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Von der Würde des Machtverlusts

Hans Neuenfels schickt in Berlin Aribert Reimanns „Lear“ virtuos in den Untergang

Aribert Reimanns „Lear“ ist die meistgespielte deutsche Oper aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jetzt ist sie als ergreifendes Requiem zu sehen.

27.11.2009
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Hans Neuenfels bekennt sich als Verdi-Fan. Zu seinem Leidwesen aber hat sein Lieblingskomponist zwar immer den „Lear“ vertonen wollen, sich aber nicht getraut. Ersatzweise bediente sich der sichtlich altersweise gewordene Regisseur nun an der Berliner Komischen Oper einer „Lear“-Komposition, die zwar nicht direkt nach Verdi klingt, aber im vollorchestral abgrundtiefen Grundgestus der Shakespeare-Tragödie vom Zerfall eines Königs genausoviel Leidenstöne abgewinnt, wie es Verdi gewollt hätte. Die Aufführung wird, musikalisch wie szenisch, zum Triumph.

Aribert Reimann ist 71 und hat gerade seine 20. Oper angekündigt: „Medea“ in Wien. Vor 31 Jahren wurde sein - auf Wunsch von Dietrich Fischer-Dieskau geschriebener - „Lear“ in München uraufgeführt. Das becketthaft hoffnungslose Werk ist trotz diffiziler Vierteltonintervall-Clustern von Anbeginn ein Publikumserfolg gewesen und gehört zu den wenigen Opern, die es weltweit ins Repertoire der Moderne geschafft haben. Neuenfels macht jenseits von Zeit und Raum ein Ewigkeits-Requiem daraus.

Bei ihm ist Lear ein Jedermann, der sich, zunächst widerwillig, dann aber einwillig aufs Sterben vorbereitet und dabei würdevoll die Macht der Machtlosigkeit zu schätzen lernt. Der Tod schaut ihm trostspendend in der leibhaftig gewandelten Gestalt des Shakespeare-Narren stumm über die Schulter (Neuenfels-Gattin Elisabeth Trissenaar, ebenfalls in Würde pumuckl-gealtert). Drumrum ist nicht viel los: ein bisschen Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ und Luis Bunuels „Andalusischer Hund“, fast unfreiwillig komisch kurz beim Abmurksen der Schurken-Familie aufgemischt mit Grand-Guignol-Effekten, insgesamt aber konzentriert auf den Blick ins aufgewühlte Innere der Leidensträger.

Und um dieses Innenleben kümmert sich virtuos Carl St. Clair, der Chefdirigent der Komischen Oper. Die monumental getürmten Einton-Schichten der sich brutal ballenden Reimann-Partitur brechen in überwältigender Intensität über den entsprechend emotional überwältigten Zuhörer herein. Es ist fast egal, was sie denn nun im Einzelnen singen - das Orchester gibt den Ton an, und der ist auf „Apokalypse now“ angestimmt.

Gegen den donnernden, dann aber auch streicherzart flirrendenRausch aus dem Orchestergraben, oder aber direkt mit ihm, profilieren sich die Sänger, auch wenn sie nicht viel zu spielen haben: Tomas Tomasson ist mit baritonaler Wucht ein erst im Wahn Sinn findender Lear, Martin Wölfel als Edgar ein countertenoral dem Himmel entgegen abhebender Schmerzensmann. Die bösen Töchter lassen Irmgard Vilsmaier und Erika Roos schön schrill kreischen, die gute Tochter Cordelia wird bei Caroline Melzer vollends zur Erlöserfigur für ihren in Demut dem Tod ins Auge sehenden Vater. Jeder stirbt für sich allein - hier hat das aber auch etwas Tröstliches, denn es enden alle Schrecken und Übel dieser Welt.

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27.11.2009, 12:00 Uhr

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