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Spätes Geständnis erspart Opfern die Aussage

Haftstrafe für 54-Jährigen wegen Kindesmissbrauchs

Das Reutlinger Schöffengericht hat gestern einen Münsinger Familienvater zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Er hatte sich zehnmal sexuell an seinen Nichten vergangen.

26.06.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen / Münsingen. Zwölf Zeugen hatte das Gericht geladen, darunter die zwei älteren Opfer des Angeklagten. Er ist ihr angeheirateter Onkel. Die drei Nichten sind heute 23, 20 und neun Jahre alt. Die Älteren spüren laut Richter immer noch die Folgen der Übergriffe – eine leidet unter Depressionen, die andere tut sich schwer, Beziehungen zu Männern einzugehen.

Die Zeugen mussten nicht aussagen. Zu Beginn des dritten Verhandlungstages kündigte der Angeklagte gestern eine Erklärung an. Darauf schloss Richter Eberhard Hausch die Öffentlichkeit für anderthalb Stunden aus. Der Angeklagte räumte die Vorwürfe über seine Verteidiger ein. So ersparte er den Opfern den Auftritt vor Gericht. Auch die Plädoyers waren unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Staatsanwältin Rotraud Hölsch beantragte drei Jahre Haft, Verteidiger Rolf Krause Bewährung.

Wie berichtet, reichen die Vorwürfe bis 1995 zurück. Der Angeklagte hatte die Nichten mehrfach betatscht und versucht, sie zu sexuellen Handlungen zu nötigen. Als ein Mädchen einen Asthma-Anfall erlitt, ließ er von ihr ab. Ein andermal folgte er einem der Mädchen ins Gebüsch, als es urinieren wollte. Einen weiteren Vorwurf wegen gefährlicher Körperverletzung stellte das Gericht nach Geständnis der Missbrauchsdelikte ein – laut Anklage war er 2011 auf einen Schwager und dessen Frau losgegangen. Hausch zeigte sich erschreckt über Parallelgesellschaften – selbst bei vermeintlich „ganz normale Prozessen“ sei nun schon Polizeischutz erforderlich (siehe Kasten). Zu Gunsten des Angeklagten wertete das Schöffengericht dessen Geständnis über den Verteidiger. Der Angeklagte „schämt sich so sehr, dass er es nicht über die Lippen bringt“, so Hausch.

Der Mann sei gesteigert haftempfindlich und rangiere in der Vollzugsanstalt als Sexualstraftäter, der sich an Kindern vergangen hatte, an der untersten Stufe der Hierarchie. Zudem verliere er durch das Urteil den Rückhalt seiner Großfamilie. Auch, ob seine Frau und seine Kinder weiter zu ihm halten, sei offen. Zudem verliere er wohl seinen Job – was allerdings auch dazu führte, dass ihm das Gericht keine günstige Sozialprognose stellte. Gegen ihn spreche, dass er zu Beginn des Verfahrens die Opfer schlecht gemacht und der Lüge bezichtigt hatte, ebenso die Spätfolgen bei den Opfern und die neunfache Wiederholung des Delikts. Spätestens nach dem zweiten Vorfall habe er erkennen müssen, dass es sich um keinen einmaligen Ausrutscher gehandelt habe, und psychologische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, sagte der Richter. Der Mann habe das Vertrauen der Kinder missbraucht. Der Haftbefehl gegen ihn bleibt wegen Fluchtgefahr in Vollzug.

Info: Vorsitz: Eberhard Hausch; Schöffen: Renate Beck-Proföhr, Wilhelm Brielmann; Staatsanwältin: Rotraud Hölscher; Nebenklage: Iris Renner, Stephan Lohrmann; Verteidiger: Rolf Krause, Reinhard Meister; Kriminalpsychologin: Ursula Gasch.

Tumultartige Szenen spielten sich gestern im Saal eins des Amtsgerichts ab. Richter Eberhard Hausch schloss nach Urteils-Verkündung vor der Begründung die Öffentlichkeit aus, nur Journalisten und die Nebenklägerinnen durften zuhören. Darauf regten sich einige aus der Großfamilie des Angeklagten und der Opfer auf. Man hörte laute Rufe, Frauen brachen fast in Tränen aus. Am Saaleingang, wo der Angeklagte saß, bildete sich ein kleiner Auflauf. Polizisten, die kontrolliert hatten, sicherten den 54-Jährigen ab, der sich zu den Verteidigern drängte. „Ich fühlte mich noch nie so schnell in einer Entscheidung bestätigt“, meinte Hausch.

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26.06.2012, 12:00 Uhr

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