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Erstes „Parkierungsbauwerk“ Tübingens: Platz für 550 Fahrzeuge

Haus des Oberförsters musste weichen

Auch nach über 40 Jahren findet Ilse Rau das Parkhaus in der Tübinger Wöhrdstraße einfach nur „scheußlich“. Das ist nicht nur ein ästhetisches Urteil. Denn dem Stahl-Beton-Quader am Neckar musste auch jenes Wohnhaus weichen, in dem die heute 83-Jährige fast 20 Jahre lang lebte und wo auch die Kinder von Ilse und Walter Rau geboren wurden. Doch in den 1960er Jahren ging es in den Tübinger Straßen ziemlich eng zu. Der (ruhende) Autoverkehr wurde stetig mehr. Es fehlte an ausreichenden Parkmöglichkeiten. Im Frühjahr 1968 begannen die Bauarbeiten für das erste Parkhaus in Tübingen.

09.05.2012
  • Frank Rumpel

Es war bitter, als wir das vertraute Haus gegen eine Wohnung auf dem Österberg tauschen mussten“, sagt Ilse Rau und ist heute noch entsetzt: „Wie kann man einen so schönen Platz so vergeuden.“

Haus des Oberförsters musste weichen
Die beiden Bilder vom Rau’schen Wohnhaus hat Ilse Rau den Zeitzeugnissen überlassen. Im August 1948 kam Ilse Rau nach Tübingen, am 22. Oktober heirateten Ilse und Walter Rau kirchlich. Die Hochzeitsgesellschaft ließ sich auf dem Neckar bis zum Hölderlinturm stochern. Dann ging’s zu Fuß bis zur Stiftskirche. Bilder: Privat

Das Wohnhaus mit der Nummer 21 war ein stattliches Gebäude aus dem beginnenden 19. Jahrhundert, das der Familie Rau gehörte und gleich mehreren Parteien Platz bot. Zum Neckar hin gab es einen großen Garten mit Obstbäumen, einem Bienenhaus und einem Zugang zum Wasser. Bauen lassen hatten es im 19. Jahrhundert der Oberförster Gustav Rau und seine Frau Bertha für sich und die sechs Kinder, die es später als Erbengemeinschaft verwalteten.

Von 1930 an lebte dort der 1870 geborene Karl Rau mit seiner Frau Marie. Sie hatten acht Kinder. Drei Söhne starben im Zweiten Weltkrieg. Sohn Walter heiratete 1948 Ilse Rau, geborene Benda. Die beiden zogen in der Wöhrdstraße ein, wohnten dort zusammen mit zwei Schwestern von Walter Rau, eine von ihnen ebenfalls frisch verheiratet, und dem Schwiegervater Karl Rau, der 1966 starb.

Haus des Oberförsters musste weichen
Im Frühjahr 1968 begannen die Arbeiten für das erste Parkhaus Tübingens. Rund 250 Stahlbetonpfähle wurden in den Boden gerammt. Das Bild zeigt den Baufortschritt im August. Im November war Eröffnung. Links daneben das Casino.

Im einstigen Haus des Oberförsters sei es stets gastlich zugegangen, erinnert sich Ilse Rau. Zu ihrer Zeit haben dort auch viele Studenten gewohnt, etwa der im Februar dieses Jahres verstorbene Kinder- und Jugendpsychiater Reinhart Lempp (das bauähnliche Haus nebenan, die Nummer 23, gehörte übrigens Noa Wendler, Landtagsabgeordneter und Chef der Hammer- und Zementwerke. Bis 1934 lebte in der Nummer 23 auch Josef Wochenmark, Vorsänger der jüdischen Gemeinde in Tübingen, der sich 1943 angesichts der bevorstehenden Deportation ins Konzentrationslager in Stuttgart das Leben nahm).

Anfang der 1960er Jahre drängten die Kinder von Karl Rau auf eine Regelung des Hauserbes. „Leider“, sagt Ilse Rau, „war keiner aus unserer Generation finanziell in der Lage, das Haus zu übernehmen.“ Schließlich kaufte es ein Bruder Karls zu einem „Familien-Vorzugspreis“ und zahlte die anderen aus. Bald darauf starb er. Seine Frau verkaufte das Haus an die Stadt. Ilse Rau zog mit ihrer Familie in eine Wohnung in der hinteren Schwabstraße auf dem Österberg. „Das war damals“, erinnert sie sich, „eine Art Rentnerparadies, in dem wir mit unserer großen Kinderschar nicht wirklich willkommen waren.“ Sie erwartete damals gerade ihr neuntes Kind.

Haus des Oberförsters musste weichen
Das einstige Haus des Oberförsters Gustav Rau, die Wöhrdstraße 21. Unterm Giebel schmückt die Fassade ein Hirschgeweih. Diese Aufnahme entstand im Jahr 1879.

Der Tübinger Gemeinderat hatte sich indes bereits 1964 einstimmig für ein „Parkierungsbauwerk“ auf dem Wöhrdplatz ausgesprochen, um des zunehmenden Verkehrs in der Innenstadt Herr zu werden. Die Häuser 21 und 23 waren damals laut TAGBLATT bereits in städtischem Besitz. Der Abbruch war beschlossene Sache.

Zwar gab es in der Wöhrdstraße in Verlängerung zum Haus Nummer 21 einen Parkplatz, auf dem, erinnert sich Ilse Rau, Anfang der 1950er Jahre eine Fuhrunternehmerin gelegentlich noch ihre Pferdekutsche zwischen den Autos abstellte, doch war der längst zu klein.

Vor allem Walter Zinser, Inhaber des Modehauses, machte sich für das Parkhaus stark, das da über vier Geschosse Platz für rund 550 Fahrzeuge bieten sollte. In der Gemeinderatssitzung legte seinerzeit CDU-Stadtrat Gerd Weng laut TAGBLATT Wert darauf, man möge beim künftigen Parkhaus doch bitte ästhetische Gesichtspunkte berücksichtigen. Er schlug zudem vor, doch frühzeitig an einen Uferweg entlang des Neckars zu denken. Der war tatsächlich lange im Gespräch und auch noch in den Plänen von Architekt Hans Georg Wägenbaur enthalten. Verwirklicht wurde er aber nie.

Haus des Oberförsters musste weichen
Ilse Rau Bild: Hantke

Im Dezember 1967 waren die beiden Wohngebäude in der Wöhrdstraße oberhalb des heutigen Casinos abgebrochen. Damit stehe, hieß es im TAGBLATT, „der Errichtung eines Parkierungsbauwerkes, das einige Hundert Fahrzeuge fassen kann, geländemäßig nichts mehr im Wege.“ Schon im Frühjahr 1968 sollte mit dem Bau begonnen werden, wobei die Arbeiten, die ja der Parkplatznot zumindest teilweise Abhilfe schaffen sollten, das Problem zunächst eher verschärften.

In der Altstadt standen auch bald die Parkuhren

Vom 18. März 1968 an war der Parkplatz in der Wöhrdstraße nicht mehr zu benutzen. Also mussten kurzfristige Alternativen her. Die fand man am Platz beim Uhlanddenkmal, wo der Gehweg, wie es zeitgemäß hieß, „zugunsten eines flüssigen Fahrverkehrs“ schmaler gemacht werden sollte. „Vor allem geht es darum, möglichst viele Parkplätze zu gewinnen.“

Zudem konnten Dauerparker ihre Autos „in der Gegend jenseits der Bahnlinie entlang der Steinlach“ abstellen. In der Altstadt wurden derweil – auch das ein Novum – Parkuhren eingeführt. So kündigte das Amt für öffentliche Ordnung seinerzeit solche Parkuhren etwa in der Frosch- und Bachgasse an. Zudem dachte man im Amt darüber nach, weitere „an der Krummen Brücke und entlang dem Konvikt in der Langen Gasse“ aufzustellen.

Im Frühjahr 1968 titelte das TAGBLATT dann auch: „Wehe dem, der halten will“. Den so genannten ruhenden Verkehr hatte man da als „das wahre Problem der Stadt“ ausgemacht, was mit einer durchaus beeindruckenden Zahl belegt wurde. Im Jahr zuvor hatte Tübingens Vollzugsbeamter satte 5.000 gebührenpflichtige Verwarnungen ausgeschrieben.

Dennoch war man sich über die Rolle, die in naher Zukunft das Parkhaus spielen sollte, noch nicht ganz einig. Schließlich gab es dort rund 550 Plätze zu belegen, um „die Rentabilität“ des Gebäudes zu sichern. Die Erfahrungen, die man dort sammelte, sollten „über den Bau weiterer Parkhäuser mitentscheiden“.

Gebaut wurde das erste Parkhaus Tübingens übrigens nicht von der Stadt, sondern von einem Unternehmer-Konsortium, der Parkhaus Südwest GmbH, zu der auch die Firma Zinser gehörte. Wichtig für Zinser war insbesondere die Überlegung, dass Tübingen „seine Stellung als Einkaufszentrum“ nur werde halten können, „wenn man den in steigendem Umfang motorisiert ankommenden Kunden bequeme Parkplätze in der Innenstadt anbieten“ könne.

Im April 1968 wurden auf dem Gelände die ersten Stahlbetonpfähle bis zu sieben Meter tief in den Boden gerammt. Rund 250 solcher Pfähle waren nötig, um dem künftigen Parkhaus im schlammigen Untergrund den nötigen Halt zu geben. Da der Rest des 85 Meter langen und 35 Meter breiten Gebäudes in Fertigteilen geliefert wurde, war bereits am 29. November Eröffnung.

Der damalige Oberbürgermeister Hans Gmelin sprach von einem „Freudentag für alle, denen die Ruhe der Stadt am Herzen liegt“. Zwar sei nicht abzusehen, wie schnell das Parkhaus von den Autofahrern angenommen werde, doch müsse Tübingen „als moderne Stadt des Geistes und des wirtschaftlichen Lebens einiges tun, damit sich das gute Alte mit dem wertvollen, guten Neuen in hervorragender Weise“ verbinde. Das Band bei der Eröffnung durchschnitt Stadträtin Maria Ohlmeier mit – wie es im TAGBLATT hieß – „geübter Hausfrauenhand“.

Angenommen wurde das Parkhaus zunächst tatsächlich nur zögerlich, doch stieg die Zahl kontinuierlich. Im Januar 1977 überraschte der damalige Betriebsleiter dann die millionste Parkhauskundin mit einem Präsentkorb.

Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, arbeitete Ilse Rau lange als Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Nürnberg und Konstanz. Vor zwei Jahren kam sie nach Tübingen zurück, war aber zuvor immer mal wieder zu Besuch in der Stadt. Ihr Auto hat sie nie in der Wöhrdstraße abgestellt.

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09.05.2012, 12:00 Uhr

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