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Ulm

Heiler vor dem Herrn

Recherche-Anrufe US-amerikanischer Medien in der Pressestelle der Uni-Klinik kommen auch nicht alle Tage vor. Nicht, dass sich Zeitungen jenseits des großen Teichs dafür interessieren, was auf dem Oberen Eselsberg los ist.

23.11.2015

Von CHRISTOPH MAYER

Nein, die Zeichen stehen auf Vorwahlkampf in den Staaten. Und in dem spielt eine Begebenheit von vor 28 Jahren eine Rolle. Sie hat mit Ulm zu tun.

Es geht um Ben Carson (64), Präsidentschaftskandidat, Multimillionär, erzkonservativer Republikaner. Der neue Liebling der evangelikalen Rechten, bis zu seiner Pensionierung Kinderneurochirurg, hatte 1987 die "Ulmer Siamesischen Zwillinge", auch als Binder-Zwillinge bekannt, getrennt. Der 22-stündige Eingriff am John-Hopkins-Hospital in Baltimore brachte dem Afroamerikaner Weltruhm ein. Die aus Ravensburg stammenden, in der Ulmer Kinderklinik zur Welt gekommenen Babys, waren am Kopf zusammengewachsen. Nie zuvor war Ärzten eine solche OP gelungen.

In die Schlagzeilen geraten ist Carson zuletzt aus anderen Gründen. Er hat ein bizarres Verhältnis zur Wahrheit. So behauptet er, die Pyramiden seien keine Pharaonengräber gewesen, sondern biblische Kornspeicher. Er stellt die Evolution in Abrede und vergleicht Barack Obamas Gesundheitsreform mit Zuständen in Hitler-Deutschland.

So manche Anekdote in seiner Autobiographie "Begabte Hände" ist ebenfalls märchenhaft, fanden US-Medien heraus. Etwa jenes vom Vietnamkriegsgeneral William Westmoreland, der ihm 1969 ein Vollstipendium an der West Point Akademie verschafft habe. Die Akademie vergibt gar keine Stipendien. Da überrascht nicht, dass sich auch Carsons "große medizinische Leistungen" bei genauem Hinsehen als bescheiden entpuppen. Mehrere nach 1987 von ihm getrennte Siamesische Zwillinge starben nach der OP.

Auch bei den Binder-Zwillingen kann man nicht von einem Happy-End reden. Zwar überlebten Patrick und Benjamin Binder. Sie waren fortan aber schwer behindert: stumm, fast blind, unfähig zu lachen, im Rollstuhl sitzend. Was aus ihnen wurde? Die Uni konnte den US-Journalisten nicht weiterhelfen, Kontakte gibt es längst nicht mehr. Der "Washington Post" berichtete der jüngere Halbbruder der Zwillinge nun aber, dass Patrick vor einigen Jahren gestorben ist. Benjamin lebt in einem Pflegeheim. Carson ist in Umfragen weiter im Aufwind. Er sagt, sein Auftrag sei es, "die USA zu heilen".

Ben Carson will US-Präsident werden. Vor 28 Jahren trennte er in einer aufsehenerregenden OP die "Ulmer Siamesischen Zwillinge". Foto: afp

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Erstellt:
23. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. November 2015, 12:00 Uhr

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