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Rottenburger Zettelkasten

Heiliger Bimbam!

Zuerst wollen wir einen April-Scherz enttarnen: Die Ankündigung, dass am Rottenburger Bahnhof ein Automat aufgestellt wird, an dem sich CDs von Stumpfes Zieh und Zupf Kapelle kaufen lassen, stimmt nicht.

02.04.2016
  • gef / ing

Annerose Richter hatte die Scherz-Idee der Band, die vor zwei Jahren hier die Festhalle füllte, an uns weitergeleitet. Wir hatten leichtes Spiel, mussten den Text nur auf hiesige Verhältnisse trimmen.

Alles andere, was gestern auf den Rottenburger Seiten stand, ist wahr, auch dass die Gruppe BossHoss am 1. September auf dem Eugen-Bolz-Platz spielt. Wir haben gestern schon die ersten Karten verkauft.

Gesprächsthema dieser Woche war die Nachricht, dass Oberbürgermeister Stephan Neher ein zweites mal Vater geworden ist. Nun hat er zwei Kinder mit zwei Frauen und mit keiner war oder ist er verheiratet. Viele, die ein Bild von Rottenburg haben, ohne die Stadt und die Menschen zu kennen, riefen sofort: So jemand kann doch nicht OB in Rottenburg sein, in dieser superkatholischen Kleinstadt mit Bischofssitz.

Gemach. So katholisch ist Rottenburg schon lang nicht mehr. Noch etwa 50 Prozent der Einwohner in der Gesamtstadt gehören dieser Kirche an, 25 Prozent der evangelischen, und das restliche Viertel sind Muslime, Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften und Konfessionslose.

Schauen wir mal, wie sich die Menschen im Internetforum „Dein Rottenburg“ zu Nehers Vaterschaft äußerten. 36 Stunden lang, nachdem dort ein Link zu unserem Online-Artikel geschaltet worden war, lief die Debatte, dann war Schluss. Zwei Beiträge ordnen wir dem neutralen Bereich zu: „Wieso spricht und schreibt man überhaupt drüber?“ Dazu gab es noch sieben Likes, also wortlose Zustimmungen.

Sieben Meinungen deuten wir als klares Nein zu Nehers Verhalten. 40 Leute stimmten zu, davon allein 19 diesem Beitrag von Julia Hilbert: „Als CDU-Oberbürgermeister sollte man sich seine Glaubwürdigkeit bewahren. Natürlich kann er machen was er will. Dann muss er aber auch vor der Wahl zum Kind stehen.“ Sarkastisch formuliert es Wolf Kobras: „Eine sehr christliche Einstellung, da darf die CDU echt stolz auf so was sein. Ein OB von einer Dom-Stadt mit zwei unehelichen Kindern.“

19 „Dein-Rottenburg“-Nutzer gaben positive Kommentare ab, und 92 schlossen sich ihnen per „Like“-Daumen an. Franz Vollmer sieht’s humorig: „Da gehen aber die Alimente für Rottenburg verloren. Da bringt die Residenzpflicht für den OB auch nicht viel. Das Dritte dann bitte wieder innerhalb der Gemarkung, gell!“ Die meisten Likes, nämlich 24, erhielt Daniel Heinze dafür: „Herzlichen Glückwunsch und alles Gute. Sind wir noch im Mittelalter? Was hat das Privatleben eines Bürgermeisters mit seinem Job zu tun, solange es nicht gesetzeswidrig oder anstößig ist? Nichts, oder ???“

15 Nutzer schlossen sich Claudia Schiefeles Urteil an: „Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre, auch ein Oberbürgermeister (. . . ). Ich entscheide mich bei der OB-Wahl eigentlich eher danach, ob ich dem Kandidaten das Amt zutraue, und nicht danach, ob und wieviele Kinder (ehelich oder unehelich) er hat.“ 13 zustimmende Daumen bekam Sarah Schäuble für dieses Statement: „Uneheliche Kinder oder nicht – das sollte jeder für sich allein entscheiden dürfen! Was bitte ist daran in der heutigen Zeit so schlimm? Jedes Kind ist ein Wunder für sich, und das Wichtigste ist doch, dass es ihnen gut geht. Genau dafür sollten verantwortungsbewusste Mütter und Väter immer sorgen, ganz egal ob verheiratet oder nicht! Herzlichen Glückwunsch Herr Stephan Neher zur Geburt Ihres Sohnes und genießen Sie die gemeinsame Zeit mit ihm!!!“

Wie es hier um die Durchdringung durch den Katholizismus bestellt ist, verdeutlicht auch diese kleine Geschichte: Als es um 6.30 Uhr am Karfreitags rund um den Rottenburger Marktplatz laut wurde, soll sich doch glatt jemand bei der Polizei über den ungehörigen Baulärm am Feiertag beschwert haben. Dass die Polizei keinen Akteneintrag vorgenommen hat, spricht dafür, dass der Diensthabende die Anwohner aufklären konnte – na ja, die Polizei sitzt ja auch fast direkt unterm Domturm.

Es ist alter Brauch in katholischen Gegenden, dass die Glocken von Gründonnerstag nach dem Gloria der Messe vom letzten Abendmahl bis vor das Gloria in der Osternacht schweigen. Ihre Klöppel sind in dieser Zeit in der Zeit der Grabesruhe Jesu nach Rom geflogen, um zu beichten oder Reisbrei zu essen oder um geweiht zu werden – je nach Gegend, ist die Überlieferung etwas anders. Um die Gläubigen an den Gottesdienst zu erinnern, wird in dieser Zeit lautstark geratscht oder geklappert. Das sollte erträglich sein, schließlich ist im Gegenzug auch arbeitsfrei. Übrigens: Die Unesco hat vor zwei Jahren das Ratschen in der Karwoche als Immaterielles Kulturerbe in Österreich anerkannt. Und Rottenburg gehörte bekanntlich einst zu Vorderösterreich. Um solcher Bräuche Unkundige vorzuwarnen: Am Donnerstag, 26. Mai, gibt es in Rottenburg wieder Lärm am frühen Feiertagsmorgen: Dann ist Fronleichnam und die Bürgerwache böllert aus vollen Kanonenrohren!

Man darf uns kritisieren, auch unsere Berichte vor und von der Wiederwahl des Rottenburger OBs Stephan Neher. Wenn aber jemand anonym unter dem fingierten Namen „Lea Löwe“ ablästert, ist das nur ein trauriges Beispiel von Feigheit. Die Machart des Briefes, die Sprache, der Inhalt, die angebliche Adresse „Rudolf-Augstein-Straße 1962“ (das Jahr der „Spiegel-Affäre“) belegen, dass der oder die Schreiber/in etwas auf dem Kasten hat. Dass Menschen, die der Eltern- und Großelterngeneration vorhielten, sie hätten den Nazis nicht widerstanden, selbst nicht mal den Mut aufbringen, sich zu ihrer ganz normalen Kritik zu bekennen, erleben wir leider gar nicht selten.

Elmar Zebisch, FB-Stadtrat, bekennender und sehr aktiver Naturschützer, kam diese Woche in unsere Redaktion, um einen traurigen Verlust anzuzeigen. Jemand habe ihm zwei Kröteneimer gestohlen, berichtete er. In den Eimern befanden sich weder bunt bedruckte Papier-Kröten noch solche aus Fleisch und Blut. Es seien vielmehr Gefäße, die er in der Zeit der Krötenwanderung für den täglichen Transport lebendiger Kröten über die Kreisstraße zwischen Oberndorf und Wendelsheim brauche, erklärte Zebisch. Wenn das erledigt ist, lasse er die Eimer bis zum nächsten Tag im Graben neben dem Krötenzaun liegen.

Hat da jemand im Sinn des Naturschutzes den vermeintlichen Müll aus der Landschaft entfernt? Wie dem auch sei, Zebisch hätte die Eimer gerne zurück, denn „ich brauch sie ja nächstes Jahr wieder“. Zebisch vermisst erstens einen ovalen Farbeimer, zweitens einen schwarzen Zehn-Liter-Maurereimer. Am liebsten wäre es ihm, wenn Der- oder Diejenige die Eimer wieder hinlegt, wo er/sie sie geklaut hat. „Oder abgeben: Bürgermeister-Biesinger-Straße 30 in Oberndorf.“ Bis dahin muss Zebisch die paarungswütigen Kröten nicht in der Jackentasche über die Straße tragen. Er habe noch einen anderen Eimer in Reserve gehabt.

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02.04.2016, 01:00 Uhr

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