Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Noch keine Ersatzteile für demolierte Schranke gefunden

Handarbeit am Rottenburger Bahnübergang

Die Bewohner der Häuser beim Rottenburger Bahnübergang sind weitgehend besänftigt. Die Schranke ist zwar noch nicht repariert, aber ein Bahnübergangsposten sorgt ohne Tuterei für Sicherheit. Das bezweifelt ein Fachingenieur; er hält die jetzige Absicherung für gefährlich. In ein, zwei Jahren soll der Bahnübergang komplett modernisiert werden.

16.09.2014
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Ganz ohne Tuten geht es noch nicht ab an der Hirsch-Kreuzung, aber nach Angaben einiger dort Wohnender ist der Mann mit der Tätigkeitsbezeichnung „Bahnübergangsposten“ derzeit von frühmorgens bis gegen Abend aktiv. Er ersetzt den von einem Auto angefahrenen und beschädigten Schrankenarm, der sich seit zehn Tagen nicht mehr absenken lässt (wir berichteten). Es könnte noch zwei, drei Wochen dauern, bis das nötige Ersatzteil besorgt oder sogar extra angefertigt ist, sagt Rottenburger Baubürgermeister Thomas Weigel.

Auch bei der Stadtverwaltung, nicht nur beim TAGBLATT, hatten sich Leute beschwert – manche wegen des Lärms, andere wollten, dass sich das Rathaus bei der Deutsche Bahn dafür einsetzt, dass die Anlage schnellstmöglich wieder voll betriebsfähig ist. Zu Lärm kommt es, wenn kein Bahnübergangsposten da ist. Denn dann müssen alle Züge vorm Bahnübergang anhalten und vollkommen zum Stillstand kommen. Beim Wiederanfahren müssen die Lokführer aus Sicherheitsgründen ein Signalhorn auslösen.

Hochstehende Schranke könnte irritieren

Der Bahnübergangsposten, der nun an der Schranke aufpasst, gilt als so sichernd, dass die Züge ohne anzuhalten durchfahren dürfen, obwohl einer der vier Schrankenbäume gen Himmel zeigt. Der Posten steht in Kontakt mit dem Fahrdienstpersonal. Jedes Mal wenn die anderen drei Schranken bei Herannahen eines Zuges mit Gebimmel in die Waagerechte gehen, zieht der Posten seine weiß-rote Sicherheitsgirlande vom Gehäuse der demolierten Schranke zur Straßenmitte. Dort hält er das Ende an die Spitze der anderen Schranke (siehe Foto). So ergibt sich das Bild, als wären alle Arme der Schranke geschlossen. Wenn der Zug durchgefahren ist, lässt der Posten die Girlande wieder zusammenschnurren und wartet auf den nächsten Zug. Gestern Abend war er immerhin noch gegen 20 Uhr aktiv.

Das Sichern des Bahnübergangs entweder durch Zug-Stopp und Warnsignal oder durch den Übergangsposten entspreche zwar den Vorschriften, aber insgesamt ließen sich Gefahren noch weiter minimieren, sagt Franz Schilberg. Schilberg ist ein pensionierter Verkehrssicherheitsingenieur. Er hat nach eigener Aussage über 30 Jahre in einem von der Versicherungswirtschaft finanzierten Büro für Verkehrssicherheitsfragen in Berlin gearbeitet. Er verfolgt bundesweit Nachrichten über Unfälle nicht nur an Bahnübergängen, sondern auch mit Straßen-oder Stadtbahnen oder auf Brücken.

Fällt Schilberg etwas auf, meldet er sich bei der örtlichen Zeitung. Manch tödlicher Unfall wäre zu vermeiden gewesen, wenn die zuständigen Stellen auf umfassende Verkehrssicherheit geachtet und nicht nur die Norm erfüllt hätten, behauptet er. Im Falle Rottenburgs sagt er: Entweder muss der defekte Schrankenbaum abmontiert oder er muss mit einem Überzug unkenntlich gemacht werden.

Schilberg begründet das mit der Signalwirkung, die ein hochstehender, weiß rot reflektierender Schrankenbaum aussende: Die Schranke ist offen, du kannst fahren. Wenn es dunkel ist und womöglich auch regne, könnten Autofahrer in den Sekundenbruchteilen ihrer Entscheidung solch ein falsches Signal in ein fatales Verhalten umsetzen. Zudem hätten Züge keine seitlichen Reflex-Markierungen, die den Fahrer rechtzeitig informierten. Auch die Sicherheitsgirlande reflektiere das Fahrtlicht der Autos nicht.

Deshalb sei die Absicherung eines Bahnübergangs, wie sie gerade in Rottenburg von der Bahn praktiziert wird, „eigentlich nicht mehr erlaubt“, sagt Schilberg. Dramatisch sei das jedoch nicht, „denn das Rotlicht ist ja da“. Da freilich irrt Schilberg, der den Bahnübergang ja gar nicht kennt. Es gibt Andreaskreuze, ein Läutwerk – aber kein Rotlicht.

Baubürgermeister Thomas Weigel bestätigte gestern die Beschwerden. Er habe deshalb bei den Zuständigen darauf hingewirkt, dass der Bahnübergangsposten kommt. Wie Weigel sagte, sei die Stadt seit Jahresanfang ohnehin mit der Bahn enger in Kontakt, denn der Bahnübergang soll grundlegend modernisiert werden. Mitte Oktober gebe es das nächste Abstimmungsgespräch.

Jetzt zickt auch schon die große Bahnhofsuhr

Im Prinzip werde sich am Bahnübergang nicht viel ändern; das lassen die Platzverhältnisse gar nicht zu. Aber es wird, wie es die heutigen Vorschriften verlangen, für Fußgänger und Radler einen separaten, von der Straße getrennten Streifen und separate Schranken geben. Für die Bushaltestelle gleich am Beginn der Weilerstraße ist dann kein Platz mehr. Die beiden Zufahrten zum Parkplatz des Gasthofs „Hirsch“ und zum Parkplatz Ladestraße sind ganz nah an den Gleisen schlecht angelegt. Da erwartet sich der Baubürgermeister von dem Wettbewerb für das ausgewiesene Sanierungsgebiet realisierbare Ideen.

Weigel geht davon aus, dass die Sache mit den Bahnübergangsposten nur eine Sache von Tagen ist, auch wenn ihm einer der Bahnleute gesagt habe: „Ich weiß nicht, wo ich das Ersatzteil herkriegen soll. Wir suchen bundesweit.“ Diese Art, den Bahnübergang zu sichern sei teuer, meint Weigel. Die Posten kommen von einer Fremdfirma, die die Bahn bezahlt.

So war es auch vor einigen Jahren im Hagener Stadtteil Rummen ohl, wo ein Blitzschlag die gesamte Schrankenanlage zerstört hatte. Auch dort war es laut einem Bericht der „Westfälischen Rundschau“ schwierig, Ersatzteile zu beschaffen. Am Rottenburger Bahnhofsgebäude, das jetzt der Stadt gehört, zeigen sich unterdessen Altersschwächen: Die große Uhr an der Frontseite geht seit Anfang der Woche fünf Minuten nach.

Handarbeit am Rottenburger Bahnübergang
Ein Bahnübergangsposten am Rottenburger Bahnübergang in Aktion. Mit einer Sicherheitsgirlande imitiert er den Schrankenbaum, der rechts daneben in den Himmel ragt und sich nicht senken lässt. So abgesichert können die Züge ohne anzuhalten durchfahren.Bild: Fleischer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.09.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball