Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Heike Hänsel fiel aus ihrer Rolle

Heike Hänsel sieht sich mit starker Kritik, sogar mit Rücktritts- und Austrittsforderungen aus Teilen ihrer Partei konfrontiert. Die Tübinger Abgeordnete der Linken erschrak offenbar selbst darüber, welchen Geistern sie bei dem Vorfall im Bundestag aus der Flasche verhalf.

19.11.2014

„Liebe Leute, ich bereue zutiefst, dass ich so naiv war, zwei Referenten aus USA und Israel, die zu einer Veranstaltung über Gaza und Israel eingeladen waren, und nach in den Medien erhobenen Antisemitismus-Vorwürfen ein Gespräch mit Gregor Gysi suchten, dies ermöglichen wollte und dadurch für diesen Eklat mitverantwortlich bin“, schrieb Hänsel in „Facebook“. Sie habe die Situation unterschätzt.

Nach Entgleisungen, wüsten Beschimpfungen und der Veröffentlichung eines Videos, das zeigt, wie Gysi bis zur Toilette verfolgt wird, sei für sie „völlig klar, dass ich eine weitere Zusammenarbeit mit den beiden Journalisten ausschließe“.

Inge Höger und Annette Groth, die Max Blumenthal und David Sheen eingeladen hatten, waren schon 2010 durch ihre Teilnahme an einer „Free-Gaza-Flottille“ als reichlich unbedarft aufgefallen. Die angebliche humanitäre Hilfsfahrt endete in einer Katastrophe. Israelische Soldaten erschossen neun Aktivisten. Groth war während der Ereignisse auf dem Frauendeck eingeschlossen. Später gerieten sie und Höger in die Kritik, weil sie Schals trugen, die den Nahen Osten ohne Israel zeigten.

Heike Hänsel gilt als reflektierter. Umso erstaunlicher, dass sie nun ähnlich instinkt- und gedankenlos agierte – ausgerechnet bei diesem sensiblen Thema und ausgerechnet bei einer Aktion gegen den Vorsitzenden ihrer Fraktion.

Dabei ist die 48-Jährige keine Anfängerin, sie gehört dem Bundestag in der dritten Wahlperiode an. Sie kommt aus der Friedensbewegung. Viele Weggefährten schätzen an ihr, den Verlockungen von Macht und Einfluss zu widerstehen und sich nicht verbiegen zu lassen. Sie hat als Abgeordnete ihren Basisbezug behalten. Häufig tritt sie als Rednerin bei Kundgebungen auf. Doch nun zog sie in einem Go-in vor Gysis Büro wie ein Studierendenvertreter zur Tür des Unipräsidenten.

Mag eine Regelverletzung wie eine Parole auf einem T-Shirt im Plenarsaal noch sympathisch wirken: Physischer Druck hat in Parlamenten nichts zu suchen. Das müsste Heike Hänsel wissen. Sie ist als Abgeordnete in den Bundestag gewählt, nicht als Aktivistin. Gregor Gysi versuchte, die Sache nach der Entschuldigung der drei Abgeordneten mit Humor zu nehmen. Seine Stellvertreterin Sarah Wagenknecht forderte ihre Genossinnen und Genossen auf, die Debatte zu beenden. Doch auch dieser Geist ist aus der Flasche entlassen: Die Diskussion über unterstellten oder tatsächlichen Antisemitismus in Teilen der Linken ist entfacht, weitere Klarstellung vonnöten.

Renate angstmann-Koch

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

19.11.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball