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Tübinger Montagsdemo

Harter Kern protestiert jetzt seit sechs Jahren

Mehr als 500 Teilnehmer kamen am 16. August 2004 zur ersten Tübinger Montagsdemonstration gegen die Hartz-Gesetze. Ein harter Kern von Aktivisten trifft sich immer noch jeden Montag zum Protestmarsch mit anschließender Kundgebung – schon seit sechs Jahren, fast 300 Male.

05.09.2010
  • Matthias Reichert

Kreis Tübingen. Wolfgang Schäfer kommt seit etwa einem Jahr regelmäßig zur Tübinger Montagsdemonstration – auch, wenn sie nur noch schwach besucht ist. „Man sieht, dass Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger keine Lobby haben“, sagt der selbstständige Versicherungsmakler dazu. Seit zwei Jahren engagiert sich der Hirrlinger bei der Partei „Die Linke“, mittlerweile im Kreisvorstand und als Bewerber für die Landtagskandidatur. „Ich will auf der Straße bei den Leuten sein und nicht politische Diskussionen in Hinterzimmern führen“, so der 51-Jährige.

Harter Kern protestiert jetzt seit sechs Jahren
So sah es bei der ersten Tübinger Montagsdemo am 16. August 2004 auf dem Holzmarkt aus – damals noch mit Anti-Schröder-Transparenten. Archivbild: Faden

20 bis 30 Leute zählte Schäfer zuletzt bei den abschließenden Kundgebungen auf dem Holzmarkt, 10 bis 20 seien im Schnitt vorher beim Protestzug vom Europaplatz herauf mitgelaufen. Den Grund für den Schwund gegenüber früheren Jahren sieht Schäfer in internen Zerwürfnissen. „Wie es im linken Flügel immer passiert: Dass sich die einen oder anderen nicht mehr grün sind“, so beschreibt Schäfer das Dilemma.

Am „offenen Mikrofon“ auf dem Holzmarkt werden nach dem Protestzug aktuelle Themen wie Stuttgart 21 oder die Entgleisungen von Bundesbanker Thilo Sarrazin diskutiert. Alle paar Wochen ergreift der Rottenburger Linke-Stadtrat und Kreisvorständler Emanuel Peter das Mikrofon. Zur Jubiläums-Demo am Montagabend wird die Bundestagsabgeordnete der Linken Heike Hänsel erwartet. Unter den Dauer-Teilnehmern sieht man Anhänger der Marxistisch-Leninistischen Partei – und natürlich die betroffenen Hartz-IV-Empfänger.

„Hartz IV ist offener Strafvollzug“, sagt etwa Eberhard Knoblich aus Dußlingen. Früher, in den 1970er-Jahren, hat er den „Schwanen“ in Nehren geführt, heute lebt der 65-Jährige von Grundsicherung. Diese beträgt wie der Hartz-IV-Regelsatz 359 Euro im Monat. „Man kann maximal einmal im Monat in die Gaststätte zum Stammtisch“, sagt der Ruheständler – keine Rede von kultureller Teilhabe. Bei der Tübinger Montagsdemo war Knoblich seit den Anfängen mit dabei. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, glaubt er. „Wir sind schon längere Zeit derselbe Stamm“, erzählt der Ruheständler.

Um die Montagsdemo wieder zu beleben, diskutieren die Aktivisten darüber, die Aktion aufzupeppen, etwa mit Straßentheater. Der 60-jährige Psychotherapeut Wolfgang Held ist seit der zweiten Montagsdemonstration 2004 dabei, von der ersten las er damals im Urlaub. „Die Hartz-IV-Gesetze haben den gesamten Lohnsektor herabgesetzt“, glaubt Held. „Deutschland ist in Europa der Lohndrücker Nummer eins.“ Das Anliegen der Montagsdemonstration ist für Held „aktueller denn je“. Zwar seien die meisten Mitdemonstranten von Attac ausgestiegen, aber: „Es kommen immer wieder neue Leute“ – und einige hätten neue Jobs gefunden, nicht zuletzt durch Unterstützung bei Bewerbungen.

Held selbst begleitet sozial Benachteiligte beruflich, auch bei Gängen ins Jobcenter im Schleifmühleweg. „Da gibt es immer wieder Aggressionen und Kränkungen.“ Die Aktivisten verteilen seit einem halben Jahr Flugblätter am Jobcenter. Die Gefühlslage der Klienten dort beschreibt Held mit „Wut und Resignation“.

In etwa hundert Städten im gesamten Bundesgebiet wird nach Angaben der Tübinger Aktivisten immer noch jeden Montag demonstriert. Held ist überzeugt: „Wenn es die Montagsdemonstration als bundesweite Aktion nicht gäbe, wären die Folgen für die Hartz-IV-Empfänger noch schlimmer.“ Und erklärt: „Wir kämpfen so lange, bis diese Gesetze vom Tisch sind.“

Die Tübinger Montagsdemonstration besteht seit sechs Jahren. Das kleine Jubiläum soll am Montag, 6. September, nach der Demonstration mit einer Hockete auf dem Holzmarkt gefeiert werden. Angeboten werden ein Rückblick auf sechs Jahre Montagsdemonstration in Tübingen, Spiele wie „Helenopoly“ oder „Hartzopoly“ neben einem Quiz über wichtige Fragen des Sozialgesetzbuchs. Treffpunkt ist wie immer um 18 Uhr am Tübinger Busbahnhof vor dem Café XXL. Die Hockete beginnt um 19 Uhr.

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05.09.2010, 12:00 Uhr

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