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Geburtstagsfest mit Folgen - mit Kopfstoß niedergestreckt

Hells Angel wegen Körperverletzung vor Gericht

Völlig grundlos soll ein Hells Angel Anfang März in der Ofterdinger Disko B27 einen Gast mit einem Kopfstoß verletzt haben. Seit gestern muss sich der 48-Jährige, der unter Bewährung steht, vor dem Reutlinger Schöffengericht verantworten.

02.10.2014
  • Uschi Kurz

Reutlingen. Der erste Prozesstag hatte es in sich: Oberstaatsanwalt Bernhard Henn beantragte gegen eine Zeugin, die seiner Meinung nach offensichtlich die Unwahrheit sagte, Beugehaft. Die wurde vom Schöffengericht zwar abgelehnt. Allerdings wurde die 38-Jährige, die sich partout an keinen der Hells Angels erinnern wollte, die mit ihr am fraglichen Abend gefeiert hatten, vereidigt – was auch nicht alle Tage vorkommt.

Auf der anderen Seite stellte der Verteidiger, Rechtsanwalt Günter Urbanczyk, einen Beweisantrag. Denn er findet die Art und Weise, wie sein Mandant als mutmaßlicher Täter vom Geschädigten und seiner Freundin identifiziert worden war, so fehlerhaft, dass die Erkenntnisse nicht verwendet werden sollten. Der Angeklagte selbst, ein 48-jähriger gelernter kaufmännischer Angestellter, der als Wirtschafter in einem Eros-Center arbeitet, wollte keine Aussagen darüber machen, was in der Nacht vom 1. zum 2. März im Ofterdinger Danceclub B27 geschah. Unstrittig ist, dass die Frau des Reutlinger Hells-Angels-Präsidenten Ingo Dura dort ihren Geburtstag nachfeierte. Neben geladenen Gästen hielten sich auch zahlreiche andere Besucher/innen in der Disko auf, darunter das spätere Opfer, dessen Freundin und ein befreundetes Paar.

Eigentlich, berichtete der Geschädigte, sei es ein ganz netter Abend gewesen. Bis einer der Kuttenträger irgendwann zielstrebig mit den Worten „Hast Du ein Problem?“ auf ihn zugekommen sei. Er habe gerade noch „Nein“ sagen können, dann sei alles dunkel geworden. Seine Freundin, die während des Vorfalls neben ihm stand, konnte sich vor Gericht genauer erinnern: Der Angeklagte sei an ihr vorbei gegangen, habe ihren Freund angesprochen und diesen sofort mit einem kräftigen Kopfstoß zu Boden gestreckt.

Warum der Hells Angel ihn geschlagen hatte, konnte sich der 45-Jährige nicht erklären. Allerdings hätten er und seine Freundin den Eindruck gehabt, den Mann von früher zu kennen. Deshalb hätten sie ihn vielleicht öfters angeschaut: „Wir sind aber nicht auf seinen Namen gekommen.“ Wieso er denn nicht gleich die Polizei gerufen hätte, wollte der Vorsitzende Richter Eberhard Hausch von dem Zeugen wissen. Der hatte erst am nächsten Tag Anzeige erstattet, nachdem er zur Untersuchung im Krankenhaus war. Die Securitys hätten ihm nahegelegt, zu gehen, damit die Situation nicht noch mehr eskaliere: „Der Türsteher hat gesagt, wenn wir die Polizei rufen, dann würden gleich noch 30 weitere dastehen.“ Eskortiert von den Sicherheitsleuten hätten er und seine Freundin die Disko deshalb durch die Hintertür verlassen.

Tags darauf wurde der Angeklagte und seine Freundin von der Reutlinger Kripo vernommen. Dabei wurde ihnen unabhängig voneinander eine digitale Kartei mit über 200 Bildern polizeibekannter, gewaltbereiter Männer gezeigt. Beide erkannten in einem von ihnen zweifelsfrei den Angeklagten als den Angreifer. Dass es sich dabei um eine Gruppe wahllos zusammengestellter Personen handelte, wurde vom Verteidiger beanstandet. Dies entspreche nicht den geltenden Anforderungen einer Gegenüberstellung, so der Anwalt. Um Beweiskraft zu erlangen, müsste es sich bei der Auswahl um Männer ähnlichen Alters und Erscheinung handeln. Bei einer zweiten Vernehmung sei diese Vorgabe erfüllt gewesen, berichtete Ermittlungsrichter Sierk Hamann. Zwar hatten sowohl das Opfer als auch seine Freundin wegen der Ähnlichkeit der zur Auswahl stehenden Personen in einem Fall kurz gezögert. Schließlich identifizierten sie aber beide den Angeklagten „zweifelsfrei als Täter“.

Der ebenfalls als Zeuge geladene 31-jährige Security-Chef der Disko stellte den Sachverhalt gänzlich anders dar. Er habe den Geschädigten mehrfach gefragt, ob er die Polizei wolle, was der verneinte. Doch weil der Mann „aggressiv und betrunken“ gewesen sei, habe er ihn schließlich gebeten zu gehen. Und ein weiterer Zeuge aus dem Umfeld der Hells Angels behauptete, er habe zwar gesehen, dass das Opfer einen Faustschlag bekommen habe. Der Täter sei aber auf keinen Fall der Angeklagte gewesen. Der Prozess wird am 21. Oktober fortgesetzt.

Info Vorsitzender Richter: Eberhard Hausch; Schöffen: Wolfgang Göbel, Bernd Ulrich Steinhilber; Oberstaatsanwalt: Bernhard Henn; Verteidiger: Günter Urbanczyk.

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02.10.2014, 12:00 Uhr

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