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Ethische Intelligenz fehlt

Heiner Geißler sprach in der Hohenberghalle auch über die Flüchtlings-Problematik

Voll im Griff hatte der ehemalige Bundesminister und CDU-Spitzenfunktionär Heiner Geißler seine Zuhörer in der voll besetzten Hohenberghalle bei seinem Vortrag „Ethik und neue Intelligenz in einer Wirtschaft im Wandel“ auf Einladung der Volksbank. Bei seinen Ausführungen herrschte lautlose Spannung, wenn er nicht mit eingestreuten Anekdoten für entspannendes Lachen sorgte.

12.11.2015
  • Hans-Michael Greiss

Horb. Als wichtigste Voraussetzung für ein menschliches Leben bezeichnete Heiner Geißler in seinem Vortrag, eine Heimat zu haben mit einer Wirtschaft, die sich nicht nur die Großunternehmen untereinander aufteilten, sondern, in denen der Klein- und Mittelstand gedeihe, was für das Bankwesen genau so gelte. Geradezu als Horrorvorstellung beschrieb er einen in Brüssel vorgestellten Plan, in Deutschland nur noch die Deutsche und die Commerzbank zu betreiben, was Deutschland glücklicherweise verhindert hätte.

Wie auf dem Rücken der Menschen Geld gespart werde, zeigte Geißler an der Atom-Katastrophe Fukushima auf, das real Mögliche sei aus Kostengründen falsch eingeschätzt worden und das Undenkbare war plötzlich Realität. So sei die Konsequenz aus dieser Katastrophe richtig, aus der Atomanwendung auszusteigen. Doch sei mangels sprachlicher Intelligenz dieses Vorhaben dem Volk mit völlig falscher Kommunikation unverständlich vorgetragen worden, als die Regierung ein „Moratorium“ vorstellte. Unter Oratorium, auch einem Krematorium, könne sich jeder etwas vorstellen, der Begriff Moratorium habe die Bevölkerung jedoch verwirrt und eine Gegenposition einnehmen lassen. Einen Mangel an sprachlicher Intelligenz, bei dem mehr kaputt gehe als man denkt, stellte der Schlichter beim Streitobjekt „Stuttgart 21“ auch dort fest, als die Bürger keine Vorteile für sich entdecken konnten, wenn Großbanken ein Klein-Manhatten auf das Gleisfeld bauten.

Den Investmentbanken mit ihren faulen Papieren fehle es bei ihrem unmoralischen und kriminellen Handeln an ethischer Intelligenz. Ethik sei aber die Voraussetzung für richtige Entscheidungen. Henry Kissinger habe den Standpunkt vertreten, Menschenrechte hätten in der Außenpolitik nichts verloren, nur das Interesse der Staaten sei zu vertreten. Dies habe zu dem Flüchtlingselend in einem total zerstörten Land geführt.

Dem gespannt lauschenden Publikum zeigte Geißler die Folgen dieser Politik auf: Die Verbrecher-Organisation des IS bestehe zum größten Teil aus Stabsoffizieren Saddam Husseins, die aus Hass über die Zerstörung der früheren irakischen Ordnung Terror verbreiteten. Die Voraussetzung des Syrienkonfliktes sei der Irakkrieg, der mit der Lüge von den Massenvernichtungswaffen begonnen habe und in den die amerikanisch-britischen Truppen aus ganz anderem Interesse einmarschiert seien.

EU zerstört Existenzen von afrikanischen Bauern

Heiner Geißler bemühte seine Ausbildung im Jesuiten-Kolleg in der Frage, wann ein Volk seinen König umbringen dürfe, bei der Betrachtung der drei Grundsätze der Jesuiten, einst beschlossen in Salamanca, die heute auch für Staaten untereinander gelten.

1. Müssten schwere Menschenrechtsverletzungen vorliegen, wie etwa bei einer Gewaltherrschaft. Dabei sah Geißler Saudi-Arabien um keinen Deut besser als den Irak.

2. Als Ultima Ratio müsse der Krieg die letzte Möglichkeit sein, den Zustand zu beseitigen.

3. Müsse mit der Recta intentio gesichert sein, dass der, welcher anfängt, eine politische Lösung bietet und der Zustand besser sei als vorher.

Die USA seien aber einmarschiert, abgezogen und hätten ein Chaos hinterlassen, was sich aktuell in dem Hass gegen den Westen mit allen Grausamkeiten niederschlage.

Wenn auch der Nahe Osten derzeit größere Aufmerksamkeit erfahre und die Ertrunkenen vor Lampedusa in Vergessenheit geraten, so bestehe doch eine große Flüchtlingswanderung aus Afrika. Niemand verlasse gerne seine Heimat, betonte Geißler. Auch die hiesigen Vorfahren verließen die Pfalz und Schwaben, weil sie „am Verhungern waren“. Den örtlichen Landwirten in Afrika werde ihre Existenz zerstört, wenn der Gemüsemarkt im Senegal mit holländischen Tomaten und Gurken überschwemmt werde, weil die EU den afrikanischen Ländern eine Konkurrenz aufbaut und die Produkte mit enormen Subventionen exportiert. Eine Kuh werde in der EU mit 1000 Euro subventioniert, die Milch sei aber nicht verwertbar, so werde daraus Milchpulver produziert, das aber für den Weltmarkt immer noch zu teuer sei. So werde auch dies noch mal mit 560 Euro gefördert, damit wenige Lebensmittelkonzerne riesige Gewinne einstreichen könnten. Ein Bauer in Jamaika habe da keine Chance mehr.

Sechs große Konzerne kauften gigantische Landflächen auf für ihre Monokulturen, Indonesien erlebe darum eine der größten Umweltkatastrophen bei den Plantagen für Palmölpflanzen, die, von EU und WTO gefördert, den Landwirten die Existenz kaputt machten. Menschen setzten sich dann in Bewegung, um ein besseres Leben zu suchen. Hier fehle die ethische Intelligenz, die „wir büßen, solange die Ursachen nicht beseitigt sind“. Nicht ob, sondern wie wir Flüchtlinge aufnehmen, ist die Frage. Heiner Geißler berief sich auf den Artikel 1 des Grundgesetzes, die Würde des Menschen sei unantastbar, und nicht nur des deutschen Menschen.

Hilfe keine Gefühlsduselei, sondern knallharte Pflicht

Als Mangel fehlender praktischer Intelligenz führte Geißler an, dass zu wenig bedacht würde, wie man es richtig machen solle. Er beobachte eine unnötige Intelligenz in der Diskussion um den Familiennachzug der Flüchtlinge. „Suchen Sie die deutsche Botschaft in Damaskus“, forderte er seine Zuhörer auf. Dort gibt es nichts mehr, die Familie bekommt gar keine Papiere.

In einem Zeitungsartikel fand Geißler die Bemerkung, Nächstenliebe sei ein unbrauchbarer Begriff, der nicht in die heutige Zeit passe. Dem hielt er entgegen, der Erfinder habe vor dem gleichen Problem gestanden, und es mit dem Gleichnis gelöst, dass ein Samariter „der letzte Dreck“ einem Not leidenden Juden geholfen habe, und nicht nach dem Nächsten des Bedürftigen, sondern des Helfers gefragt habe. „Wir sind die Nächsten für die in Not“, rief Geißler aus, Hilfe sei keine Gefühlsduselei, sondern „knallharte Pflicht“. Die Rechte und die Unabhängigkeit der Frauen waren dem ehemaligen Familienminister wichtig, und er bestand auch auf der Anerkennung der festgelegten Ordnung. „Die Gesetze schreibt hier nicht der Prophet, sondern der Bundestag.“

Europa brauche eine gemeinsame Finanzverwaltung und eine einheitliche Konzeption. Den Konzernen müsse man bei ihrer Ausbeutung das Handwerk legen, appellierte er, die Bevölkerung des Kongo habe nichts von ihren Bodenschätzen, weil die Finanzmärkte mächtiger als die Regierungen seien. Die Spekulanten und Devisenhändler bewegten täglich zwei Billionen Dollar ohne dafür eine Umsatzsteuer zu zahlen.

Heiner Geißler sprach in der Hohenberghalle auch über die Flüchtlings-Problematik
Nach seinem Vortrag musste Heiner Geißler eifrig Autogramme schreiben.Bild: hmg

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12.11.2015, 12:00 Uhr

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