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Begeisterung trotz Nässe: Reutlinger Klassik-Open-Air

Heim-, Fest- und Regenspiele

Wieder haben die Organisatoren unglaublichen Aufwand betrieben, ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt und große Musiker präsentiert. Und wieder – irgendwie gehört es dazu – machte das Wetter nicht mit. Wer aber bei der Classic-Night bis zum Ende ausharrte, wurde belohnt.

23.07.2012
  • Moritz Siebert

Reutlingen. Das Ganze beruht vermutlich auf einem Missverständnis. In den vergangenen Jahren regnete es in den Monaten Juli und August im Schnitt doppelt so viel, wie in den Monaten davor und danach. Es ist also ganz einfach wahrscheinlich, dass es an einem Sommerabend in Deutschland regnet, und deshalb hat es auch nichts mit Pech zu tun, dass das Klassik Open Air wiederholt ins Wasser gefallen ist. Es ist ganz einfach damit zu rechnen – weil es im sogenannten Sommer stattfindet.

Mit einer Diskussion über das Wetter – sie lässt sich nicht vermeiden, wenn man unter freiem Himmel sitzt – wird man der Veranstaltung aber genauso wenig wie den Veranstaltern selbst und den famosen Interpreten gerecht. Es geht furios mit Aram Khachaturians „Sabre Dance“ los, und ohne langatmige Ausflüge in klassische Gefilde folgt das Gegengewicht: In Person von Sanni Luis, ihrem Tänzerpaar und einem Musical-Medley: Glamourös und klamaukig, ein bisschen akrobatisch und anbiedernd.

Die gebürtige Wendlingerin singt eine Strophe von „Hello Dolly“ auf Schwäbisch und kommentiert am Ende, sie hätte „echt ein bissle ein Heimspiel“. Von der Hälfte des Publikums wird sie ohnehin gemocht. Wenn sie dann „Somewhere over the Rainbow“ in die Reutlinger Wolkensuppe und später den Titelsong aus Evita in den Regenhimmel trällert, dann ist das wohl das spezielle Flair, auf das man mit einem solchen Event abzielt. Regentropfen, die der Sängerin ins Gesicht prasseln, sind mindestens genauso effektiv wie die letzen Strahlen der Abendsonne.

Wer es mag, der schmilzt in solchen Momenten dahin, wer es nicht mag, muss es aushalten. Man wird belohnt. Zwischen den Musical-Ausschnitten spielt Fabian Wettstein Antonín Dvoráks „Romanze für Violine und Orchester“: Ein Stück mit einem Thema, das mit nur wenigen Noten alles zu sagen vermag. Dem Riesenensemble aus Württembergischer Philharmonie, Philharmonia Chor, Betzinger Sängerschaft und Coro di Città Pistoia, das Martin Künstner leitet, gelingt das Nebeneinander von E- und U-Musik, von Hochkultur und weniger hoher Kultur, von Entertainment und Substanz, von seriösem Händeschütteln und Klamauk-Auftritten der Musical-Truppe recht gut. Das Publikum tut sich da schwerer.

Wenn Luis schließlich „Don ’t cry for me Argentina“ mit deutschem Text und mäßiger Intonation bringt, hat die mittlerweile durch die Ränge ziehende Kälte den größeren Anteil an der entstehenden Gänsehaut. Trotzdem gibt’s von drei Gästen Standing Ovations. Einer von ihnen nutzt die Gelegenheit, die Jacke zurecht zu rücken, derer es jetzt unbeding bedarf. Luis verabschiedet sich mit „The winner takes it all“ von ABBA, auch in deutscher Fassung, also: „Der Gewinner hat die Wahl“. In Reutlingen haben diese die Verlierer auf den nicht überdachten Plätzen: flüchten, ausharren oder den Regenschirm auspacken? Unser Bild spricht Bände.

Heim-, Fest- und Regenspiele
Nicht die Lichter am Himmel täuschen (es handelt sich dabei tatsächlich um Feuerwerk). Es täuscht die Zahl der auf dem Bild sichtbaren Zuschauer: Tatsächlich waren nämlich über 2600 und nicht bloß ein Dutzend zur Classic-Night gekommen, die meisten zu diesem Zeitpunkt aber bereits ins Trockene geflüchtet. Bild: Haas

In der fast einstündigen Pause lauscht man bezeichnenden Dialogen: Er: „Die Kälte wäre ja nicht so schlimm, wenn nur der Regen nicht wäre.“ Sie: „Der Regen wäre nicht schlimm, wenn nur die Kälte nicht wäre.“ Er: „Vermutlich hängt das eine mit dem anderen zusammen.“ Sie: „Vermutlich.“ Mindestens genauso bezeichnend: Die Hamburgerin: „Wir sollten es als Geschenk betrachten, dass es so lange trocken geblieben ist.“ Der Reutlinger: „Was?“

Die Veranstalter verzögern derweil, verkürzen das Programm und machen am Ende doch alles richtig: Sich auf das Wesentliche konzentrieren und vom Wetter nicht beeindrucken lassen. Der „Coro di Zingani“ aus Verdis Il Trovatore wirkt bemüht, aber noch etwas schleppend. Glanz und Wärme bringt Opernsängerin Hermine May mit ihrem Auftritt an die Kreuzeiche. Diese wird vom jungen Bratschisten Sebastian Steinhilber und seiner Interpretation von Johann Nepomuk Hummels Fantasie op. 94 weitergetragen, und schließlich wird es dem Publikum, beeindruckt von der hohen musikalischen Qualität trotz widriger Umstände, in einer nasskalten Nacht allmählich warm ums Herz.

Mit Projektionen wird zusätzlich optisch die Stimmung befeuert und mit Arien aus Pietro Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ und Wagners „Walküre“ setzt May zwei weitere gefühlvolle und dramatische Akzente. Und allerspätestens mit dem infernalen „The Dam“ aus „Itaipu“ von Philip Glass, in dem der Riesenchor nochmal richtig zur Geltung kommt und eine Endzeitstimmung aus der röhrenartigen Zeltbühne herausdringt, der der Regen gerade recht zu kommen scheint: Ausharren hat sich gelohnt! Das Brillant-Feuerwerk zu Händels Feuerwerksmusik, das mit großer Musikalität begeistert, macht die Klassik-Nacht endgültig zu einem Festspiel und einem (ohne Wagner kränken zu wollen) Gesamtkunstwerk. Regen und Kälte? Vergessen.

Und wieder Regen in der Classic-Night. Für den künstlerischen Leiter ist es die schon sprichwörtliche Künstnersche Schafskälte. In den ersten Jahren war der Termin vor den Sommerferien gut gewählt. Jetzt regne es fast regelmäßig. „Wir wollen aus der Monsunzeit raus“, sagt Künstner. Möglicherweise werde man in den September wechseln. Da ist fast immer gutes Wetter.

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23.07.2012, 12:00 Uhr

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