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Hausverwaltung ausgestiegen
Haugenstein

Hausverwaltung ausgestiegen

Zahlreiche Bewohner der Privatsiedlung müssen weiter frieren. Nun meldet sich die umstrittene Hausverwaltungsgesellschaft Engelmayr zu Wort.

15.10.2016
  • Benjamin Breitmaier

Die kalten Tage sind da, der Haugenstein friert weiter. Doch es gibt Hoffnung. Seit dem vergangenen Montag geben die Heizungen in der Roten Siedlung wieder Wärme ab – keine Sekunde zu früh. Gerade hier lebt ein alter Mann, für den die anhaltende Kälte lebensgefährlich hätte sein können. Zu der positiven Entwicklung kam es nach Aussage einiger Bewohner, weil ein Mitarbeiter von Decobau in dem Fall aktiv wurde.

Decobau ist Eigentümer von einigen der sogenannten WEGs – Häusern mit vier Wohnugen – in der Roten Siedlung. Die Gesellschaft reagierte mit dem Einsatz des Mitarbeiters auf mehrere Schreiben des Deutschen Mieterbundes. Es wird vermutet, dass der Betreiber des Heizkraftwerks, Andreas Osbelt, auf drängen von Decobau die Wärme wieder angestellt hat. An der Spitze von Decobau steht Dietmar Demczenko. Er hatte damals mit Osbelt zusammen die gesamte Siedlung von der Bundesanstalt für Immobilien (Bima) abgekauft. Doch die beiden Parteien zerstritten sich. Osbelt stieg aus, Demczenko gehören mit seiner Decobau noch einige Objekte in der Roten Siedlung.

Trotz der Wärme für die Rote Siedlung ist die Lage auf dem Haugenstein keinesfalls entspannt. Die Gelbe Siedlung leidet immens unter den kalten Temperaturen. Auch einige Gebäude in der Blauen Siedlung sind noch ohne Heizung und Warmwasser. „Ich habe schon ein paar Heizlüfter verteilt“, erklärt eine Bewohnerin. Für eine 80-Jährige Anwohnerin könnten die kalten Temperaturen lebensgefährlich werden, genauso wie für einige Säuglinge, die in der Siedlung leben.

Die Streitigkeiten um Nachzahlungsforderungen der Nebenkosten gehen derweil auf juristischer Ebene unbarmherzig weiter. Im Zentrum stehen die Abrechungen der Hausverwaltungsgesellschaft Engelmayr. Diese hat nun sämtliche Verträge mit den WEGs laut eigener Aussage in „gegenseitigem Einverständnis“ aufgelöst. Die Firma war für die Abrechnungen von 22 der 32 WEGs verantwortlich.

Im Bereich des Möglichen liegt aber auch ein Zerwürfnis mit Osbelt, das sich in einer Verhandlung vor dem Horber Amtsgericht am 8. September angebahnt hat. Die Osbelt-Seite hat damals bestätigt, dass Engelmayr zumindest in einem Fall eine Abrechnung um mehrere tausend Euro korrigierte. Geschäftsführer Jürgen Engelmayr erklärt die Korrektur im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE durch die Verrechnung verschiedener Forderungen. „Osbelt und wir haben keinen Streit und nichts“, betont Engelmayr. Der Vertrag wurde nur mit den WEGs aufgelöst. Für Osbelts Horb Energie arbeitet die Hausverwaltungsgesellschaft weiter. Die Korrektur einer Forderung von knapp 18000 Euro auf weniger als 5000 Euro „war kein Fehler von uns“.

Indizien, dass etwas mit den Abrechnungen nicht stimmen könnte gibt es jedoch mehrere. So zeigt sich auf der Abrechnung einer Bewohnerin, dass deren Wasserverbrauch innerhalb eines Jahres um etwa 400 Prozent gestiegen ist. Die Bewohnerin, deren Namen nicht geannt werden soll, beteuert, dass sich am Verbrauch nichts geändert hat. „Wir haben keinen Swimmingpool im Keller gebaut“, sagt sie mit zynischen Lächeln. Engelmayr hält in dem Fall einen Ablesefehler oder einen offenen Wasserhahn für möglich.

Nur eine von vielen Geschichten. „Wir wollen endlich sehen, was wir genau verbraucht haben“, sagt eine andere Bewoherin im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Denn nicht nur die hohen Nachzahlungsforderungen stehen im Raum, die Bewohner wissen oft nicht, warum sie denn überhaupt so viel nachzahlen sollen. Engelmayrs Stellungnahme zu den Vorwürfen: die Bewohner könnten die Abrechnungen schlichtweg nicht nachvollziehen. Dies Aussage dürfte unter den Bewohnern für Empörung sorgen, denn bisher fehlt jedes Verständnis dafür, dass auf dem Haugenstein scheinbar Jahrzehnte alles mehr oder weniger in geordneten Bahnen verlief und plötzlich, laut Aussage von Andreas Osbelt, Schulden in Gesamthöhe von mehr als 100000 Euro auftauchen.

Geschäftsführer Jürgen Engelmayr versucht sich an einer Erklärung: „Bevor Horb Invest die Wohnungen verkaufte, hat Osbelt viel von den Kosten des Heizkraftwerks und Dinge wie die Straßenreinigung selbst bezahlt.“ Horb Invest ist eine weitere Gesellschaft von Andreas Osbelt, in deren Eigentum sich – nach dem Zerwürfnis mit Demczenko im Jahr 2011 – große Teile der Siedlung befanden. „Als der Tag X kam, hat Osbelt gesagt ,Jetzt will ich das Geld haben, das mir zusteht‘. Dann sind die Kosten explodiert.“ So lange Osbelt praktisch Wärme an sich selbst lieferte, funktionierte das Konstrukt. Dann verkaufte Horb Invest aber seine Gebäude und forderte laut Engelmayr weitaus höhere Beträge. Engelmayr hält den Betrieb des Heizkraftwerkes für ein Minusgeschäft, das vor den Nachzahlungsforderungen nur funktioniert habe, weil Osbelt viele der Kosten selbst übernommen habe. Die schlecht isolierten Erdleitungen, die Einrohrheizung, die schlecht gedämmten Gebäude – in Summe lässt sich für Engelmayr keine Wirtschaftlichkeit herstellen.

Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht, müssen die Gerichte klären. Eine richterliche Anordnung von Anfang des Monats schaltet nun einen weiteren Sachverständigen ein. In der Angelegenheit streitet ein Mieter mit einem Vermieter vor dem Horber Amtsgericht. Wieder geht es um geforderte Nachzahlungen in Höhe von mehreren tausend Euro. Laut Beschluss soll sich der Sachverständige die Engelmayrschen Nebenkostenabrechnungen genau ansehen. Experten gehen allerdings davon aus, dass sich eine Prüfung dieser Art über mehrere Monate hinzieht. Das heißt für die Bewohner wiederum: frieren. Selbst wenn die Forderungen berechtigt wären, mangelt es oft an Liquidität, um die Rechnungen zu begleichen. Frage ist, wie Andreas Osbelt handelt, wenn es zum ersten ernsten Zwischenfall aufgrund der Kälte kommt.

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15.10.2016, 01:00 Uhr

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