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Gewalttätig, aber schön

Heimatliches in lauer Sommernacht bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte

Überzogen und doch überzeugend: Die TAGBLATT-„Gutenachtgeschichte unterwegs“ machte am Freitag in Poltringen Station. Bernd Will und Egon Rebmann lasen, das Publikum sang.

23.08.2010
  • Eike Freese

Poltringen. Es war alles anders als gewöhnlich bei der „Gutenachtgeschichte unterwegs“ in Poltringen: Der Lesesessel blieb leer. Das Publikum sang aus voller Kehle. Und TAGBLATT-Moderator Jürgen Jonas hielt nicht nur minutenlange Lobreden auf das Schwäbische, sondern hielt auch ausdauernd seinen wackeligen Sonnenschirm fest. Alles anders also, mit zwei Ausnahmen: für den guten Zweck spendete auch das Poltringer Publikum reichlich – und Jürgen Jonas überzog reichlich.

Der Reihe nach. Mit dem Poltringer Mühlehof hatte die „Gutenachtgeschichte unterwegs“ am Freitagabend einen der lauschigsten Plätze der Region für sich reservieren dürfen: eine rauschende Ammer, eine sternenklare Nacht und Schlossbewohner, die vom beleuchteten Turmfenster aus keine Silbe der Vorlese-Reihe verpassten.

Bernd Will, Neurochirurg aus Pfäffingen, begann den Abend mit Wolfgang Borcherts Geschichte „Schischiphusch oder Der Kellner meines Onkels“. Die Begegnung zweier Männer, beide mit einem auffälligen Sprachfehler, ein Kellner und sein Gast. Doch während der Kellner im Laufe der Geschichte immer kleinlauter und weinerlicher sein Schicksal betrauert, begräbt der kernige Onkel des Erzählers sein peinliches Leiden unter vibrierender Vitalität. Zwei Perspektiven auf die gleiche Sache – nur schöpft der eine Mann Kraft aus der Situation, während sie den anderen in seiner selbst empfundenen Wertlosigkeit nur bestärkt.

Tragikomisches von Wolfgang Borchert

Borcherts Geschichte hatte genügend Passagen zum Lachen, entließ das Poltringer Publikum aber auch ein wenig nachdenklich in die Pause: Die Entscheidung, mit wie viel Liebe zum eigenen Schicksal man den Widrigkeiten des Lebens begegnen möchte, wird schließlich auch im Ammertal jeden Tag getroffen. Will las zwar unprätentiös, schaffte es aber, die enormen Sprachfehler der Protagonisten durchgehend ohne eigenen Verhaspler zu Gehör zu bringen – beeindruckend für jemanden, der es doch eigentlich gelernt hat, „richtig“ zu sprechen.

Will beendete die kurze Geschichte erst, als sich die Dunkelheit bereits über das Ammertal breitete. Kein Wunder, schließlich hatte TAGBLATT-Moderator Jürgen Jonas schon zur Einleitung seinem Ruf als Meister der Abschweifung alle Ehre gemacht: Im Laufe des Abends berührte er vom hiesigen Handtaschen-Geschmack über vergessliche Professoren bis zur Schönheit Poltringens alle erdenklichen Themen. „Außerdem machen wir noch eine Vorstellungsrunde, in die Sie sich dann auch alle einzeln einbringen können“, ulkte Jonas vor rund 240 Besuchern im Mühlehof.

Soweit sollte es indes nicht kommen. Stattdessen pries Jonas die „Wohlgestaltetheit und Eleganz“ Poltringens und schmeichelte unverhohlen: „Wenn Gott die Welt erschaffen haben sollte, hat er es bestimmt auch darum getan, dass Poltringen entsteht.“ Geradezu rituell enthüllte er hernach den TAGBLATT-Vorlesesessel: „Er ist es gewohnt“, so Jonas mit gerührtem Blick auf seinen ledernen Freund, „dass er mit einem prasselnden Applaus begrüßt wird.“

Begrüßt: ja. Ausgelastet: nein. Der zweite Protagonist des Abends, Poltringens langjähriger Schulrektor Egon Rebmann, zog es nämlich vor, unter dem weißen TAGBLATT-Schirm im Stehen zu reüssieren: Kurzweiliges von Dichtern wie Martin Lang oder Josef Eberle alias Sebastian Blau. „Gerade Martin Lang ist sehr mundartlich: Ein bisschen gewalttätig, aber trotzdem schön“, würdigte Rebmann den Dichter, während hinter ihm Moderator Jonas in Slapstick-Manier damit ausgelastet war, den Schirm zu halten, der immer wieder umkippte.

400 Euro für die Begegnungsstätte

Um sich „auf Betriebstemperatur“ zu bringen, wie er sagte, hatte Rebmann den Auftritt mit Liedern begonnen: „Kein schöner Land“, „Es steht eine Mühle“ und auch eigene Kompositionen. Dabei ließ sich Rebmann nicht nur von seiner Frau begleiten – auch das Poltringer Publikum zeigte sich textsicher und spendete reichlich Applaus. Und nicht nur Applaus: Knapp 400 Euro wanderten bei der Poltringer „Gutenachtgeschichte“ in die TAGBLATT-Sammel-Hüte. Das Geld kommt der Begegnungsstätte der Gemeinde Ammerbuch zugute.

Heimatliches in lauer Sommernacht bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte
Singen, lachen, lauschen: Rund 240 Besucher kamen zur „Gutenachtgeschichte unterwegs“ in den Poltringer Mühlehof.Bild: Sommer

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23.08.2010, 12:00 Uhr

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