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Die gute Fee der Stiftskirche

Helden des Alltags: Rosa Leibig diente in Horb als Mesnerin

Was machen eigentlich die Mesner und Mesnerinnen? Im Grunde sind sie die guten Geister des Gottesdienstes. Doch wirken sie meist im Verborgenen. Und häufig weit mehr, als sie eigentlich müssten. Doch sie tun es gerne – so wie Rosa Leibig.

12.08.2015
  • Dagmar Stepper

Die Stiftskirche fehlt mir.“ Rosa Leibigs Blick ist ein wenig wehmütig. Doch gleich darauf blitzen ihre Augen wieder und sie lächelt. Die 68-Jährige weiß, dass sich die Öffnung der Horber Kirche zwar verzögert, aber irgendwann im kommenden Jahr muss es ja soweit sein. Bis dahin muss sie sich eben gedulden und in Erinnerungen schwelgen. Und die hat Rosa Leibig an die Stiftskirche zur Genüge. Schließlich war sie dort zehn Jahre lang Mesnerin. Bis zu ihrer Rente.

Aber wie wird man eigentlich Mesnerin? Rosa Leibig lächelt. „Ich wurde gefragt“, lautet ihre einfache Antwort. Doch die zierliche Frau war keine Unbekannte bei der katholischen Kirche in Horb. Sie hatte eine Putzstelle beim Dekanat und sie war für ihre Zuverlässigkeit und ihr großes Herz bekannt. Dass sie das Amt als Mesnerin annahm, hatte auch finanzielle Gründe. Als ihr Ehemann starb, war sie erst 49 Jahre alt. Das Geld war knapp, Rosa Leibig hatte nie in ihrem Beruf als Schneiderin gearbeitet. Dafür hatte Rosa Leibig zehn Kinder zur Welt gebracht. Ihr ältester Sohn ist heute 46, der jüngste 28 Jahre alt. „Ich bin sehr stolz auf meine Kinder“, sagt sie.

Doch auch wenn Rosa Leibig bezahlt wurde, war es kein Job wie jeder andere. Er war eine Passion. Sie ist eine tiefreligiöse Frau. „Ohne Glaube hat das Leben keinen Sinn“, davon ist sie überzeugt. Der Glaube hat sie durch die Tiefen des Lebens hinweggetragen.

Rosa Leibig stammt ursprünglich aus Schlesien. Es sind fast genau 1000 Kilometer von hier in die alte Heimat. Sie wuchs in Polen auf, zu Hause sprach die Familie deutsch. Noch immer hört man den schlesischen Singsang in ihrer Stimme. Ihren Mann hat sie in Polen kennen gelernt. 1973 bekam er ein Reisevisum nach Deutschland. Rosa Leibig musste drei Jahre warten, bis sie ein Visum erhielt. Diese Jahre waren hart. Doch als die Familie hier vereint war, war alles gut. Horb ist jetzt ihre Heimat. Drei ihrer Kinder wohnen hier. „Sie wollen die Mama nicht alleine lassen“, erzählt sie. Damit geben sie Rosa Leibig etwas zurück, was sie ihnen geschenkt hat.

Die Kinder – und inzwischen auch die fünf Enkelkinder – sind ein wichtiger Teil ihres Lebens. Der Glaube ist die zweite Säule. Daher war es ihr immer eine Herzenssache, dass die Stiftskirche während ihrer Mesnerinnen-Zeit in vollem Glanz erstrahlte. Rosa Leibig schrubbte den Boden – vor allem im Winter ein Knochenjob, wenn die Gottesdienstbesucher Schnee und Salz mit in die Kirche brachten. Bis spät in die Nacht hinein hat sie manchmal geputzt. Und gezittert. „Die Stiftskirche ist im Winter sehr, sehr kalt“, erzählt sie, „manchmal war sogar der Putzlappen gefroren.“

Aber Leibigs Credo lautete: „Der Boden muss glänzen.“ Vor allem an den hohen Feiertagen legte sie größten Wert darauf. Da musste alles stimmig sein, damit der üppige Blumenschmuck auch richtig zur Geltung kommt. „Die Kirche muss einfach schön aussehen“, sagt sie.

Daher hat sie immer mehr getan, als sie eigentlich müsste. Vor dem Gottesdienst hat sie die Kirche aufgesperrt und einen kleinen Gang um das Gemäuer gemacht. Es sollte ja kein Papierchen zu finden sein. Bis der Pfarrer kam, war alles vorbereitet: Weihrauch, Altarkerzen, Messwein und Hostien standen bereit. Nach dem Gottesdienst hat sie die Kirche wieder zugesperrt. Und dazwischen war sie Ansprechpartner für die Gottesdienstbesucher. Auch um die Ministranten hat sie sich gekümmert. Sie mag die Jungen und Mädchen, die Dienst am Altar tun. Rosa Leibig hat auch die Gewänder der Ministranten gewaschen. Sie hat es gern gemacht – fast alle ihrer eigenen Kinder waren Ministranten.

Nach den Gottesdiensten war aber noch nicht Feierabend. Einmal hat sie sich dem Weihrauchfass angenommen. „Es war völlig verharzt, ich habe vier Stunden lang geputzt“, berichtet sie. Doch richtig sauber wurde es nicht. Da entdeckte sie im Laden einen Fleckenentferner. „1,99 Euro hat er gekostet. Damit ging das Harz spielend leicht weg.“ Sie lächelt, als sie diese Episode erzählt. Oder die Sache mit den schweren, riesengroßen Eisenschlüsseln der Stiftskirche. Ihre Söhne halfen dabei, die Bärte nachzuarbeiten. Nicht vergessen hat sie auch den Jakobuspilger, der einen Schlafplatz suchte. Einer ihrer Söhne hat ihm einen Platz in Rexingen besorgt. Oder wie sie das Holz für die Osterfeuer auf der Schütte organisierte. Und es selbst dort hingefahren hat.

Kein Wunder, dass Joachim Milles nach ihrem Abschied sagte: „Komm zurück, es ist niemand so wie du.“ Doch ganz weg ist sie ja nicht. Sie macht Vertretung. Erst kürzlich wieder in der Liebfrauenkirche. Aber sie bekommt ja etwas zurück. Sie legt großen Wert darauf, das zu sagen. „Durch den Kirchendienst habe ich viele Menschen in Horb kennen gelernt. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.“ dagmar stepper

Helden des Alltags: Rosa Leibig diente in Horb als Mesnerin
Rosa Leibig ist eine tiefgläubige Frau, die aber durchaus zupacken kann. Das hat sie in ihren Zeit als Mesnerin in der Stiftskirche bewiesen. Bild: Kuball

Helden des Alltags: Rosa Leibig diente in Horb als Mesnerin

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12.08.2015, 12:00 Uhr

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