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Betreuung darf kein Luxus werden

Häusliche Krankenpfleger sehen Pflegenotstand

Der Pflegenotstand ist längst da, kritisieren ambulante Pflegedienste aus der Region. Gemeinsam mit der Waiblinger SPD-Landtagsabgeordneten Katrin Altpeter forderten sie am Mittwoch ein rasches Gegensteuern der Politik.

02.09.2010
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Der vom Stuttgarter Sozialministerium favorisierte Alltagsbegleiter, der Betreuungsengpässe ausgleichen soll, „ist aus unserer Sicht eine Luftnummer“, sagte Herbert Heidl vom Geschäftsführer-Team des ambulanten Dienstes Mobile Hauskrankenpflege (MHP) gestern beim gemeinsamen Pressegespräch in den Firmenräumen im Französischen Viertel. „Sozialministerin Monika Stolz hat bisher nicht gesagt, wie Alltagsbegleiter von einer Fachkraft angeleitet und wie sie Supervision erhalten sollen.“

Allein MHP beschäftigt derzeit mehr als 130 Mitarbeiter/innen. Neueinstellungen seien „auf dem Markt nicht verfügbar. Wir könnten sofort 18 Leute zusätzlich einstellen.“ Auch der jüngst vereinbarte Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde für Pflegekräfte helfe da nicht. „Für 8,50 Euro bekommt man niemand.“ Von künftigen Absolventen eines Bachelor-Studiums Pflege verspricht sich Heidl ebenfalls keine Entlastung. „Wer studiert hat, will in die Verwaltung“, sagte er. „Wir brauchen eine Bildungsoffensive Fachpflege – und nicht wieder nur PR-Maßnahmen der Politik.“

Weniger Geld heißt weniger Qualität

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Katrin Altpeter ist von Beruf gelernte Altenpflegerin und Lehrerin für Pflegeberufe. Ihr fehlt die Abgrenzung des so genannten Alltagsbegleiters zur qualifizierten Pflegefachkraft. „Es besteht die Gefahr, dass Qualifikationen geringer werden – bei steigenden Anforderungen.“ Denn ambulante Pflegeleistungen haben sich in den letzten Jahren stark verändert, seien viel anspruchsvoller geworden, sagte die 46-jährige Politikerin. „Häufig sind Patienten bis in die letzten Stunden zuhause.“

„Patienten werden viel früher aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen“, ergänzte Claudia Miller, bei MHP für die Pflegedienstleitung verantwortlich. „Das kann kurz nach einer Operation sein, wenn die Wundheilung noch nicht abgeschlossen ist.“ Außerklinische Beatmung sei vor 20 Jahren noch nicht denkbar gewesen. „Die Medizin macht es möglich, die Pflege darf es auffangen“, sagte Miller.

Im Vorbildland der Fallpauschalen, den USA, seien ambulante Dienste von Anfang an in die Behandlung eines Patienten eingebunden, um einen schonenden Übergang von der Klinik nach Hause zu gewährleisten, weiß Miller aus eigener Anschauung. „Was ist bei der Entlassung zu beachten? Wohin kann sich der Patient bei Problemen wenden?“ Dieser Aspekt der Patientenversorgung werde in Deutschland nur halbherzig beachtet.

Nicht nur die Politik, auch die Krankenkassen schätzten Qualität in der Pflege bisher viel zu wenig, kritisierte Stefan Kraft, Leiter der Stuttgarter Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands der privaten Anbieter sozialer Dienste. „Eine große Kasse in Baden-Württemberg will Pflegediensten aufzwingen, dass bestimmte Leistungen von ungelernten Kräften gemacht werden“, berichtete Kraft: „Es geht um eine Absenkung der Vergütung.“

Betroffen seien Handreichungen wie Medikamente geben, Blutzucker oder Blutdruck messen, Insulin spritzen oder Kompressionsstrümpfe anziehen, sagte Kraft. „Dass häusliche Pflege die Krankenbeobachtung übernimmt, wird von der Kasse nicht berücksichtigt.“ Dabei kann es um lebenswichtige Beobachtungen gehen: „Wie wirkt das Medikament, ist es überdosiert?“, erläuterte Miller. Sie alle wollen verhindern, „dass Pflege ein Luxusgut wird, das sich nicht mehr jeder leisten kann.“ Von Krankenkassen, Verbänden und den Sozialministerien forderte er, Pflegekräften endlich eine Bezahlung zu garantieren, „die unter heutigen Bedingungen Existenzsicherung ermöglicht – auch für Alleinverdiener.“

Pflegeberuf braucht Ausbildungsboom

Der Pflegeberuf bedürfe einer bestimmten Ethik, betonte Heidl. Dazu gehöre, sich für die Patienten genügend Zeit zu nehmen. Seine Mitarbeiter/innen kümmerten sich beispielsweise in der drei- bis vierstündigen Abendschicht um zehn Patienten, so Heidl. „In einer normalen Sozialstation dürften es zirka 40 Patienten sein.“

Schon in den kommenden zehn Jahren werde sich der Fachkräftemangel noch verschärfen, warnte auch Raico Jahn, Pflegedienstleiter und Geschäftsführer beim Tübinger ambulanten Dienst „Pflegemobil“ (mit Außenstellen in Rottenburg und im Steinlachtal). „Im Jahr 2020 müsste jede vierte Ausbildungsstelle im Gesundheitsbereich angesiedelt sein, um die älter werdende Gesellschaft zu versorgen. Davon sind wir weit entfernt.“

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