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Fünf Euro bringen gar nichts

Hartz IV-Empfänger empört über Erhöhung

Fünf Euro mehr werden Hartz IV-Empfänger bekommen. Die Wut bei den Betroffenen ist groß: Das Geld reicht vorne und hinten nicht.

04.10.2010
  • Sabine lohr

Tübingen. Hans Feist ist 55 Jahre alt und bekommt seit einem Monat Hartz IV. Davor bezog er Arbeitslosengeld, nachdem er im März 2009 seine Arbeit verlor. Maschinenbautechniker war er, hat mehrere Fortbildungen gemacht und bezeichnet sich als „Spezialisten“ – einer, der von der Industrie eigentlich gesucht wird. „Doch in meinem Alter krieg ich keine Arbeit mehr“, sagt er.

Hartz IV-Empfänger empört über Erhöhung

Am Donnerstag trifft er sich mit anderen in der Neckarhalde zum Frühstück im Arbeitslosentreff. Für die Neuberechnung des Hartz IV-Regelsatzes, die eine Erhöhung um fünf Euro gebracht hat, hat Feist nur ein Schulterzucken übrig. „Ich hab nicht damit gerechnet, dass wir mehr bekommen“, sagt er. Trotzdem regt er sich auf, vor allem, weil der Anteil für Alkohol und Zigaretten, der bisher in den Regelsätzen berücksichtigt war, gestrichen wurde. „Damit wird uns unterstellt, wir würden alle saufen“, sagt er.

Das kränkt die Leute im Arbeitslosentreff. Wie die ganze Berechnung des Regelsatzes überhaupt. „Da sind zum Beispiel 1,57 Euro im Monat fürs Internet drin“, sagt eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will und „über 50“ ist. „Wo, bitte schön, kriege ich denn einen Anbieter, der 1,57 Euro im Monat kostet?“ Überhaupt: das Geld reiche vorne und hinten nicht. Schulbücher, ein Englisch-Lexikon und einen Taschenrechner für ihren Sohn musste sie jetzt besorgen – viel Geld, das sie eigentlich nicht hat. „Fünf Euro“, sagt sie, das sei für sie eine Summe, „die ich festhalte, die ich unbedingt brauche“, auch wenn der Regelsatz, von dem sie seit 15 Jahren lebt, viel zu niedrig sei. „Ich kann ja Sonderangebote gar nicht nutzen“, klagt sie. Würde es mal irgendwo billig Nudeln geben, könnte sie die nicht auf Vorrat kaufen – „dazu langt das Geld einfach nicht“.

Diakon Peter Heilemann, regelmäßiger Gast beim Arbeitslosentreff, findet, die Erhöhung sei, „wenn sie nicht so traurig wäre, lächerlich“. Die Betroffenen würden über die minimale Erhöhung die „befürchtete und bestätigte Enttäuschung“ erleben, „dass sie nicht wahrgenommen werden“.

Die Regelsätze seien ja nur deshalb so niedrig, weil manche Menschen, die arbeiteten, zu wenig verdienten. „Und Hartz IV muss da noch drunter liegen“, ärgert er sich. Der richtige Ansatz sei es deshalb, den Arbeitenden bessere Löhne zu zahlen. „Es gibt in Deutschland rund 500 000 Menschen, die Vollzeit arbeiten und denen aufstockende Hilfen zustehen.“ Er habe, sagt Heilemann, gar nichts dagegen, wenn ein gewisser Anteil des Geldes für Hartz IV-Empfänger nicht in Geld, sondern etwa in Bildungsgutscheinen für die Kinder ausbezahlt werde – „aber es bleibt halt zu wenig“.

Gabriele Wülfers, Beraterin im Arbeitslosentreff, sieht das anders: „Es ist eine Entmündigung der Arbeitslosen, wenn man ihnen vorschreibt, was sie mit ihrem bisschen Geld zu machen haben“, ärgert sie sich. Von einer Erhöhung will sie ohnehin nichts hören – die gebe es nämlich gar nicht. Der so genannte „Armutsgewöhnungszuschlag“ falle weg, das Elterngeld, das Arbeitslosengeld-Bezieher bekämen, werde bei Hartz IV-Empfängern angerechnet, die Rentenversicherung falle ebenfalls weg. „Unterm Strich stehen die meisten jetzt wohl noch schlechter da.“

Dazu käme noch, dass viele Betroffene Schulden hätten, die sie abbezahlen müssten – vom Hartz IV-Satz. „Sparen kann da keiner mehr“, sagt auch Heilemann. Und die arbeitslose Frau ergänzt: „Ich brauche dringend mal eine neue Waschmaschine. Dafür muss ich aber mindestens zwei Jahre lang Geld zurücklegen. Das geht gar nicht.“ Da würden dann auch die fünf Euro im Monat nichts mehr bringen.

Weil niemand von den Arbeitslosen, die sich in der Neckarhalde treffen, mit einer Erhöhung gerechnet hat, bleibt ihnen nun nichts als ein resigniertes Schulterzucken. Und ihr Humor. „Lasst uns die fünf Euro auf den Kopf hauen“, schlägt Peter Langos vor. „Wir machen eine große Party!“ Der 37-jährige Götz Seidl steigt ein: „Und weil wir ja keinen Alkohol kaufen dürfen, bitten wir den Lions-Club um den Champagner dafür!“

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04.10.2010, 12:00 Uhr

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