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Im Spannungs-Raum

Hans-Peter Braun beim Orgelsommerfinale

Tübingen. Seit 16 Jahren organisiert Stiftsmusikdirektor Hans-Peter Braun den Tübinger Orgelsommer. Am Donnerstag beendete der erste Stiftskirchen-Organist mit dem letzten Konzert der Reihe „Orgel Punkt Sechs“ den 16. Orgelsommer, der dieses Jahr erstmals in ökumenischer Zusammenarbeit mit der katholischen Johanneskirche stattfand.

01.09.2012

Im Vergleich mit den Vorjahren war der Publikumszuspruch bei den neun großen Konzerten deutlich schwächer. Der Orgelsommer 2012 glänzte vor allem mit zahlreichen Wiederentdeckungen wenig bekannter, kleinerer Werke. Großformatiges wie etwa komplette Orgelsymphonien von Widor und Vierne oder umfassendere Werkzyklen fehlte.

Dafür so manches wiedergefundene Kleinod: Braun erinnerte an den „letzten Bach-Schüler“ Johann Christian Kittel und den seinerzeit weithin gerühmten Dänen Niels Wilhelm Gade. Mit 16 Jahren kam Kittel 1748 zu Bach und führte dessen Tradition ab 1756 in Erfurt fort. Goethe, Herder und Wieland reisten an, um ihn zu hören. Aus Kittels 16 „Großen Präludien“ spielte Braun die Präludien in d-moll und D-Dur: gravitätische Einzugs-Stücke, kunstvoll ausgeformt, eine ganz eigene, originelle Stimme zwischen Barock und Klassik. Es wäre ein lohnendes Verdienst, einmal alle 16 Präludien aufzuführen.

Gade wiederum war der bedeutendste dänische Romantiker, bewundert von Schumann und Grieg, eng befreundet mit Mendelssohn. Gades „Drei Tonstücke“ op. 22 (1851) überzeugten einerseits durch ihre proportionierten Formen und ausbalancierte Melodiezeichnung.

Die liedhafte, schnörkellose Geradlinigkeit, das maßvolle Temperament selbst des „feurigen“ Allegro con fuoco erinnerte an den dänischen Klassizismus eines Bertel Thorvaldsen. Auf der anderen Seite wirkten gerade diese glatten Oberflächen, dieses fraglos aufgehende Gelingen doch auch etwas zu einfach, zu konfliktlos.

Zwischen Kittel und Gade stellte Braun eine eigene Choral-Partita über den Pfingsthymnus „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“. Wie so oft bei Brauns Kompositionen gab es auch hier zwei komplementäre Ebenen: Wer es erkennt, freut sich über kluge musikhistorische Andeutungen und Fingerzeige. Aber auch ohne dieses Mehr-Wissen ist diese avancierte Musik doch zugleich leicht zugänglich und eingängig.

In der ersten der sieben Strophen konfrontierte Braun den Choral in seiner mixolydischen Kirchentonart mit einer atonalen Gegenstimme, wie um den historischen Spannungsraum zwischen Mittelalter und heute aufzuzeigen. Unaufdringlich sinnfällig setzte er den Text in Klangbilder um. Wenn es heißt „Zünd uns ein Licht an im Verstand“, zieht eine leuchtend klare Melodielinie durch Klangnebel.

Bei „Lehr uns den Vater kennen wohl“ gaben sich zwei Stimmen flüsternd leise Vers für Vers weiter, ein nachvollziehendes Verstehen. In der fünften Strophe wirbelte ein virtuos gestikulierendes Pedal-Solo unter dem Choral. Zuletzt ein Sinnbild der Auferstehung: Der Choral zog voran und aus jedem Ton brachen freudig bewegte Figurationen hervor, wie durch die Berührung zum Leben erweckt.

Achim Stricker

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01.09.2012, 12:00 Uhr

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