Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Noch wehrt sich Obama gegen Bodentruppen

Hardliner setzen den US-Präsidenten unter Druck - Überraschendes Gespräch mit Putin am Rande des Gipfeltreffens in der Türkei

US-Militärexperten und Repu- blikaner fordern von Barack Obama mehr Einsatz im Kampf gegen den IS. Der amerikanische Präsident aber will an seiner bisherigen Strategie festhalten.

17.11.2015
  • PETER DE THIER

Amerikas Präsident Barack Obama will im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" weiterhin keine größeren Kontingente an Bodentruppen in den Irak und nach Syrien entsenden. "Das wäre ein Fehler", sagte er gestern beim G20-Gipfel im türkischen Belek. Der Kampf gegen den IS könne nur gelingen, wenn die örtliche Bevölkerung dahinterstehe. Ein militärischer Erfolg ausländischer Bodentruppen wäre nach dem Abzug wieder infrage gestellt. "Es wäre eine Wiederholung dessen, was wir schon gesehen haben", sagte Obama. Er kündigte an, den Kampf gegen den IS zu verstärken, jedoch auf Grundlage der bestehenden Strategie.

Hardliner setzen den US-Präsidenten unter Druck - Überraschendes Gespräch mit Putin am Rande des
Entspannte Mienen: Obama und Putin auf dem G20-Gipfel. Foto: afp

Dennoch könnten die Anschläge von Paris Obama zwingen, diese im Kampf gegen die Terrormiliz grundsätzlich zu überdenken und neu auszurichten. Während er bisher auf Luft- und Drohnenangriffe sowie die Bewaffnung und Ausbildung lokaler Streitkräfte gesetzt hat, fordern Militärexperten nun ein aktiveres Engagement der Vereinigten Staaten. Nicht ausgeschlossen wird außerdem, dass nach dem überraschenden 35-minütigen Gespräch Obamas mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Randes des G20-Gipfels Washington und Moskau in Zukunft wieder enger zusammenarbeiten könnten.

Vor allem die Hardliner in den USA plädieren für eine Ausweitung des militärischen Einsatzes gegen den "Islamischen Staat", dem sich das Weiße Haus bisher aber hartnäckig widersetzt. Schließlich ist Obamas Außen- und Sicherheitspolitik seit mehr als sechs Jahren darauf ausgerichtet, die amerikanische Truppenpräsenz in Krisengebieten wie Irak und Afghanistan nicht auszuweiten, sondern sie deutlich zurückzufahren.

Wie blauäugig die US-Regierung die bisherigen Auswirkungen ihres Vorgehens gegen den IS einschätzte, bewies der Präsident in einem Interview wenige Stunden vor den verheerenden Anschlägen in der französischen Hauptstadt. Darin beschrieb er die US-Strategie gegen die Terrororganisation als "mehrjähriges Projekt". So sei es immerhin gelungen, die IS-Extremisten "in Schach zu halten". Der selbstbewusste Auftritt des Präsidenten war eine direkte Reaktion auf die Ermordung des britischen IS-Terroristen Dschihadi John, den die USA zuvor bei einem Drohnenangriff getötet hatten.

Ziel der US-Streitkräfte und Geheimdienste bleibt es laut Obama, vor Ort "effektive Partner zu rekrutieren", um koordinierte Offensiven gegen die Extremisten vorzubereiten. Die US-Angriffe haben sich bisher vorwiegend auf IS-Stellungen und Ausbildungslager im Irak und Syrien konzentriert.

In der Vergangenheit ließ Obama immer wieder Zweifel anklingen, dass Extremisten in anderen Ländern direkt dem Befehl der IS-Kommandeure unterstünden. Skepsis äußerte die US-Regierung insbesondere gegenüber der Theorie, dass die Terrormiliz für den Absturz der russischen Linienmaschine über Ägypten verantwortlich gewesen sei. Diese Haltung hat sich nach den verheerenden Anschlägen von Paris jedoch geändert.

Am Wochenende forderten führende Geheimdienstexperten, dass sich amerikanische Anstrengungen im Kampf gegen den IS-Terror nicht nur auf den Irak und Syrien konzentrieren dürften. In einer Zeit, in der Extremisten vor allem "weiche Ziele" im Visier hätten, müssten die USA das Heft des Handelns an sich reißen und eine führende Rolle übernehmen.

Inwieweit Obama zu einem Kurswechsel bereit sein wird und die USA mittelfristig wieder eine militärische Präsenz am Boden zeigen werden, könnte im Wahljahr auch von der politischen Stimmung in den Vereinigten Staaten abhängen. Während die Demokraten zögern, im Kampf gegen die Dschihadisten die Leben weiterer US-Soldaten aufs Spiel zu setzen, fordern führende Republikaner eine deutlich härtere Gangart gegenüber dem "Islamischen Staat". Sie halten die Entsendung von Truppen früher oder später für unumgänglich.

Schwierig gestaltet sich ein strategisches Umdenken in Washington nicht zuletzt deshalb, weil sich die Terrormiliz bisher durch hohe Mobilität auszeichnete, bombardierte Stellungen oft längst evakuiert worden waren und sie außerdem über aktive "Außenstellen" in Drittländern verfügt. Als besonders gefährlich stufen amerikanische Experten IS-freundliche Extremisten in Libyen, Ägypten und Jemen ein.

Dort will US-Verteidigungsminister Ashton Carter die Zusammenarbeit mit den Regierungen, Streitkräften und Geheimdiensten verstärken. Neben der Zerstörung der militärischen Infrastruktur der Terrormiliz wird ein zentrales Ziel sein, Kommunikation effektiver zu überwachen und somit frühzeitig über geplante Anschläge informiert zu sein.

Siehe auch Berlin/Paris : Terror-Thriller kommt nicht in die Kinos 17.11.2015 Börsianer reagieren besonnen: Am ersten Handelstag nach den Angriffen gibt es nur geringe Ausschläge - Ölpreis steigt aber 17.11.2015 Keine spürbaren Effekte: IW-Experte Michael Grömling über mögliche volkswirtschaftliche Konsequenzen der Angriffe 17.11.2015 Angriffe gegen den IS: Allianz militärisch nur mäßig erfolgreich 17.11.2015 Die Namen hinter dem Horror: Attentäter, Drahtzieher, Bombenbauer - Ein Überblick über die Terroristen von Paris - Verbindung zu bekanntem Dschihadisten 17.11.2015 Noch wehrt sich Obama gegen Bodentruppen: Hardliner setzen den US-Präsidenten unter Druck - Überraschendes Gespräch mit Putin am Rande des Gipfeltreffens in der Türkei 17.11.2015 Razzia im Problembezirk: Jung, arm und arbeitslos: Viele Spuren der Dschihadisten führen nach Brüssel-Molenbeek 17.11.2015 12 Uhr mittags: Europa schweigt 17.11.2015 Geldquellen der Gewalt: Der IS finanziert sich durch Öl, Wegzölle, Kidnapping und superreiche Helfer 17.11.2015 G 20: Geldquellen austrocknen 17.11.2015 Nato-Bündnisfall: Merkel steht im Wort: Keine Zusage zu Militäreinsatz gegen IS 17.11.2015 Eine Stadt auf der Suche nach sich selbst: Die Pariser trauern um die Terroropfer und diskutieren über mögliche Ursachen 17.11.2015 Leitartikel · Frankreich: Die neue Dimension 17.11.2015 Vom Kampf zum Krieg: Präsident Hollande will die "größte Terroristen-Fabrik der Welt" vernichten 17.11.2015 "Mehr Luftschläge gegen IS": Frankreichs Präsident will UN-Mandat für Anti-Terror-Kampf 17.11.2015

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball