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Pilz des Jahres

Hart, aber zärtlich

Der braungrüne Zärtling ist in aller Munde. Keine Bange, nicht Martin Walser ist gemeint, sondern der aktuelle „Pilz des Jahres“, der angeblich ein bisschen nach Mäuseklo muffelt. Walsers verbaseltes Reisetagebuch wiederum ist uns ungefähr so schnuppe wie Volker Bouffiers schmerzlich vermisstes Smartphone. Obwohl, da gab es dieses traute Gespräch in der „Bild am Sonntag“ vor einigen Wochen.

11.10.2012
  • Wilhelm Triebold

„Schriftsteller Martin Walser öffnet sein Tagebuch“ war es überschrieben. Und die „Bild“-Journalistin beobachtete bebend den Alten vom Bodensee: „Martin Walsers Augen versinken plötzlich hinter seinen Brauen. Er wirkt angefasst, schaut über den See.“ Ahnt er bereits, dass bald mir nichts, dir nichts sein heilix Büchle verschwinden wird?

Ein paar Interview-Umdrehungen weiter sitzen Autor und Journalistin dann in einem Berliner Café. „Wir reden über den Bodensee und das Meer, über die Stadt Lübeck und das Pilzesammeln.“ Ah, das Pilzesammeln! „Er fragt und fragt, und ich spüre, dass er wieder auf Jagd nach Beute ist, nach Geschichten.“

Lübeck, da war doch was. Thomas Mann, dessen „Bedeutungsverpackungsproduktion in sauerstoffarmer Höhe zu hoch“ für Martin Walser gewesen sein soll, wie er bereitwillig Auskunft erteilt hat. Jener Thomas Mann, der seinen lungenkranken Hans Castorp im „Zauberberg“ als „Familiensöhnchen und Zärtling“ einführt. Der in „Joseph und seine Brüder“ von Jaakob schreibt: „Denn öfters waren die Nächte wüstenkalt, und da er ein Zärtling war und ein Kind der Hütte, so erkältete er sich im Schlafe sofort und hustete in der Tagesglut bald wie ein Schwindsüchtiger.“

Thomas Mann war der große Zärtling-Wiederentdecker der Literatur. Und hatte doch immer nur den Weichling vor Augen und im Sinn. Den Schwächling, und weit weniger den Empfindsamen. Keinen wie Härtling, Peter, den mindestens ebenso großen Empfindungsreichen der jüngeren Literatur mit Tübinger Zweitwohnsitz.

Ein entscheidender Buchstabe trennt ihn von Weichei und Wiesenpilz. Peter Härtling bleibt aber der Sensible, Nachdenkliche, Einfühlsame. Als ob er sich die christliche Erbauungsliteratur nie zu Herzen nehmen mochte: „Du warst ein Zärtling im Leiden, werde ein Härtling“, heißt es in Heinrich Muellers „Geistlichen Erquickstunden oder Dreihundert Haus- und Tischandachten“ von 1846. Da sind wir aber angefasst, und unsere Brauen versinken hinterm Horizont des Bodensees. Den braungrünen Zärtling, sollten wir ihm auf der Jagd nach Beute und Geschichten einmal begegnen, lassen wir einfach stehen.

Hart, aber zärtlich

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11.10.2012, 12:00 Uhr

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