ich mich schon fast als Holzfachverkäuferin. Zumal ich einen besonderen Trumpf im Ärmel habe, den ich gegen vermeintliche „Zwetschga“-Identifizierer ausspielen kann. „Wenn Sie wissen, was das ist, bekommen Sie es geschenkt“, sage ich. Kurz zuvor hatte mir Kessler verraten, wie man Experten in Laien verwandelt.

Schalen aus Fassdauben sind der Renner

Der „Zwetschga“-Kenner ist erwartungsgemäß mit seinem Latein am Ende. Im Querschnitt hat das Holz außen einen hellen Ring, innen ist es dagegen sehr dunkel. Selbst ein veritabler Forstwirt wird später daran scheitern. „Goldregen“, sage ich triumphierend. Und wer dann immer noch glaubt, etwas von Holz zu verstehen, den bringe ich mit einem Stückchen Mammutbaum zum Verstummen. So einfach zwingt man also Kenner in die Knie.

Aber am Stand geht es nicht nur um Warenkunde und Holz-Fortbildung, es geht auch ums Geschäft, und das läuft gut. Der Renner sind Schalen, die Kessler aus alten Eichenfässern fertigt, aus „Fassdauben“. Jede ist anders gezeichnet, die Form leicht gekrümmt. „Fällt da nicht alles herunter?“ fragt eine Frau. „Nein“, antwortet ihr eine andere. Sie ist überzeugte Kundin und hat schon im letzten Jahr eine Schale gekauft, die sie eigentlich verschenken wollte und dann selber behielt.

Wo bitte liegt denn Bietenhausen fragen fast alle, nachdem sie einen Blick auf Kesslers Visitenkarte geworfen haben. „Das ist hinter Hirrlingen“, erkläre ich. Und es gibt Leute, die dann immer noch ratlos gucken. „Hirrlingen liegt hinter Rottenburg“, sage ich seufzend. Aber wenn ich zurückfrage, wo die Weihnachtsmarktbesucher selber herkommen, verstehe ich auch immer nur „…ingen“.

Die meisten Kunden und Kundinnen fahren begeistert mit den Händen übers Holz, schwärmen vom Aussehen und wünschen sich eine größere Wohnung, um eine Riesenschale aufstellen zu können, die Kessler aus einem 1200-Liter-Fass gewonnen hat. Nicht auszudenken, wird gewitzelt, was passieren würde, wenn Kessler das 84 000 Liter fassende Tübinger Fass in die Hände bekäme.

Die wenigsten Kunden neigen zum schnellen Kauf. Die meisten betrachten eine Schale, dann die nächste, schwanken zwischen hellerer, breiterer, dunklerer oder wilder gemaserter und zurück. Aber sobald ein anderer sich für eines der in die engere Wahl gezogenen Bretter interessiert, wirkt das unbedingt Kauf beschleunigend. Eine Frau nimmt daraufhin gleich zwei Schneidebretter mit. Zusammen sind sie so schwer, dass sie sie kaum abtransportieren kann.

Kessler bietet an seinem Stand auch dicke, ausgesägte Holzsterne, Kartoffelstampfer, Holzkegel als Schmuckablage, Holzanhänger. Doch der Kleinkram zieht weniger Blicke an. Vor zwei, drei Jahren waren die Holzsterne sehr gefragt, berichtet er. Aber auch der Weihnachtsmarkt hat seine Moden. Mittlerweile fahren die Kunden mehr auf bunte Holzsterne ab, die auf Äste gespießt sind. „Nee“, sagt Kessler, „sowas mach ich nicht.“

Wärmender Schnaps und magnetischer Baum

Als es dunkel wird, passiert Merkwürdiges. Den ganzen Tag hatte sich niemand für die Messer aus Damaszener-Stahl interessiert, die als Deko-Artikel an einem Eichenbrett kleben. Das sei Holz vom australischen Magnetbaum, hatte Kessler der Kundschaft weiszumachen versucht. Die Meisten kamen den in Holz eingelassenen Magneten schnell auf die Spur. Nun interessieren auf einmal die Messer. Laden sich Dinge durch die ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit magnetisch auf, frage ich mich und verstärke die Kraft von Woolpower mit einem „Zwetschga“-Schnaps.

Händler in kalter Zeit – wie fühlt sich Verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt an?
Schmuckkegel, Kerzenhalter, Sterne … Edwin Kessler macht fast alles aus Holz, nur Buntes macht er nicht. Die TAGBLATT-Redakteurin Ulla Steuernagel half ihm am Samstag in seinem Verkaufsstand auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt.

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17.12.2012, 12:00 Uhr

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