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Eine Investition für Jahrhunderte

Härten-Gemeinderäte gehen auf Zeitreise ins Mähringer Baudenkmal

Die Sanierung des ältesten Mähringer Hauses ist jetzt abgeschlossen. Die künftigen Bewohner begeben sich beim Stiegensteigen oder Türaufmachen auf eine Zeitreise.

16.09.2010
  • Mario Beisswenger

Mähringen. „Wenn man sich vorstellt, wie oft die auf- und zugegangen ist.“ Wolfgang Bloos hat eine Tür aus dem späten 17. Jahrhundert in der Hand und lässt sie in der Angel schwingen. So wie die vielen Bewohner des Hauses, das heute die Adresse Neckar-Alb-Straße 44 trägt. Bloos ist der Architekt, den die Bauherrin Brigitte Stöttner engagierte, um das Baudenkmal zu sanieren. Am Dienstagabend lud Stöttner den Gemeinderat zum abschließenden Rundgang nach gut zwei Jahren Wiederaufbauarbeit ein.

Der Kirchheimer Architekt Bloos, mit dem Stöttner schon zuvor ein Denkmal restaurierte, konnte nicht nur auf die alte Drehzapfentür zeigen. Im ganzen, 1682 aufgerichteten Haus finden sich Spuren der Geschichte. „Es ist wie ein großer Abenteuerspielplatz“, meinte Gemeinderätin Gudrun Witte-Borst (Härtenliste). Vielleicht ist es mehr ein Zeittunnel. Die Treppe vom Erdgeschoss in den ersten Stock ist zum Beispiel dicht dran an der Urform der Treppen, wie Bloos erklärte. „Das ist eigentlich nur eine leichte Verbesserung gegenüber Baumleitern aus der Steinzeit.“ Ein bisschen bequemer wurde sie fürs 21. Jahrhundert ausgelegt. Mit einer Auffütterung haben die Handwerker den Auftritt verbreitert.

Hergerichtet ist auch die Haustüre aus der Biedermeierzeit. Die Stabfelder-Decke aus dem Wohnzimmer kam ins danebenliegende Eßzimmer, um die Blockbohlendecke aus der Bauzeit wieder sichtbar zu machen. Dazwischen sind moderne Bauelemente eingefügt. Ein neuer, mit Holz befeuerter Kachelofen steht zwischen Küche, Wohn- und Essraum. Der Rest des Hauses mit rund 180 Quadratmetern Wohnfläche auf drei Etagen wird über Erdwärme beheizt.

Die Sanierung betrieb Stöttner in enger Abstimmung mit dem Denkmalamt. Aufreibend, wie von anderen Bauherren zu hören, sei die Zusammenarbeit nicht gewesen, sagt die Investorin, die jetzt wohl auch einen ersten Mieter für ihr Objekt gefunden hat. Ein kleine Irritation sei vielleicht gewesen, dass die Trennwand im Erdgeschoss unbedingt erhalten bleiben musste.

So gut gedämmt wie ein Neubau

Ähnlich zufrieden äußert sich auch der Architekt. „Ein Knackpunkt war aber der Brandschutz.“ Auf einer Seite grenzt das historische Gebäude dicht an die Bebauung. Eigentlich ein klarer Fall für hoch brandfestes, dafür aber auch schweres Glas. Die historischen Rahmen hätten das nicht tragen können. „Da muss man dann im guten Umgang mit dem Sachbearbeiter eine Lösung suchen.“ Bloos fand sie und jetzt sind die äußeren Fenster mit ihren Bascule-Beschlägen erhalten. Die Mieter werden sich daran gewöhnen, dass Fenster nicht am Einhandgriff zu öffnen sind, sondern stattdessen die Riegel bewegt werden müssen. An zwei Stellen im Haus können sie gar die wiederhergestellten Schiebeläden vor die Fensteröffnung befördern. Ganz wie im 17. Jahrhundert.

Zu achten war nicht nur auf den Erhalt der historischen Substanz und deren vorsichtige Ergänzung, zu achten war auch auf einen sorgsam berechneten Wärmeschutz. Was gar nicht passieren dürfe, so der Architekt: einen Wärmeschutz aufbringen, der zu Mauerfeuchte führt. Gleichzeitig braucht es aber Dämmung für zeitgemäßes Wohnen. Mit Holzfaserplatten und einer Ausgleichschicht zum mit Lehm ausgefachten Balkenwerk sei das gelungen. Erreicht worden sind damit Dämmwerte durchschnittlicher Neubauten.

Mit den Handwerkern ist Stöttner vor allem da zufrieden, wo es sich um Firmen handelt, die sich auf die Anforderung einer Sanierung einlassen. „Schwierigkeiten gab es eigentlich nur mit Firmen, die auf Neubauten festgelegt sind.“ Wie viel sie in das älteste Haus von Mähringen investierte, will Stöttner immer noch nicht sagen. Bloos gibt auch keine Auskunft, wie stark der Baupreis von einem Neubau abweicht. Das habe auch keinen großen Sinn. Bei so einem alten Gebäude müsse man in langen Zeiträumen rechnen. Was sei schon ein Abschreibungszeitraum von 30 Jahren bei einem mehr als 300 Jahre alten Haus. „In einem Neubau sind Investitionen nach 30 Jahren vielleicht schon nichts mehr wert.“

Geld allein sei beim Denkmalschutz auch gar nicht der Maßstab, meint Rainer Stöttner. Wichtig sei doch, dieses alte Bauzeugnis gerade noch vor dem endgültigen Zerfall bewahrt zu haben. Bei den ersten Besuchen seien noch Farne in den Zimmern hinter der fast gänzlich zerstörten Westfassade gewachsen. „Jetzt lebt was weiter, was sonst verloren gegangen wäre.“

Härten-Gemeinderäte gehen auf Zeitreise ins Mähringer Baudenkmal
Die Trennwand im Hintergrund hätte Bauherrin Brigitte Stöttner (im roten Jackett) gerne weggehabt. Das Denkmalamt überzeugte sie aber auch hier, dass die Wand zum Haus gehört. Architekt Wolfgang Bloos erklärt hier unter anderem Bürgermeister Jürgen Soltau (heller Anzug) die Umbaumaßnahmen. Bild: Metz

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16.09.2010, 12:00 Uhr

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