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Hans Bantlins tägliche Achalmgänge ins Reich der Poesie
Ein Ort, als wär‘s Arkadien: Ich lerne beim Gehen

Hans Bantlins tägliche Achalmgänge ins Reich der Poesie

Hans Bantlin, 79, ist einer jener Reutlinger, die ihrem Hausberg jahrein jahraus und jeden Tag einen Besuch abstatten. Ein Spaziergang ins Reich der Poesie.

07.09.2014
  • Bernd Ulrich Steinhilber

Reutlingen. Die Achalm ist früh schon Teil seines Lebens geworden: in der Jugend, als er mit Schlitten und Skiern die Hänge hinunter sauste, im Alter als ein Ort der Inspiration. Während seiner Spaziergänge rezitiert er in der Stille und vor weitem Horizont deutsche Lyrik: Verse von Rilke, Hölderlin, Goethe, Hesse. Die Achalm, als wär‘s Arkadien.

Zweieinhalb Stunden dauert der tägliche Spaziergang, der im Pfalzgrafenweg beginnt, über den Wöhrwoldweg und den Schönen Weg bis zum Gipfel hinauf führt. Oben umkreist Bantlin mehrmals den Bergfried, um dann, ohne ihn zu besteigen, den Weg nach unten anzutreten. Jeden Tag aufs Neue – und immer Neues sich erschließend.

„Ich lerne beim Gehen“, sagt er, und so hat Bantlin beim Aufstieg auch heute wieder Gedichte rezitiert, Verse, die er seit Jahren auswendig kann, sie immer wieder aufruft, in ihren Klang und Rhythmus untertaucht, in den Kosmos der Poesie. „Ich spreche die Texte leise vor mich hin“, erzählt er beim Gespräch, das wir auf einer Bank vor der Kulisse des Georgenbergs gegenüber, der Marienkirche unten und, weit hinterm Schönbuch gelegen, der Hornisgrinde, führen.

Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolkendunst Und übe, dem Knaben gleich, Der Disteln köpft An Eichen dich und Bergeshöhen Mußt mir meine Erde Doch lassen stehen . . .“ (Goethe, Prometheus)

Kein Wetter hält ihn auf, Regen nicht und Frost nicht. „Das Klima“, sagte er, „ist kein Kriterium. Schlechtes Wetter freut mich sogar.“ Dann weiß er, dass er alleine unterwegs ist, und Bantlin ist das lieb. „Beim Rezitieren bin ich sehr konzentriert, denn wenn ich drauskomme, muss ich von vorne anfangen.“ Und den Anfang zu finden, bereitet mitunter Schwierigkeiten. „Es ist nicht immer einfach“, verrät Bantlin, „besonders bei Rilkes Sonetten“, die er aus diesem Grunde stets bei sich hat. „Eine Art Erste Hilfe.“

Meistens freilich ist er alleine, kann sich ungestört den Versen überlassen und ihre Bedeutung erschließen. Gerade bei Rilke ist das auch ein Stück Arbeit. Für die „Sonette an Orpheus“ habe er ein ganzes Jahr gebraucht und sie erst dann begriffen: „Sprache in Vollendung“, sagt Bantlin, als wäre sie, wie von Rilke selbst empfunden, durch Engel eingegeben – auch die „Duineser Elegien“, die ihm die Hälfte seines Spaziergangs ausfüllen.

„Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel

Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme

einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem

stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang . . .“ (Rilke, Duineser Elegien)

„Diese Sprache fasziniert mich“, erzählt der ehemalige Unternehmer. Über 30 Jahre hatte er in der Reutlinger Bismarckstraße Antriebselemente aus Leder und Kunststoff hergestellt, dann in den 90er-Jahren den Betrieb verkauft, den keines seiner drei Kinder übernehmen wollte. Da hatte ihn die Poesie, auf eine sehr prosaische Art, wohl gemerkt, längst gefunden.

Das liegt nun schon 50 Jahre zurück, als Bantlin noch jedes Wochenende mit seinem Wagen an den Bodensee fuhr und sich darüber ärgerte, dass es während dieser zwei Stunden nichts weiter zu tun gab, als eben Auto zu fahren. „Bei einer solchen Gelegenheit kam mir die Idee, etwas auswendig zu lernen.“ Zwischen 1960 und 1975, als es noch wenig Verkehr gab, sei das kein Problem gewesen, sich einen Text auf den Lenker zu legen und ihn zu studieren. Doch war es nicht die ungenutzte Zeit allein, die ihn auf diesen ungewöhnlichen Gedanken brachte. Jetzt schmunzelt er.

Er habe damals einen Film gesehen, eine Parodie, in der ein Affe, den man ins Irrenhaus gesteckt hatte, Goethes Faust drauf hatte und zitierte – überhaupt die gescheiten drinnen, die ungebildeten Affen aber in Freiheit lebten. „Das war der Auslöser“, erinnert sich Bantlin. Mit Faust habe er angefangen, den er heute über weite Strecken auswendig kann: „bis zu dem Gespräch zwischen Mephisto und dem Schüler – und Teilen von Faust II.“

Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein. (Hesse, Im Nebel)

Die Fahrten an den Bodensee waren für Bantlin auch eine Reise in die deutsche Lyrik. „Es ist die Freude an der Sprache und die Faszination, die von ihr ausgeht“, was ihn antreibt und was er als einen „Aufruf empfindet, darüber nachzudenken, wie man selbst lebt und dies immer wieder neu an dieses Maß anzulegen“: an Faust, an Rilkes Sonette und Elegien, aber auch an Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“, an „König Thule“, „Schwager Kronos“ den „Prometheus“, Hesses „Im Nebel“ oder Hölderlins „Brot und Wein“ – so die Reihenfolge.

„Dass manche Menschen so mit Sprache umgehen können . . .“, stellt Bantlin bewundernd fest. „Ist es das, was wir mitnehmen, wenn es soweit ist“, den Inhalt, den Rhythmus, die Ahnungen, die sich beim Rezitieren einstellen? Er habe viel darüber nachgedacht, „was passiert, wenn wir in den Tod gehen“ und sei zu der Überzeugung gelangt, dass jeder, der wandert, ein Vademecum brauche, eine Art Vesper für diese Reise. „Ich hoffe, dass das nicht verloren geht, dass ich davon etwas mitnehmen kann.“

Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter Aber über dem Haupt droben in anderer Welt. Endlos wirken sie da und scheinens wenig zu achten, Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns. (Hölderlin, Brot und Wein)

Mit Hochachtung erinnert er sich an seinen Lehrer im Friedrich-List-Gymnasium, den Schriftsteller Gerd Gaiser. 20 Punkte, eine glatte Eins, habe ihm der für eine Arbeit über Michelangelos Moses gegeben. Und immer noch klingt eine beiläufige Bemerkung von Gaiser im Ohr: „Der Kerl hat was empfunden.“

Da wurde ein Keim gelegt. Doch sei dies „auch ein Hinweis darauf, was Lehrer durch eine Kleinigkeit bei ihren Schülern bewirken können.“ Bantlin ebnete sie Wege zu einem tieferen Kunstverständnis. Am Ende auch die täglichen Wege auf den Reutlinger Hausberg. Bild: Franke

Hans Bantlins tägliche Achalmgänge ins Reich der Poesie
Aus einem Wolkenmeer erhebt die Achalm ihr Haupt – das Ziel von Hans Bantlins alltäglichen Spaziergängen ins Reich der Poesie. Archivbild:Grohe

Hans Bantlins tägliche Achalmgänge ins Reich der Poesie

Hans Bantlin wurde am
7. Oktober 1934 in der Bismarckstraße geboren und hat den Reutlinger Hausberg schon als Kind mit dem Vater immer wieder bestiegen. 1945 erlebte er den dritten Bombenangriff auf Reutlingen, bei dem das elterliche Haus getroffen wurde. Die Familie bewohnte danach bis 1950 die zu einer Baumschule am Fuße der Achalm gehörende „Villa Flora“ in Eningen. 1950 wurde das Haus in der Bismarckstraße wieder aufgebaut. Vier Jahre später legte Bantlin im List-Gymnasium das Abitur ab und trat in das Unternehmen des Vaters ein, das er 30 Jahre mit seinem Bruder Paul führte.

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07.09.2014, 12:00 Uhr

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