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Wenn die Kunst abhebt

Hajeks Plastik wird für 5000 Euro restauriert

Abgehobene Kunst ist normalerweise vor allem auf der Documenta in Kassel zu sehen – aber gestern hat auch Reutlingen mithalten können: Die Plastik „Stadtzeichen 1972/85“ von Otto Herbert Hajek vor dem Rathaus ist vom Sockel geholt und zur Sanierung nach Pfullingen verfrachtet worden.

23.08.2012
  • Thomas de Marco

Reutlingen. 9.36 Uhr, nach gut einer Stunde Arbeit, liegt der 4,6 Tonnen schwere Koloss auf dem Lastwagen der Firma Anton Geiselhart, die in den nächsten zwei, drei Wochen die Skulptur für etwa 5000 Euro sanieren wird. Bis die Plastik aus verzinktem Blech mit ihrem schweren Sockel aus Beton allerdings durch die Luft schweben und auf dem Transporter landen kann, muss die mit dem Kranwagen angerückte Reutlinger Feuerwehr zweimal die Seilschlingen neu justieren und ansetzen.

„Das Problem ist nicht so sehr das Gewicht, sondern dass wir den Kipp-Moment richtig erwischen“, sagt Brandoberinspektor Bernd Schnitzer, 54, der bereits 1997 dabei war, als das 1987 aufgestellte Stadtzeichen erstmals zur Renovierung abhob. „Damals war der Zustand aber nicht so schlecht wie heute“, erinnert sich Monika Geiselhart, die nun zum zweiten Mal die Flächen des Kolosses reinigt, die Farbe auffrischt und korrodierte Schweißnähte erneuert.

Gestern, beim ersten Versuch, die Plastik zu kippen, hat sie Angst, dass die Spitze abbricht. „Aber es ist erstaunlich, was Schweißnähte aushalten“, sagt Geiselhart, während die Feuerwehr die Skulptur wieder in die Senkrechte entlässt, um auf der Suche nach dem Kipp-Moment die Seile neu anzulegen.

Das „Stadtzeichen 1972/85“ sei mittlerweile so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt, erklärt Herbert Eichhorn, der Leiter des Städtischen Kunstmuseums Spendhaus. Die Plastik war 1987 in Florenz ausgestellt worden und kam im selben Jahr nach Reutlingen. Fünf Jahre später kaufte Reutlingen die Arbeit für damals 235 000 Mark (etwa 120 000 Euro). „Die Stadt hat nicht so viele Objekte, obwohl Kunst im öffentlichen Raum immer wichtiger wird“, betont Eichhorn. „Kunst kann solche Plätze wie vor dem Rathaus attraktiver machen. Die Leute treffen auf Kunst, ohne dass sie es groß merken.“

Das ist ganz im Sinne des vor sieben Jahren verstorbenen Künstlers. „Durch künstlerische Arbeit werden Zeichen einer humanen Gesellschaft gesetzt, die auf ein Ziel ihres Lebens weisen“, hat Hajek einmal gesagt. Vor allem Kinder nehmen die Plastik wahr, beobachtet Zuzanne Bay, 31, die seit sechs Jahren im Café „Alexandre“ bedient. „Die Skulptur ist es auf jeden Fall wert, dass sie erneuert wird – so etwas gibt es nicht überall zu sehen“, sagt die aus dem polnischen Grudziadz (Graudenz) südlich von Danzig stammende Frau.

Als der Kunst-Koloss endlich mit einem Ruck den Kipp-Punkt überwunden hat und auf dem Lastwagen sanft gelandet ist, bedankt sich Eichhorn bei Einsatzleiter Schnitzer. „In zwei, drei Wochen sehen wir uns wieder“, sagt er. Dann wird die Feuerwehr das frisch herausgeputzte Werk wieder vor dem Rathaus aufstellen. „Das ist auch nicht unser Alltagsgeschäft, aber es macht Spaß“, erklärt der Brandoberinspektor nach seinem Einsatz für die Kunst.

Hajeks Plastik wird für 5000 Euro restauriert
Kunst am Haken: Gestern ist die Plastik von Otto Herbert Hajek vor dem Reutlinger Rathaus abtransportiert worden. Dabei war es gar nicht so einfach, den standhaften Koloss zum Kippen zu bringen.

Hajeks Plastik wird für 5000 Euro restauriert

Otto Herbert Hajek wurde 1927 in Kaltenbach (Böhmen) geboren und starb 2005 in Stuttgart, wo er seit seinem Bildhauer-Studium 1947 lebte und wirkte. Er prägte in Deutschland mit seinen Stadtzeichen die Kunst im Raum und wurde weltberühmt. Zu Hajeks Auftraggebern zählten die Katholische Kirche, öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten, Städte, Universitäten Unternehmen sowie der Bund. Plastiken oder Wandbilder des Künstlers stehen bei den deutschen Botschaften von Montevideo (Uruguay) oder Lomé (Togo), vor der ADAC-Zentrale in München und dem Mineralbad Leuze in Stuttgart, beim ehemaligen Bundesverkehrsministerium in Bonn oder als Brunnen in Mühlheim/Ruhr. Der Künstler gestaltete in Adelaide (Australien) einen ganzen Platz. In Reutlingen ist von ihm nicht nur die Plastik „Stadtzeichen 1972/85“ aufgestellt, sondern auch die 1985 von der Oberpostdirektion Stuttgart in Auftrag gegebene Skulptur vor dem Fernmeldeamt. Er war von 1972 bis 1979 Vorsitzender des Deutschen Künstlerbunds. 1978 wurde ihm die Ehrenpromotion der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen verliehen. Ansonsten hatte Hajek wenig Glück mit Tübingen: Vier 1970 anlässlich seiner Bilderausstellung in der Zimmertheater-Galerie aufgestellte Plastiken wurden zerstört. „Leider zerlegten unbekannt gebliebene Vandalen gewaltsam die Stadtzeichen oder Platzmale. Abgerissene Zacken, zerkratzte Oberflächen, umgeworfene Objekte wurden jugendlichen Aggressionen zugeschrieben“, hieß es im TAGBLATT.

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23.08.2012, 12:00 Uhr

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