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Wer bin, wer war, was soll ich?

Heiner Kondschaks „Kaspar Hauser“ im Reutlinger Sommertheater

Reutlingen. Spekulationen, Theorien und ein bisschen Geschichte: Was sich wirklich abgespielt hat vor 200 Jahren, weiß niemand. Kaspar Hauser ist die aus dubiosen historischen Dokumenten rekonstruierte und von Okkultisten, Anthroposophen und Demokraten kolportierte Legende vom badischen Erbprinzen, den man aussetzte, um die Thronfolge zu manipulieren. Einerseits.

08.07.2012

Andererseits ist Kaspar Hauser auch die – (leider) wahrscheinlichere – Geschichte eines Hochstaplers, eines nach Aufmerksamkeit suchenden Sonderlings. Erzählte man aber letztere, wäre es am Ende wahrscheinlich gar keine, jedenfalls keine schöne.

Mit hoher Geschwindigkeit

Heiner Kondschak erzählt die Geschichte so überzeugend, so enthusiastisch und so zutiefst traurig nach, dass man nicht nur glaubt, dass er sie glaubt, sondern sie am Ende auch selbst glaubt. Vor acht Jahren hat er Kaspar Hauser für das Festspielhaus Karlsruhe geschrieben, sich dabei weitgehend an Dokumente (Kaspars eigene Biografie und die Notizen des Gerichtspräsidenten Feuerbach) gehalten und mit eigenen Liedern versehen. Im Sommertheater der Tonne lebt das Stück nun wieder auf. Die Premiere musste zwar vom Spitalhof in die trockene Spielstätte Planie 22 ausweichen – dem Stück tat es aber keinen Abbruch.

Trotz zweieinhalb Stunden Spielzeit fährt das Stück mit hoher Geschwindigkeit. Kurze Szenen werden zum Pointenfeuerwerk aneinandergereiht: Das wirkt streckenweise wie „Kaspar’s Bests“. Nachdem der sonderbare Findling aus seinem Verlies freigelassen und vom Lehrer Daumer aufgenommen wird, lernt er schnell. Schon nach dem ersten Morgensport würde er gerne der Katze das aufrechte Gehen beibringen, sie sei faul.

Nur ungern möchte man da Spielverderber sein, aber man fragt sich eben doch, ob solches Verhalten nun mit dem pathologischen Bild eines Zurückgebliebenen übereinstimmt, oder ob da nicht eher ein Gerichtspräsident mit literarischer Neigung am Werk war. Dasselbe bei Kaspars Unverständnis gegenüber der Bibel: „Gott hat seinen Sohn geopfert.“– „Ein Vater darf so etwas nicht tun!“

Zwar fühlt man sich in keiner Szene dem Jungen verbundener, aber ist das nicht eher die latente Religionskritik eines Rationalisten, als die Ansicht eines Sonderlings? Unerheblich. Denn mit Kondschaks Humor geht das alles wunderbar zusammen: „Er ist ganz klar“, sagt der Arzt und meint Kaspar, „natürlich ist er ganz klar“, sagt Mutter Daumer und meint den Schnaps.

53 Rollen für neun Schauspieler

In 53 Rollen agiert ein neunköpfiges Ensemble, von dem vier Spieler überwiegend für Musik zuständig sind. Eine erstaunliche Leistung – der Akteure, aber auch des Stücks selbst. Im Zentrum dieser Menge an unterschiedlichsten Charakteren steht, humpelt, lebt und stirbt Robert Atzlingers hervorragender Hauser: Es ist ergreifend, wie er die Zerrissenheit des Sonderlings zwischen Lebensfreude und dem Wunsch, man hätte ihn doch lieber in seinem Kerker gelassen, darstellt und wie er Kaspars Entwicklung vom Tölpel, der kaum sprechen kann zum vornehmen jungen Mann mit herausragenden Fähigkeiten nachzeichnet.

„Wer bin ich? Wer war ich? Was soll ich?“, fragte sich Kaspar Hauser sein Leben lang. Nach wenig ergiebigen DNA-Analysen (zuletzt vor zehn Jahren) könnte man diese Fragen mit heutigen Mitteln problemlos beantworten. Aber so genau will es dann wahrscheinlich doch keiner wissen.

MORITZ SIEBERT

Heiner Kondschaks „Kaspar Hauser“ im Reutlinger Sommertheater
Robert Atzlinger als Kaspar Hauser und Constance Klemenz in einer ihrer zahlreichen Rollen.Bild:Tonne

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08.07.2012, 12:00 Uhr

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