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Ausstieg aus leidigem Kassensystem

Hautarzt Dr. Ulrich Schanbacher und Patient H.-J. Drenk sehen Gesundheitssystem am Scheideweg

Der Arzt – vom Kassensystem frustiert, der Patient – wegen der Überbürokratisierung und den kundenunfreundlichen Strukturen höchst verärgert. Dr. Ulrich Schanbacher und sein Klient Hans-Joachim Drenk sehen unisono erheblichen Handlungsbedarf im deutschen Gesundheitssystem. Arzt und Patient erkennen viele Potenziale – und vor allem Geld – verschenkt und starre Verkrustungen künstlich am Leben erhalten.

06.11.2015

Von Siegfried Schmidt

Freudenstadt. Schanbacher und seine Frau Edit, beide Hautärzte und Allergologen, mit einer seit 1984 in Freudenstadt firmierenden Doppelpraxis, haben Mitte des Jahres ihre Kassenzulassung zurück gegeben. Sie sind damit gewissermaßen freie Anbieter auf dem lokalen Gesundheitsmarkt geworden.

Zum Leidwesen vieler gesetzlich krankenversicherter Patienten, die nun zur einzig weiteren Hautarztpraxis in Freudenstadt wechseln mussten oder ab sofort weite Anreisen in Kauf zu nehmen haben: Zur Hautklinik nach Tübingen etwa oder zu Fachärzten nach Baden-Baden und Freiburg. Und das natürlich mit langen Termin-Wartefristen. Dr. Schanbacher kann das Lamento der Leute verstehen: „Ein Hautarzttermin in vier Wochen, dass hilft einem Patienten mit einer Gürtelrose auf Anhieb nichts!? Er weiß von einem aktuellen Fall, wo ein Patient mit akuter Erkrankung erst am 2. Dezember vorsprechen kann.

Widersinning findet der Freudenstädter Rentner und Kunstfreund Hans-Joachim Drenk diese Zustände im deutschen Gesundheitssystem. Ein Gestrüpp von Reglementierungen und Einschränkungen werde da den Ärzten zugemutet, das keinem Patienten nützt, sondern Menschen ausgrenzt, ihnen weite Anfahrtswege aufbürdet und mehrere Wochen Wartezeit aufnötigt. Deshalb hat Drenk zusammen mit seinem Arzt (und Kunst-Kollegen) Schanbacher jetzt mal Klartext nach außen vorordnet.

Das Ehepaar Schanbacher hat schon länger versucht, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden. Aus Altersgründen, Dr. Schanbacher ist 66, aber auch weil die Reglementierungen immer schlimmer wurden, wie er sagt. Die Bemühungen um einen Praxis-Übernehmer blieben allerdings erfolglos. Und das trotz günstiger Rahmenbedingungen. Ein Dermatologen-Ehepaar zeigte starkes Interesse, man besichtigte die Stadt und die schöne umgebende Erholungslandschaft, man hatte gar eine Audienz beim OB. Jedoch sagten die Bewerber, wiewohl von der Lokalität angetan, wieder ab. Die beiden praktizieren nun in England. Für Dr. Schanbacher ein weiterer Beweis, dass das deutsche Kassenpraxen derzeit unattraktiv sind. Überreglementierungen strangulierten die ärztliche Tätigkeit.

Der Patient Drenk braucht nur aufzuzählen: Fallzahlbudgetierung, d.h. Leistungen werden nur für eine begrenzte Anzahl von Patienten pro Quartal vergütet; Arzneimittelbudget, was massiv in die Verschreibungs-Kompetenz der Mediziner eingreift und den Behandlungsspielraum verengt; oder Regelleistungsvolumen, bei dem eine „Patienten-individuelle Diagnostik und nachhaltige Therapie?, so Drenk, unterminiert werden. „Unverantwortliche Zumutungen? nennt der 77-Jährige diese Regulationen. Ohne ein grundlegendes Umdenken werde dieses System seine kranken Strukturen nie abstreifen können. Drenk: „Ärztliche Kunst sollte frei und ohne vielerlei Beschränkungen ausgeübt werden können.?

Ulrich Schanbacher will nicht missverstanden werden. Ihm und seiner Frau mache der Hautarzt-Beruf weiterhin Spaß, deshalb führten sie ihre Praxis ja auch weiter. Aber mit „anderer Zielsetzung?, nämlich nun als sog. Selbstzahlerpraxis und für Privatversicherte. Und diesen Bedingungen sehen sie bessere Chancen, in vielleicht zwei bis drei Jahren doch noch kompetente Nachfolger zu finden.

In der Praxis bedeutet das, dass Kassenpatienten weiterhin betreut werden, so sie das wollen, ? und das „zum niedersten GoÄ-Satz?, wie Schanbacher anmerkt, die Kosten müssen sie aber selbst begleichen und sich bei ihrem Versicherer dann um eine Rückerstattung bemühen.

Ärzte nicht anwerben

Edit und Ulrich Schanbacher hätten durchaus auch, wie andernorts üblich, ihre Praxis an ausländische Ärzte etwa aus Schwellenländern abtreten können. Doch das sei ihnen aus „ethischen Gründen? unvertretbar erschienen, sagt der Hautmediziner. Die Kollegen aus Ländern wie Bulgarien oder Rumänien würden „dort dringend gebraucht?, anstatt im Zuge eines kolonialen Ärzteimports in Deutschland für eine Systemstabilisierung zu sorgen.

Schanbacher: „Hierzulande wird doch nur krampfhaft versucht, das kranke Kassensystem aufrecht zu halten.? Siehe die Unzahl an Kassen und Versicherern, die viele überflüssige Strukturen vorhielten und einen „Riesen-Verwaltungsaufwand? produzierten.Bild: sis

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Erstellt:
6. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2015, 12:00 Uhr

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