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Raab wird heute 50

Hansdampf im Ruhestand

Der einstmals omnipräsente Medienmann Stefan Raab hat sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seitdem herrscht Funkstille. Heute wird der Familienvater 50.

20.10.2016
  • GUDRUN SOKOL

Köln. Mit Stefan Raab ist es wie mit dem FC Bayern: Man hasst ihn oder man liebt ihn; dazwischen gibt es nichts. So fasste die „Bunte“ das Phänomen Raab zu seinem TV-Abschied vor einem knappen Jahr zusammen. Kein anderer hat im Fernsehen so viel ausprobiert wie der Metzgerssohn aus Köln-Sülz, der es zu einem der mächtigsten Medienmänner der Republik gebracht hat. Kein anderer gesellte sich so jung zu TV-Dinos wie Thomas Gottschalk, Harald Schmidt und Günther Jauch. Und kein anderer verkündete mit 49 seinen Rückzug, nachdem er fast ein Vierteljahrhundert im Fernsehen die Sau rausgelassen hat. Heute wird Stefan Raab 50.

Was er zurzeit treibt, weiß niemand; Interview-Wünsche lehnt der frühere Hansdampf ab. Dass er im Ruhestand etwas füllig geworden sei, ließ jüngst Raabs Ex-Praktikant Elton über seinen Ex-Chef wissen. Dass er beim Eurovision Song Contest zwar wieder mit im Boot ist, aber nur indirekt über seine Firma, teilte die ARD mit. Mit Ausnahme eines Gastspiels bei einem Konzert von Udo Lindenberg, bei dem er im Juni überraschend am Schlagzeug saß, hatte Raab in diesem Jahr keinen öffentlichen Auftritt. Seinen Traum, mit einem großen Katamaran ein paar Jahre um die Welt zu segeln, scheint er noch nicht in die Tat umgesetzt zu haben.

Privates bleibt geheim

Schon immer hat der Entertainer es geschafft, geheimzuhalten, was er geheimhalten wollte. Vom Privatmenschen Raab ist nur bekannt, dass er zwei Töchter (geboren 2004 und 2006) hat und mit seiner Lebensgefährtin im feinen Kölner Stadtteil Hahnwald lebt – vermutlich in seinem Anwesen, das er vor mehr als zehn Jahren bauen ließ. Dazu ein Vermögen, das er in seinem Leben wohl nicht mehr verprassen kann.

Dabei hat auch Raab nach erfolgreicher Metzgerlehre und abgebrochenem Jura-Studium klein angefangen im Unterhaltungsgeschäft: mit der Produktion von Werbejingles, TV-Spots und Musikstücken. Als Moderator startete er 1993 beim jungen Musiksender Viva, wo er per Zufall in ein Casting geraten war, als er dem Sender einige Jingles anbieten wollte. Schon 1999 startete er seine eigene Pro-7-Show „TV total“, ein Dauerbrenner, der bis Ende 2015 laufen sollte. 16 Jahre, in denen Raab das Trash-Fernsehen und dessen Zuschauer gnadenlos verhöhnte, Pannen und Versprecher schadenfroh ausschlachtete und respektlos Witze auf Kosten anderer riss. Das Model mit dem unglücklichen Namen Lisa Loch war nach den Raab'schen Verspottungen psychisch am Ende, die Sächsin Regine Zindler mit ihrem blöden „Maschendrahtzaun“ unfreiwillig in aller Munde.

„Ich mache kein Programm für Intellektuelle“, betonte Raab immer wieder und schaffte es trotzdem, in der großen Politik mitzumischen. Sein Sonntagabend-Polit-Talk „Absolute Mehrheit“ hielt sich 2012/2013 immerhin über sechs Ausgaben. An der Seite von Anne Will, Maybrit Illner und Peter Klöppel moderierte er vor der Bundestagswahl 2013 das TV-Duell Merkel/Steinbrück. Der SPD-Kandidat hatte zwar damit gedroht, Raabs Fragen nicht zu beantworten, tat es dann aber doch, und der Entertainer erntete beste Kritiken. Die kalkulierte Provokation war seine große Stärke.

Auch als Komponist, Sänger und Musikproduzent machte der Millionär in T-Shirt, Hemd und Turnschuhen ein Vermögen. Zu seinen Hits gehören Ohrwürmer wie „Hier kommt die Maus“, „Böörti Böörti Vogts“, „Piep, piep, piep – Guildo hat Euch lieb“, mit dem er Guildo Horn 1998 zum ESC nach Birmingham brachte (immerhin Platz sieben). Sein Nonsens-Titel „Wadde hadde dudde da“, den er 2000 beim Grand-Prix in Stockholm selbst sang, schaffte Platz fünf.

Lena und der große ESC-Triumph

Auch mit seriösen ESC-Produktionen konnte Raab punkten. Etwa als er 2004 seine Entdeckung Max Mutzke („Cant' Wait Until Tonight“) nach Istanbul schickte (Platz acht). 2010 holte Lena Meyer-Landrut mit „Satellite“, den ESC zum zweiten Mal in seiner über 60-jährigen Geschichte nach Deutschland und bescherte Raab seinen größten ESC-Triumph. Der von ihm 2005 ins Leben gerufene, parallel laufende „Bundesvision Song Contest“ geriet derweil fast zur Nebensache. Längst hatte Raab da schon den sportlichen Wettbewerb als weiteres lukratives Betätigungsfeld entdeckt. In seinen Samstagabend-Events („Wok-WM“, „Schlag den Raab“, „TV total Turmspringen“) duellierte er sich als Hauptdarsteller selbst bis aufs Blut und lockte damit ein Millionenpublikum.

Ende 2015 war plötzlich Schluss mit lustig; überraschend kündigte Raab seinen Rückzug aus dem Fernsehgeschäft an. In seiner letzten „TV total“-Sendung zeigte der Mann mit dem Haifisch-Grinsen über dem sauber ausrasierten Bärtchen, der so viele Menschen verletzt, aber noch mehr damit unterhalten hat, dann doch Gefühl: Zum Abschied flossen tatsächlich Tränen. Bis heute konnte Pro 7 die Lücke, die Raab gerissen hat, nicht annähernd schließen. Wieder einmal hat der gemacht, was andere für unmöglich hielten: mit 49 Jahren einfach aufgehört.

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20.10.2016, 06:00 Uhr

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