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Brauchtum

Heiliger kontra Zipfelmützenmann

Der Weihnachtsmann hat den Bischof Nikolaus in der Adventszeit ziemlich verdrängt. Christen versuchen, den Heiligen aus der Vergessenheit zu holen.

06.12.2016
  • STEFAN KEGEL

Berlin. Weiß oder Zartbitter, Vollmilch oder knusprig – wer derzeit die Süßwarenregale durchstöbert, findet allenthalben Weihnachtsmänner aus Schokolade. Und auch die Innenstädte sind voll von Rauschebärten mit roter Zipfelmütze. Einen echten Nikolaus zu finden, ist dagegen nicht einfach. Ist er auf dem Rückzug?

Heute früh ist das Bild überall in Deutschland dasselbe: Millionen ansonsten morgendlich übermüdeter Kinder sind plötzlich froh und munter – und durchsuchen als erstes ihre geputzten Stiefel. Was hat der Nikolaus über Nacht gebracht? Vielfach werden sie Schokoladenweihnachtsmänner vorfinden. Denn zumindest im Supermarkt sind diese deutlich in der Überzahl.

Der Schokohersteller Mondelez („Milka“) zum Beispiel bietet zwar in Österreich einen lilafarbenen Schoko-Nikolaus an. In Deutschland gibt es jedoch fast ausschließlich Weihnachtsmänner. Warum?

Das Sortiment sei von Land zu Land eben verschieden, genauso wie die Kultur, heißt es in der Firmenzentrale in Bremen. Der Verband der Deutschen Süßwarenindustrie führt keine Statistik, wie viele der 142 Millionen Schokofiguren den Nikolaus darstellen. Seine Sprecherin: „Einige Hersteller von Saisonartikeln haben ihn aber im Angebot.“

Der Nikolaus – eine Heiligenfigur mit der Mitra auf dem Kopf und dem Bischofsstab in der Hand – scheint als Geschenkeverteiler im Hintertreffen zu sein. Dabei ist es diesem Bischof, der vor 1700 Jahren lebte, zu verdanken, dass die Kinder heute etwas aus ihren Schuhen holen können.

Dem Heiligen werden zahlreiche selbstlose und wundersame Taten zugeschrieben. So soll er drei Töchter eines armen Mannes vor der Prostitution bewahrt haben, indem er in drei Nächten Goldklumpen durch ihr offenes Fenster warf.

Den Unterschied zwischen Nikolaus und Weihnachtsmann können nicht-christliche Kinder heutzutage kaum noch erklären. „Da hat sich ein Mainstream entwickelt“, sagt Georg Austen, der Generalsekretär des katholischen Bonifatiuswerks. „Es gibt alle möglichen Figuren aus Schokolade, inzwischen sogar Weihnachtsfrauen.“

Die Tradition des Heiligen aus Myra rücke zunehmend in den Hintergrund, sagt Austen. „Natürlich ist der Weihnachtsmann eine gemütliche Figur. Aber uns geht es um das Original.“

Aber wie ist die Verwechslung eigentlich zustande gekommen? Die Ur-Figur war tatsächlich Nikolaus von Myra, dessen Gestalt als Helfer der Kinder über Jahrhunderte im christlichen Glauben wach gehalten wurde. Meist zusammen mit Begleitern, wie etwa Knecht Ruprecht oder dem Krampus, belohnte er artige Kinder. Der Begleiter zückt zuweilen die Rute.

Im 19. Jahrhundert hat sich aus der Nikolausfigur jedoch eine weltliche Variante entwickelt. Als strafender Niklas taucht sie bereits im „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann 1844 auf.

In den USA war Sinterklaas, den Auswanderer aus den Niederlanden mitbrachten, der Ausgangspunkt für die Entwicklung des Santa Claus mit seinem roten Gewand und der Zipfelmütze mit Bommel. In den 1920er-Jahren griff der Getränkekonzern Coca Cola dieses Bild auf und warb zur Weihnachtszeit damit. Dass sie den Weihnachtsmann erfunden hätten, wird von den Managern in Atlanta zwar gern behauptet, stimmt aber nach Erkenntnissen von Brauchtumsforschern nicht.

Gleichwohl haftet ihm ein konsumgeleitetes Image an. „Wir sehen den Weihnachtsmann als Konsumfigur“, sagt Wolfgang Ehrenlechner, der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend.

Er hält es deshalb für wichtig, den historischen Hintergrund des Nikolaus' in den Vordergrund zu rücken. Vor allem im Süden Deutschlands falle das Bemühen auf fruchtbaren Boden. Dort gebe es heutzutage auch viel mehr Schoko-Nikoläuse als noch vor zehn Jahren.

Auch der atheistische Humanistische Verband Deutschlands sieht die Fokussierung auf den Konsum in der Vorweihnachtszeit mit Skepsis. Das „steht nicht im Einklang mit der Jahreszeit, in der die Natur ruhiger wird“, sagt sein Sprecher Arik Platzek.

Den Nikolaustag sieht Platzek gleichwohl vor allem als volkstümliche Tradition. „Da gibt's eher ein kleines Weihnachtsgeschenk vor dem großen Weihnachtsfest.“

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06.12.2016, 06:00 Uhr

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