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Vom Punk-Rock bis zu sphärischen Gitarren war bei Ract! alles dabei

„Hauptsache, die Leute haben Spaß“

Gut 20.000 meist junge Besucher/innen an zwei Tagen, 300 ehrenamtliche Helfer, 32 Bands auf drei Bühnen, dazu 20 politische Workshops: Das war Ract! 2012. Zum ersten Mal seit drei Jahren durfte am Wochenende eins der größten Umsonst-und-draußen-Festivals der Republik wieder in den Tübinger Anlagenpark. Ein Streifzug durch das musikalische Geschehen zwischen Europaplatz und Anlagensee.

11.06.2012
  • Filipp Münst und Benjamin Bauer

Verschnupft rümpfte mancher potenzielle Festival-Besucher noch am Freitagvormittag die Nase: Es regnete und regnete. Pünktlich zu den ersten Akkorden bescherte Petrus dem diesjährigen Ract!-Festival dann aber doch noch Sonnenschein.

Prägten am späten Nachmittag auf der Rockbühne vornehmlich Punk-Bands das Geschehen, sorgte auf der Hip-Hop-Bühne der Karlsruher Schote mit schlüpfrigen Texten für Furore. Ebendort bot später der Reutlinger Rapper Sean Gallagher, unterstützt durch Fess-Up und die Koma-Gruppe, eine solide Live-Show. Als Headliner auf der Hip-Hop-Bühne feierte sich Max Nachtsheim alias Rockstah als Rapper 2.0 mit E-Gitarren-Unterstützung und aggressiven Texten.

Heimliches Highlight des ersten Festival-Tages waren zweifelsohne die Tübinger Lokalmatadore von Lingua Loca, die zur Primetime die Reggae-Bühne rockten. Bei all dem Gewusel konnte die genaue Anzahl an Musikern nicht sicher ermittelt werden, sie lag ungefähr bei einem Dutzend. Die Bigband um die Rapper Ari Chicago und Teee hat bestimmt viel Deichkind und Jan Delay gehört, schafft es aber trotzdem, einen eigenen Stil zu entwickeln. Mit drei Bläsern, zwei Schlagzeugern, zwei Gitarristen und einem Keyboarder bestens für vielfältige musikalische Scharmützel ausgerüstet boten Lingua Loca eine treibende Mixtur aus Funk und Hip-Hop. Bassist Valentin Link, prominent platziert in der Mitte der Bühne, verknüpfte diese vermeintlichen Gegensätze, die von beiden Seiten auf ihn einwirkten, mit seinem groovigen Spiel perfekt.

Dass der erste Longplayer von Lingua Loca gleich ein Live-Album war, überrascht nicht, denn die Tübinger Formation versteht einfach, wie eine packende Live-Show zu funktionieren hat. So setzte das Publikum den Wunsch „Alle auf die Knie!“ prompt in die Tat um und bedankte sich Sekunden später hüpfend für die tolle Stimmung.

Gegen halb Zwölf startete mit „My Baby Wants to Eat Your Pussy“ der Rock-Headliner des Abends. MBWTEYP schämen sich nicht dafür, Absolventen der in der Szene durchaus umstrittenen Mannheimer Popakademie zu sein. „Das war das Umfeld, in dem wir uns kennengelernt haben. Aber das Studium war nach den ersten zwei, drei Wochen nur noch ein Projekt neben der Band“, sagte Sänger Ziggy Has Ardeur dem TAGBLATT am Rande des Festivals. Angesprochen auf den doch eher merkwürdigen Bandnamen meinte er: „Das ist ein Stempel, den du mit Stolz trägst wie eine Fahne. Ursprünglich hieß so ein Acapella-Lovesong“, so der Frontmann. „In einem Anflug von Größenwahn bei der Probe haben wir uns eines Tages dazu entschieden, ihn auch als Bandnamen zu verwenden. Er soll zeigen, dass wir eine nicht konforme Band sind.“

Unkonventionell eben. Das zeigt sich nicht nur in Ardeurs schrillen Outfit. Auch an die etwas sperrige Mischung aus Artrock, Glamrock und Crossover mit männlich-weiblichem Doppelgesang musste sich so mancher Zuschauer erst gewöhnen. Verbunden mit anfänglichen Abmischungs-Problemen benötigten die Mannheimer eine gewisse Anlaufzeit. Die Bühnen-Show gestaltete sich bei früheren Konzerten schon spektakulärer und Gitarrist David De Vincent verkleidete sich lange nicht so androgyn wie auf dem Ract!-Festival vor drei Jahren, was damals für Unterhaltung sorgte. Frontmann Ziggy Has Ardeur gelang es in seiner exzentrischen Art trotzdem, nicht nur die eingefleischten Fans in unmittelbarer Bühnen-Nähe mitzureißen. Kurz vor dem Höhepunkt, um kurz nach Zwölf, zog die Festivalleitung den Stecker und sorgte damit für das jähe Ende eines gerade richtig gut werdenden Konzerts.

Das erste Highlight am Samstagabend war der Auftritt von The Savants. Die seit 2004 existierende Punk-Truppe macht laut Sänger Martin Brunner alias Dog Mrdn „Musik zur Steigerung der Lebensfreude“ – und das sehr effektiv. Gitarrist Tobi Explosion, Schlagzeuger Eckuzz Energy und Bassist Herr Kaiser bildeten die knackige instrumentale Basis der oft halsbrecherisch schnellen Nummern, während Sänger Dog Mrdn wie ein Derwisch auf der Bühne umher hüpfte und das Publikum immer wieder zum Mitmachen animierte. Ansagen wie „Wir brauchen Festival-Stimmung!“ oder „Hände hoch!“ zeigten schnell Wirkung und spätestens als Brunner Dosenbier in die Menge warf, gab es kein Halten mehr. Da kam man dann auch gerne ein bisschen näher an die Bühne und skandierte „Sommer, Sonne, Dosenbier!“

Dass der Schlüssel zu einem erfolgreichen Festival-Auftritt die Interaktion mit dem Publikum ist, haben die Savants verinnerlicht und das zelebrierten sie auch. Berührungsängste? Fehlanzeige. Sänger Dog Mrdn, der wie ein Philosophiestudent auf Aufputschmitteln wirkte, sprang sogar von der Bühne und bildete mit dem Publikum ein sogenanntes „Circle Pit“, bei dem alle im Kreis umherliefen. Das machte mindestens so viel Laune wie das anschließende Spiel mit riesigen aufblasbaren Strandbällen, die Brunner mit dem Kommentar „Spielt schön!“ ins Publikum warf. Zum Abschluss regnete es Konfetti.

Als die Sonne untergegangen war, wurde es Zeit für die Top-Bands des Abends. Auf der Reggae-Bühne waren das die Pantasonics, die bereits auf dem letzten Ract! das Publikum mit ihrem „Dirty Reggae Balkan Funk“ begeistert hatten. „Wir freuen uns, dass das Festival wieder so stattfindet“, sagte Sänger Leo Molina. „Es ist ein einzigartiges Festival und wir fühlen uns geehrt, wieder hier sein zu dürfen.“ In der Band zeichnet der gebürtige Venezolaner Molina für den Latin-Einfluss der Songs verantwortlich. Was an diesem Abend wichtig war, brachte der großgewachsene Sänger kurz und knapp auf den Punkt: „Die Hauptsache ist, dass die Leute Spaß haben.“ Und den hatten sie. Schon während der Vorstellung der Band, die Trompeter Timo Wetzel übernahm, johlte und applaudierte das Publikum lautstark. Im Anschluss wurde dann anderthalb Stunden zum distinkten Mix der sechsköpfigen Truppe geschwoft und getanzt.

Wer sich gegen 22.45 Uhr vor der mittleren Bühne einfand und mit einem Rock-Act als Headliner gerechnet hatte, für den war Kleingeldprinzessin aus Berlin die Überraschung des Abends. „Bleibt ruhig sitzen, es wird gemütlich“, sagte Dorothea Kehr, als einige Zuschauer vom Boden aufstehen wollten. „Das ist zwar die Rock-Bühne, aber es wird nicht rockig“, sagte die Sängerin und erntete einige Lacher. Zusammen mit Gitarrist Jan Rohrbach, der seiner halbakustischen E-Gitarre dezente, atmosphärische Klänge entlockte, spielte sie Lieder, die mal nach Mia, mal nach Rosenstolz klangen. Beim Blick in den Sternenhimmel regte das zum Träumen an und Kleingeldprinzessin kamen beim Publikum vor der Rock-Bühne wider Erwarten gut an.

Hauptband auf der Hip-Hop-Bühne war F.R., mit bürgerlichem Namen Fabian Römer. Der Rapper, der bereits auf dem Splash-Festival vor Genre-Größen wie Nas auftrat, behandelt in seinen Liedern Probleme der heutigen Generation, wie beispielsweise die Oberflächlichkeit des sozialen Netzwerks Facebook oder die Frühreife heutiger Teenager. Das Tübinger Publikum ging voll mit. Auf die Aufforderung zum Mitmachen („Bouncet, wenn ihr mit mir seid“) gingen 150 Handpaare in die Höhe und wippten im Takt des live gespielten Schlagzeug-Beats.

„Hauptsache, die Leute haben Spaß“
Wände mal ganz legal mit Graffiti verzieren – auch das ging beim Ract!-Festival. Hier ein Sprayer im Einsatz.

„Hauptsache, die Leute haben Spaß“
Mit Sonne im Nacken macht das Musikhören noch mehr Spaß.

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11.06.2012, 12:00 Uhr

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