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Vor 60 Jahren fielen die Konfirmations-Geschenke nicht so üppig aus

Handtücher und ein paar Mark

Ins Gasthaus? Von wegen. Große Geschenke? Eher nicht. Viel bescheidener wurde in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Konfirmation gefeiert. Der Lustnauer Richard Kehrer ließ sich 1952 konfirmieren und wurde mit 62 anderen Jugendlichen in die erwachsene Kirchengemeinde aufgenommen.

25.04.2012
  • Filipp Münst

Tübingen. „Die Kinder heute würden sich ins Fäustchen lachen bei diesen Geschenken“, glaubt Richard Kehrer, 1. Vorsitzender des Lustnauer Geschichtsvereins. Zur Konfirmation im März 1952 bekamen er und die 62 anderen Lustnauer Konfirmanden „a bissle Geld – vielleicht zehn, meistens aber eher zwei bis fünf Mark“, erzählt er. Dazu Handtücher aus den Lustnauer Webereien Egeria und Jope – die Mädchen außerdem Sammeltassen und teilweise Silberbesteck, die Jungs manchmal Armbanduhren oder Teile für ihr altes Fahrrad. „Aber sicher kein neues Rad“, betont Kehrer.

Dabei hatte die Konfirmation vor 60 Jahren eine größere Bedeutung als heute, schließlich feierte fast der komplette Jahrgang 1937/38 Konfirmation – bis auf eine Handvoll katholischer und neuapostolischer Jugendlicher. Hinzu kamen sechs Konfirmanden aus der Sophienpflege. Für die meisten endete gleichzeitig die Schulzeit, wie auch für Kehrer, der eine Lehre als Maschinenschlosser begann. „Mir persönlich war damals das Ende der Schulzeit wichtiger, aber die Konfirmation war eine schöne Begleitung dieser Zeit und hat mich auf das Berufsleben vorbereitet“, sagt Kehrer.

Für viele war das Auswendiglernen und Aufsagen von Katechismustexten oder Bibelversen vor versammelter Gemeinde eine völlig neue Situation. „Auch solche, die unter Kameraden frech waren, wurden da kleinlaut“, erinnert sich Kehrer.

Manche hatten Spickzettel in der Hand, anderen half Pfarrer Hans Weber, wenn sie stockten. Das Aufsagen der Glaubensinhalte probten die Konfirmanden ein Jahr lang im Konfirmationsunterricht. Davor saßen sie bereits einmal wöchentlich im „Zuhörerunterricht“ in der Dorfackerschule – jeweils streng nach Jungen und Mädchen getrennt. Auch beim Ausflug vor der Konfirmation nach Erkenbrechtsweiler reisten die Jungs erst an, als die Mädchen abreisten.

Im Sommer ärgerten sich die Konfirmanden stets, wenn sie bei schönem Wetter im Unterricht ihren Stoff übten, während die anderen draußen spielten. „Wir waren natürlich nicht so begeistert vom Aufsagen, heute sehe ich das anders – es war ein gutes Training fürs Gehirn“, so Kehrer. Nach dem Kirchgang am 23. März 1952 versammelten sich die Konfirmanden (unter ihnen war auch Kurt Friesch, der spätere Stadtrat und Direktor der Volksbank) vor der Dorfackerschule, wo auch das Bild entstand.

Anschließend ging jeder zu sich nach Hause und nicht in die Gaststätte. Kehrer: „Ich habe mit vielen gesprochen, und das war bei allen so.“ Heute sei das eine „wahre Fressorgie“. Bei ihm zu Hause gab es einen Braten mit breiten Nudeln und Kartoffelsalat, keinen grünen Salat, denn den gab es damals im März noch nicht. Dazu Most und für die Kinder Sprudel. Für viele Kinder war es aber auch ein trauriger Tag, weil oft Vater oder Onkel im Krieg gefallen waren, die sie nun vermissten.

Eine Woche nach der Konfirmation stand für die Lustnauer Konfirmanden das erste Abendmahl an. „Heute lädt der Pfarrer ja oft auch die Kleinen dazu ein, damals war es noch etwas ganz Besonderes“, erinnert sich Kehrer. Darauf folgte ein Jahr lang sonntags um 8.30 Uhr die Christenlehre, aber diesmal gemischt. Das Abfragen der Glaubensinhalte entfiel. „Da war nichts mit Ausschlafen am Sonntagmorgen.

Es sind aber fast alle gekommen“, sagt er. Auch zur „Goldenen Konfirmation“ vor zehn Jahren kamen viele damalige Konfirmanden. Sie kannten ihre Katechismustexte noch, jeder erhielt eine Karte vom Pfarrer zur Erinnerung. Zur 60-Jahr-Feier konnte Kehrer nicht viele begeistern, sie fiel aus. Für ihn bleibt die Konfirmation trotzdem in sehr guter Erinnerung, auch wenn er zugibt, kein regelmäßiger Kirchgänger zu sein. „Aber dazu stehe ich“, sagt er.

Handtücher und ein paar Mark
Mit Pfarrer Hans Weber (ganz oben, zweiter von rechts) feierte der Jahrgang 1937/38 die Konfirmation in der evangelischen Kirche in Lustnau am 23. März 1952.Richard Kehrer ist der Dritte von rechts in der dritten Reihe von oben.Bild: Privat

Handtücher und ein paar Mark
Richard Kehrer Bild: Münst

Im vergangenen Jahr ließen sich in der Gesamtkirchengemeinde Tübingen 146 Jungen und Mädchen konfirmieren. Fast genau so viele Konfirmanden gab es in den Tübinger Stadtteilen, insgesamt waren es damit 291 Konfirmierte. Wie viele Mädchen und Jungen sich dieses Jahr konfirmieren lassen, steht noch nicht fest. Die Zahlen liegen erst zu Beginn des kommenden Jahres vor. Die Konfirmanden der Stiftskirche und der Eber hardskirche haben ihre Konfirmation bereits hinter sich. Die beiden Termine für Lustnau sind der 13. und der 20. Mai. Karl-Theodor Kleinknecht, Ortspfarrer der Stiftskirche, stellt auch heute fest, dass die Jugendlichen ernster werden, sobald es auf die Konfirmation zugeht. Sie sei nach wie vor sehr verwurzelt im Glauben der Menschen. Die Jungen und Mädchen bejahten ihre Entscheidung innerlich, in die Erwachsenengemeinde aufgenommen zu werden. Unterricht und Konfirmation seien heute jedoch nicht mehr so streng wie damals, die Jugendlichen brauchten keine Bibelverse mehr aufsagen, sondern gestalten zusammen mit dem Pfarrer den Gottesdienst.

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25.04.2012, 12:00 Uhr

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