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Von der Weltkunde zum Tagblatt

Hans-Joachim Lang führte Interessierte zu den Häusern, die in Tübingen Zeitungs-Geschichte machten

Es sind zwei stattliche Häuser an der Ecke Holzmarkt/Münzgasse – und ein geschichtsträchtiges dazu: Hier, wo vor 200 Jahren die Familie Cotta lebte, wurde die erste Tageszeitung Tübingens gegründet. Idealer Ausgangspunkt für die Führung zum Zeitungswesen in Tübingen, zu der das Kulturamt am Montag in seiner Reihe „Kennen Sie Tübingen?“ einlud.

25.08.2015
  • Sabine Lohr

Tübingen. Heute werden hier Münzen verkauft und Speisen und Getränke angeboten. Vor 200 Jahren waren es Bücher. Johann Friedrich Cotta betrieb dort eine florierende Buchhandlung und einen Verlag, in dem nicht nur eine Reihe von Zeitschriften erschien, sondern bei dem auch mehrere Autoren unter Vertrag standen. Der berühmteste – auch zur damaligen Zeit – war Johann Wolfgang von Goethe.

Mit dem hielt sich Hans-Joachim Lang am Montag aber nicht allzu lange auf. Schließlich ging es dem TAGBLATT-Redakteur und Honorarprofessor der empirischen Kulturwissenschaften nicht um den berühmten deutschen Dichter und dessen Spuren in Tübingen, sondern um das Zeitungswesen in der Unistadt. Und mit dem hatte Goethe rein gar nichts zu tun. Sein Schriftsteller-Kollege Friedrich Schiller dagegen wäre beinahe Chefredakteur der ersten in Tübingen erschienenen Tageszeitung „Neueste Weltkunde“ geworden. Den Vertrag hatte er bei Cotta schon unterschrieben, aber dann zögerte er zu lange.

Mit Korrespondenten und Berichtigungen

Cotta hatte es offenbar eilig mit seiner „Neuesten Weltkunde“. Eine Tageszeitung wollte er herausbringen, eine, wie es sie bis dahin in Europa nicht gab. Der im Grunde unwillige Schiller schien Cotta dann offenbar doch nicht der richtige zu sein für ein solches Blatt. So wurde Ernst Ludwig Posselt bestimmt, ein Historiker und Publizist, von dem man zwar heute kaum mehr spricht, der damals aber durchaus einen Namen hatte.

Cotta stattete seine Zeitung mit einem weit verbreiteten Korrespondentennetz aus, bewarb sie mit 20 000 Sonderdrucken in ganz Deutschland (in einer Stadt mit 6500 Einwohnern und 200 Studenten) und sorgte für berittene Boten, die die Zeitungspakete nach Stuttgart zur nächsten Poststation brachten. Die erste Ausgabe der „Neuesten Weltkunde“ erschien am 1. Januar 1798 und war sofort Tagesgespräch der deutschen Intellektuellen.

Die Tageszeitung erschien – „geradezu eine Sensation“, so Lang – ohne jede Zensur. Die vier Seiten waren eng bedruckt, zeigten keine Bilder, aber ellenlange Artikel. Immerhin, sagte Lang, gab es schon regelmäßig die Rubrik „Berichtigungen“. Die Zeitung war aber durchaus umstritten, weil sie ganz klar Partei für das republikanische Frankreich nahm.

Das führte bald zu ersten Klagen beim württembergischen Herzog, der Cotta ermahnte. Als schließlich beim Wiener Hofgericht Klage eingereicht wurde, musste die „Neueste Weltkunde“ am 8. September 1798 eingestellt werden. Cotta aber hatte vorgesorgt und ließ schon am Tag darauf die „Allgemeine Zeitung“ erscheinen – mit dem bisherigen Redakteur Ludwig Ferdinand Huber als Chef und Posselt als heimlichem Redakteur. Die Zensur sei „fortan nicht mehr zu vermeiden gewesen“, sagte Lang, aber die Toleranzgrenze sei bis an den Rand ausgereizt worden.

Mit dem kurzen Weg zur Langen Gasse 2 unternahmen die Führungsteilnehmer einen Zeitsprung ins Jahr 1845. Lang, der sich der besseren Sichtbarkeit halber auf einen abgerundeten Steinpoller stellte, auf dem er sich freilich nicht zu bewegen wagte, berichtete dort von der „Tübinger Chronik“. Der Ludwigsburger Max Müller hatte sie gegründet und als eine Zeitung mit Erzählungen, religiösen und gemeinnützigen Artikeln angekündigt, die keinesfalls politische Aufsätze enthalten sollte. Zwei Jahre lang wurde sie in dem Haus in der Langen Gasse produziert und gedruckt, dann verkaufte Müller das Blatt an Ernst Riecker, der sich während der Revolten 1848 auf die Seite der Demokraten schlug und sein Blatt als deren Organ nutzte. Er schrieb zwar gegen die Monarchie, war aber distanziert gegenüber Kommunisten und Proletariern. Für die jedoch setzte sich Rieckers Setzergehilfe Ernst Simon ein, der immer wieder „Anmerkungen eines Setzers“ ins Blatt rückte.

Nach der gescheiterten Revolution machte die Reaktion Druck auf die Demokraten – auch auf Riecker. Im Herbst 1850 wurde der Prozess gegen ihn wegen des Verdachts auf Hochverrat eröffnet. Er endete mit einem Freispruch, doch die politischen Verhältnisse zermürbten ihn. Zudem lasen die Tübinger immer weniger die Zeitung, die Auflage ging zurück. Zweimal wurde die „Tübinger Chronik“ auch noch beschlagnahmt.

Die neuen Besitzer investierten kräftig

1855 sicherte sich Riecker das Privileg eines Amtsblatts – und änderte damit den politischen Kurs der „Chronik“. Deren Auflage stieg daraufhin wieder, der Verlag zog mehrmals um und blieb schließlich in der Hirschgasse 1. Zwei Generationen lang führten die Rieckers das Blatt. Doch schließlich versäumten sie es, rechtzeitig zu investieren. Während andere Zeitungen sich eine Rotationsmaschine angeschafft hatten, wurde die „Chronik“ immer noch mit einer Handpresse gedruckt. 1903 schließlich wurde die Zeitung an die Brüder Albert und Sigmund Weil aus Ellwangen verkauft.

Die „Tübinger Chronik“ musste sich gleich gegen mehrere Konkurrenten durchsetzen. Dauerhaften Erfolg hatte schließlich das 1898 gegründete „Tübinger Tagblatt“, das der fortschrittlichen Volkspartei nahestand. Die Weil-Brüder investierten in eine neue Setzmaschine und in einen Neubau in der Uhlandstraße 2, das bis heute Sitz der Tübinger Tageszeitung ist und die letzte Station der Führung am Montag war. Von Herbst 1905 an lief hier eine Rotationsmaschine, 1927 waren vier Setzmaschinen in Betrieb, 1930 wurde auf der Neckarseite angebaut.

Während des Ersten Weltkrieges erschien die Chronik nicht nur werktags, sondern auch sonntags. Die Auflage kletterte von 7000 im Jahr 1905 auf 8000 im Jahr 1911 und auf 12 000 im Jahr 1918. Nach dem Krieg bekannte sich die „Chronik“ zur Weimarer Republik und zu den demokratischen Institutionen. Und 1923 kaufte Albert Weil das nach rechts gerückte Tübinger Tagblatt auf. In die Lücke sprang sofort die „Tübinger Zeitung“, die den Deutschnationalen nahestand. Die „Tübinger Chronik“ dagegen grenzte sich nach links und rechts ab. „Im Lokalen wurden die Nationalsozialisten weitgehend ignoriert“, sagte Lang. Der Sieg der Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl 1930 sei deshalb „ein Schock“ gewesen.

Die jüdische Verlegerfamilie Weil zog sich zurück und verkaufte die „Chronik“ an den Ulmer Verleger Karl Höhn. Das „Tübinger Tagblatt“ indes startete eine Kampagne gegen die „Chronik“ und hetzte gegen die früheren jüdischen Verleger. Das Blatt war von der Stuttgarter NS-Presse GmbH aufgekauft und mit der in Stuttgart produzierten Nazi-Zeitung „Schwäbisches Tagblatt“ vereint worden. Das neue Produkt erschien von nun an als „Neues Tübinger Tagblatt“ und war das Organ der Nazis. Redaktionsleiter war Alfred Leucht.

Im Dezember 1933 verkaufte der Ulmer Verlag die „Chronik“ an die NS-Presse, die vom 1. Januar 1933 an unter dem alten Titel eine einzige gleichgeschaltete Lokalzeitung für Tübingen herausgab. „Damit war die liberale Tradition dieser Zeitung vollends ausgelöscht“, sagte Lang. Am 18. April 1945 erschien sie zum letzten Mal – einen Tag vor der Besetzung Tübingens durch die Franzosen. Sie beschlagnahmten den Verlag und unterstellten ihn treuhänderisch der Stadt Tübingen.

Die erste Nachkriegs-Nummer einer Zeitung erschien dann am 23. Mai 1945. Weil es verboten war, NS-belastete Zeitungstitel zu verwenden, hieß sie „Mitteilungen der Militärregierung für den Kreis Tübingen“. Mehr stand auch nicht drin – nicht einmal Anzeigen gab es. Und weil auch Kurznachrichten nicht erlaubt waren, brauchte es auch keine Redaktion.

Als nächste Station hätte sich nun die Gaststätte „Pflug“ in der Neustadtgasse angeboten. Denn dort trafen sich von Mitte April 1945 an regelmäßig einige christlich orientierte Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberale. Sie diskutierten und führten sogar Protokoll über ihre Debatten. Einer von ihnen war Will Hanns Hebsacker. Er war vor dem Krieg Chefredakteur einer Zeitschrift für die Werbebranche in Reutlingen gewesen und wurde von den Nazis wegen seiner offenen Sympathie für die Kommunisten drei Monate im Konzentrationslager Heuberg interniert. Als Journalist hatte er danach Berufsverbot.

Zu der „Demokratischen Vereinigung“, wie sich die Gruppe nannte, gehörten außerdem der langjährige Mitarbeiter der „Tübinger Chronik“ und Gewerkschafter Paul Riehle, außerdem Josef Forderer, der bis 1933 Chefredakteur der „Tübinger Chronik“ gewesen war. Forderer, Hebsacker und Hermann Werner schrieben bereits wieder für die „Mitteilungen“.

Intervention mit Erfolg und Rausschmiss

Ausführlich berichtete Lang von den Debatten und Entwicklungen, die sich ergaben, nachdem die Gruppe erfahren hatte, dass in Tübingen eine „Tageszeitung großen Stils“ herausgegeben und gedruckt werden sollte. Denn Oberbürgermeister Viktor Renner hatte bereits den Journalisten Otto Bartels zum Geschäftsführer der neuen Tageszeitung ernannt. Die Lizenz für das Blatt hatte zunächst Paul Herzog – ein Publizist, der aus Berlin nach Tübingen gekommen war. Als Geschäftsführer der Zeitung, die „Württemberger Tagblatt“ heißen sollte, stattete sich Herzog mit enormer Macht aus: Er wollte „in Fragen der politischen und geistigen Gestaltung der Zeitung“ nicht überstimmbar sein.

Das passte Josef Forderer nicht, der als Redakteur vorgesehen war. Er intervenierte bei der „Section de Presse“ – mit Erfolg. Der Chef dieser Abteilung berief einen Redaktionsausschuss mit Forderer als Chefredakteur sowie Hebsacker und Werner als leitenden Redakteuren und gab dem Trio die Lizenz zur Herausgabe einer Zeitung. Am 21. September 1945 erschien schließlich das „Schwäbische Tagblatt“ zum ersten Mal.

Forderer jedoch bezahlte für seine Intervention mit dem Rausschmiss, den Carlo Schmid wegen dessen NS-Verstrickungen betrieb. Ab Sommer 1946 gab es zunächst sechs Herausgeber, dann drei und von 1950 an nur noch zwei: Will Hanns Hebacker und Ernst Müller, der als Feuilleton-Redakteur angestellt worden war.

Lang hätte noch viel zu berichten gehabt von der weiteren Geschichte – aber er hörte abrupt auf. Nicht wegen des Dauerregens, der längst eingesetzt hatte, sondern mit einem Ausblick auf eine TAGBLATT-Beilage zum 70-jährigen Bestehen der Zeitung, die am 21. September erscheint.

Hans-Joachim Lang führte Interessierte zu den Häusern, die in Tübingen Zeitungs-Geschichte
Kennen Sie Tübingen? Hans-Joachim Lang (vor dem Münzgeschäft, im blauen Hemd und mit Mütze) berichtet über Verlagshäuser in Tübingen, hier vor den Cotta-Häusern. Bild: Sommer

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25.08.2015, 12:00 Uhr

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