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Hängepartie für das Volk

Hellas vor dem Referendum: Wie Griechen aus Tübingen die aktuelle Lage bewerten

Am kommenden Sonntag soll die griechische Bevölkerung in einem Referendum über das Angebot der Gläubiger abstimmen. Wie denken in Tübingen lebende Griechen über die geplante Abstimmung und die Verhältnisse in Griechenland?

02.07.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. „Meine Verwandten freuen sich darüber. Viele sind der Meinung, dass es schon viel früher eine solche Abstimmung hätte geben sollen“, sagt Spyridoula Georgatou. Die 27-Jährige ist in München geboren, hat lange in Griechenland gelebt und studiert seit 2011 Computerlinguistik in Tübingen. „Seit fünf Jahren sinken die Renten und die Löhne. Leute mit Uni-Abschluss arbeiten für zwei Euro pro Stunde im Supermarkt, falls sie überhaupt Arbeit haben. So kann es nicht weitergehen.“

Georgatous Familie lebt auf dem Land, dort sei zumindest die Versorgung mit Lebensmitteln weitgehend gesichert. Bekannte von ihr seien jedoch schon darum gebeten worden, Bargeld nach Griechenland zu schicken. Obwohl die Medien mit großem propagandistischem Aufwand Angst schüren würden, werden sich viele gegen das Programm der Gläubiger aussprechen, ist sie sich sicher. „Die Leute sind überzeugt, dass es gar nicht schlimmer werden kann.“

Ähnlich sieht es Prof. Athanasios Marvakis, Sozialwissenschaftler an der Universität Thessaloniki. Er ist in Schwaben groß geworden und hat in Tübingen studiert. Seit fast 20 Jahren lebt er in Griechenland. Marvakis begrüßt das Referendum. „Die vorherigen Regierungen haben nur die Direktiven der Troika ausgeführt. Die neue Regierung ist die erste, die wirklich verhandelt.“ Es brauche einen Schuldenschnitt, damit Griechenland überhaupt wieder eine Perspektive habe. Er wird daher mit Nein stimmen.

Derzeit darf jede Griechin und jeder Grieche 60 Euro pro Tag abheben. Marvakis erzählt, wie er am Dienstag am Geldautomaten war und vier Rentnerinnen geholfen hat: „Die wussten gar nicht, wie das Geldabheben mit der Karte funktioniert.“ Es sei kein Problem, Geld zu überweisen oder mit Karte zu bezahlen. „Aber man kommt nicht an Cash.“ Die Debatte um Griechenland hält er für verlogen. So werde der Syriza-Regierung vorgeworfen, die Reichen zu wenig zu besteuern. Als die Regierung zuletzt eine höhere Besteuerung von Unternehmen mit einem Gewinn von über 500 000 Euro vorgeschlagen hatte, hätten die Gläubiger dies jedoch abgelehnt. „Letztlich wollen die Herrschenden in Europa verhindern, dass sich eine Alternative zur neoliberalen Ideologie durchsetzt. Es handelt sich daher im Kern um kein griechisches, sondern um ein europäisches Problem.“

Von Syriza enttäuscht zeigt sich hingegen Agioris Balomatis. Der Anwalt für Familienrecht wurde überwiegend in Deutschland sozialisiert. Er hat viele Verwandt-e, Freunde und Kollegen in Griechenland, mit denen er täglich in Kontakt steht.

„Die aktuelle Situation ist dramatisch. Rentner bekommen zurzeit 120 Euro Bargeld pro Woche, egal wie hoch ihre Rente ist.“ Die Kriminalität steige rasant, es herrsche ein Klima aus Angst und Verzweiflung. Balomatis kritisiert, dass am Sonntag über kein konkretes Programm abgestimmt werde, da die Verhandlungen ausgesetzt wurden. Außerdem koste das Referendum wertvolle Zeit: „Das bedeutet eine Hängepartie zu Lasten des Volkes.“

Verhandlungspoker mit politischen Motiven?

„Mein Vater ahnte schon, dass die Banken bald schließen werden. Deshalb hat er noch am Freitag mehr Geld als üblich abgehoben“, erzählt Ifigenia Stogios. Die 27-Jährige wurde in Tübingen geboren, hat aber den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend in Griechenland verbracht. Für das Masterstudium ist sie wieder nach Deutschland gekommen, sie arbeitet heute als freie TAGBLATT-Mitarbeiterin.

Stogios‘ Mutter lebt in Deutschland, ihr Vater und ihr Bruder leben in Griechenland. Sie weiß daher, wie schwierig es derzeit für viele Griechen ist, den Alltag zu organisieren. Ihr Bruder war bis vor wenigen Tagen in Deutschland zu Besuch, vor seiner Abreise haben Mutter und Oma ihm Geld gegeben. „Einfach zur Sicherheit. Man weiß ja nicht, was noch passieren wird. Die Zustände in Griechenland sind wirklich schlimm und für Deutsche wohl unvorstellbar.“

Die meisten Griechen finden das Referendum gut, ist sie überzeugt. „Endlich kann mal das Volk entscheiden. So wie bisher kann es nicht weitergehen.“ Die meisten Griechen würden gerne mit Nein stimmen, viele hätten aber Angst vor der Zukunft und vor einer möglichen Wiedereinführung der Drachme. Obwohl sie keine Anhängerin von Syriza sei, spüre man eine grundlegende Veränderung in dem Land: „Mit Tsipras ist zum ersten Mal ein Politiker dran, der nicht korrupt ist. So sehen das sehr viele, die ich kenne.“

„Das muss man erlebt haben“, sagt Anastasios Kandilis über die Zustände in Hellas. Der gelernte Industriemechaniker ist in Deutschland aufgewachsen, hat aber einen engen Bezug zu Griechenland. Im Januar hat er seine Tante in Athen besucht. „Die Lage ist extrem schwierig, es herrscht regelrecht Panik.“ Dass Tsipras wissen wolle, wie die Bevölkerung zu den Verhandlungen steht, kann der 38-Jährige nachvollziehen. Indes vermutet Kandilis, dass die aktuelle Zuspitzung einen politischen Hintergrund hat: „Jahrelang wurde die verfehlte griechische Politik toleriert. Jetzt, wo eine Linkspartei an der Macht ist, wird es dieser so schwer wie möglich gemacht.“

Hellas vor dem Referendum: Wie Griechen aus Tübingen die aktuelle Lage bewerten

Am Sonntag wird die griechische Bevölkerung über die Frage abstimmen, ob das von den Gläubigern am 25. Juni vorgelegte Programmangenommen oder abgelehnt werden soll.
Während die Tsipras-Regierung für ein Nein wirbt, hofft die EU-Kommission auf ein Ja der griechischen Bevölkerung. Anfang der Woche hatte Athen erstmals eine fällige Kreditrate in Höhe von 1,5 Milliarden Euro nicht fristgerecht gezahlt. Derweil ist Tsipras den sogenannten Institutionen in einigen Punkten entgegengekommen. Über die neuen Vorschläge der Syriza-Regierung wollte die Euro-Gruppe gestern Abend diskutieren.

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02.07.2015, 12:00 Uhr

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