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Kein Wort des Bedauerns

Hells Angels wegen versuchten Totschlags angeklagt

Im Prozess gegen zwei Hells Angels, die am 30. Juni 2008 in Reutlingen einen Mann massiv geschlagen und auch gegen den Kopf getreten haben sollen, versuchte Verteidiger Thomas Rall gestern erneut, seinen Mandanten für verhandlungsunfähig erklären zu lassen – gegen die medizinischen Fakten.

23.06.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Hells Angels wegen versuchten Totschlags angeklagt
Statt sich bei Oberstaatsanwalt Bernhard Henn zu entschuldigen, dem einer ihrer vor dem Schwurgericht Tübingen angeklagten Klubkameraden am Montag einen Faustschlag ins Gesicht versetzt hatte, präsentierten sich Mitglieder des Reutlinger Rocker-Klubs Hells Angels gestern vor dem Tübinger Justizgebäude als „verfolgte Subkultur“. Zwei der Reutlinger Rocker müssen sich wegen versuchten Totschlags verantworten.Bild: Sommer

Tübingen / Reutlingen. Der 45-jährige Rocker hatte beim Prozessauftakt am Montag Oberstaatsanwalt Bernhard Henn einen Faustschlag ins Gesicht versetzt (wir berichteten). Ein Wort des Bedauerns war gestern weder von dem Angeklagten noch von seinem Verteidiger zu hören. Der 45-Jährige ist seit dem Übergriff in Untersuchungshaft und wurde in Fußfesseln in den Schwurgerichtssaal geführt.

Ein starkes Polizeiaufgebot kontrollierte gestern den Haupteingang zum Gerichtsgebäude. Außer den Beamten, die die Prozessbesucher überprüften und sich deren Mobiltelefone aushändigen ließen, sicherten martialisch wirkende Bereitschaftspolizisten den Aufgang ins Gebäude.

Der 45-jährige Angeklagte ist zusammen mit einem weiteren Reutlinger Hells Angels-Mitglied der gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Laut Anklageschrift sollen sollen die beiden in der Nacht des EM-Spiels Deutschland gegen Spanien 2008 gemeinsam mit mindestens vier noch nicht identifizierten Mittätern „ohne irgendeinen rechtfertigenden Grund“ mit massiven Schlägen und Tritten über einen jungen Mann hergefallen sein. Am Tatort in der Reutlinger Lindenstraße sollen sie zudem mit einem mobilen Verkehrsschild auf ihr Opfer eingeprügelt haben, sagte der Oberstaatsanwalt. Bei dem Mann seien Hautabschürfungen am ganzen Körper festgestellt worden, besonders im Gesicht. Er habe Prellungen an der Nasenwurzel, am linken Auge und am linken Zeigefinger erlitten. Eine Woche sei er arbeitsunfähig gewesen.

Weil der Geschädigte nach Erkenntnissen des Gerichtsmediziners Dr. Dietmar Benz Verletzungen aufwies, die von Tritten herrühren müssen, kommt auch eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags in Betracht. Aus diesem Grund verwies das Amtsgericht Reutlingen den Fall an das Tübinger Schwurgericht.

Kaum war die Anklageschrift verlesen, forderte Verteidiger Thomas Rall wie schon beim Prozessauftakt, das Verfahren auszusetzen: Sein Mandant sei nicht verhandlungsfähig. Der 45-Jährige habe im Juni 2011 einen Herzstillstand erlitten und werde von Dauerkopfschmerzen gequält. Er sei nicht in der Lage, dem Verfahren zu folgen.

Zahlreiche Ärzte, die seither mit dem Angeklagten zu tun hatten, kommen allerdings zu einer anderen Diagnose: Eine unlängst durchgeführte Computertomografie habe keine Befunde ergeben, sagte der gerichtsmedizinische Gutachter. Die Ursache für den Herzstillstand des Angeklagten sei unklar, so Benz. Koronare Herzerkrankungen oder andere pathologischen Veränderungen seien bei dem Angeklagten nicht festgestellt worden. Möglicherweise habe die Einnahme von Kokain einen Krampf der Herzkranzgefäße ausgelöst – oder der Mann habe einen epileptischen Anfall erlitten. Nachdem er am 23. Juni 2011 ins Reutlinger Klinikum am Steinenberg aufgenommen worden war, wurden in seinem Urin Opiate, Amphetamin und Kokain nachgewiesen. Seit einer Reha-Behandlung gelte der Mann wieder als voll arbeitsfähig.

Laut einem neurologischen Bericht vom 14. März 2012 habe der Angeklagte ihm verordnete anti-epileptische Medikamente eigenmächtig abgesetzt, sagte der Gutachter. Im Vergleich zum Prozessauftakt habe der Angeklagte gestern Vormittag „sediert“ gewirkt. „Entweder er spielt etwas vor, oder er hat irgendwelche Substanzen eingenommen“, erläuterte Benz. Dem etwa 40-minütigen Gespräch mit ihm in einer Verfahrenspause habe der Mann stets folgen können. Auf Fragen habe er immer adäquat geantwortet.

Angeklagter am Nachmittag hellwach

Beim nächsten Prozesstermin soll das Untersuchungsergebnis einer Blutprobe des Angeklagten vorliegen – um festzustellen, ob er 45-Jährige noch etwas anderes eingenommen hat als die ihm verordneten Beruhigungsmittel. Gestern Nachmittag schien der Angeklagte plötzlich hellwach zu sein.

Am Dienstag, 26. Juni, wird das Schwurgericht unter anderen eine Kriminalbeamtin hören, die zufällig Tatzeugin war. Beide Angeklagten machen weder Angaben zur Person noch zu den Tatvorwürfen.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Jürgen Walker. Schöffen: Gudrun Maria Hodina, Heinrich Reiber. Staatsanwalt: Bernhard Henn. Verteidiger: Thomas Fischer, Thomas Rall. Gutachter: Dr. Dietmar Benz.

Mit einer Anzeige in der gestrigen Ausgabe des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs versuchte der Reutlinger Rocker-Klub Hells Angels, einen wegen versuchten Totschlags vor dem Schwurgericht Tübingen angeklagten Klubkameraden zu unterstützen. Der 45-Jährige sei beim Prozessauftakt am Montag nicht aus dem Gericht geflüchtet, sondern „kurz vor einem Zusammenbruch“ gestanden. Laut dem gerichtsmedizinischen Gutachter Dr. Dietmar Benz und den behandelnden Ärzten des Mannes im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg gibt es dafür jedoch keine medizinischen Anhaltspunkte, weshalb der 45-Jährige auch bereits ins Stammheimer Gefängnis verlegt wurde. Den als „Info an die Bevölkerung“ deklarierten Text verteilten die Rocker auch am gestrigen Donnerstagmorgen als Flugblatt vor dem Tübinger Gerichtsgebäude. Der Prozess gegen die beiden Hells Angels wird darin indirekt zum Rechtsbruch erklärt.
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23.06.2012, 12:00 Uhr

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