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Der effektive Sozialdemokrat

Helmut Schmidt, Bundeskanzler und Publizist, hat in Deutschland tiefe Spuren hinterlassen

Auch über drei Jahrzehnte nach seiner Abwahl als Bundeskanzler genoss Helmut Schmidt hohes Ansehen - als Publizist und moralische Instanz. Im Alter von 96 Jahren ist er gestern in Hamburg gestorben.

11.11.2015
  • GUNTHER HARTWIG

Das Politikverständnis des Hamburger Ehrenbürgers, die Verknüpfung von pragmatischer Führung und moralischem Fundament, erscheint im Rückblick auf Helmut Schmidts Leben nicht nur als sein persönliches Erfolgsrezept, sondern zugleich als unverändert zeitgemäß. Der Genosse und Hanseat verstand sich in seinen unterschiedlichen Rollen als Hamburger Innensenator, SPD-Fraktionschef im Bundestag, Verteidigungs- und Finanzminister, schließlich als deutscher Kanzler stets als "Leitender Angestellter der Bundesrepublik" - und in diesem Sinne als Macher und Staatsmann, der nicht bloß technokratisch verwaltete, sondern von Philosophen wie Marc Aurel und Immanuel Kant, von Sozialwissenschaftlern wie Max Weber und Karl Popper geprägt wurde.

Natürlich dominierte in Schmidts frühen Jahren der couragierte Krisenmanager, der junge Hamburger Senator, der 1962 die Sturmflut zu bändigen half. Bald darauf klebte das Etikett "Schmidt Schnauze" an dem schneidigen Debattenredner im Bundestag, später zählte der ehemalige Wehrmachts-Offizier und gelernte Volkswirt, der ursprünglich Architekt und Städtebauer hatte werden wollen, neben Willy Brandt und Herbert Wehner zur legendären SPD-Troika der Bonner Republik. 1974 wurde er Nachfolger des im Schatten der Affäre um DDR-Spion Günter Guilleaume zurückgetretenen Bundeskanzlers Willy Brandt.

Der Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz hat Helmut Schmidt einmal den "effektivsten aller deutschen Sozialdemokraten" genannt, der "in Wirtschaft und Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen hat". Ein Urteil, das schwer wiegt angesichts eines Amtsvorgängers, der für seine Ost-Politik immerhin den Friedensnobelpreis erhielt. Tatsächlich erscheint Schmidt in der Ahnengalerie der deutschen Kanzler keineswegs als kleines Licht im Schatten von Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Kohl oder Angela Merkel, selbst wenn ihm nicht ähnlich historische Großtaten zugeschrieben werden wie Adenauer mit Wiederaufbau und Westbindung oder Kohl mit Wiedervereinigung und europäischer Integration. Dafür hat der "Weltökonom" frühzeitig erkannt, welche Bedeutung internationale Finanzbeziehungen für die Zukunft der Staatengemeinschaft erlangen würden, und trieb - lange bevor das Wort von der "Globalisierung" seinen Siegeszug antrat - gemeinsam mit Frankreichs Präsident Giscard d'Estaing das Europäische Währungssystem voran und begründete den Reigen der alljährlichen Weltwirtschaftsgipfel der wichtigsten Industrienationen (G7/G8). Halb ironisch, halb respektvoll titulierten Sozialdemokraten ihren weitgereisten Parteifreund deshalb als "Schmidt-Kosmos".

Trotz seines Interesses gerade an der europäischen und globalen Wirtschafts- und Finanzentwicklung blieben innenpolitische Ereignisse bestimmend für Helmut Schmidts politisches Schicksal: die konjunkturellen und sozialen Nachwehen zweier Ölkrisen in Deutschland, das Rentendebakel von 1979, schließlich die Mordanschläge der Terrorgruppe RAF. Die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer war der bis dahin tiefste Einschnitt in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte, und die Weigerung der Bundesregierung, Schleyer gegen inhaftierte Terroristen auszutauschen, bedeutete für Schmidt die persönlich schwerste Entscheidung seiner Kanzlerjahre.

Das Ende seiner Zeit als Regierungschef einer sozial-liberalen Koalition verlief demgegenüber fast schon geschäftsmäßig, wenn auch mit für Schmidt bitteren Begleitumständen. Der Vorrat an Gemeinsamkeiten zwischen SPD und FDP war verbraucht, die eigene Partei versagte dem Kanzler bei der Nato-Nachrüstung die Gefolgschaft (was Schmidt dem SPD-Vorsitzenden Brandt noch viele Jahre lang übel nahm), und der liberale Markt-Graf Lambsdorff schrieb sein legendäres "Wende-Papier". Am 17. September 1982 entließ Schmidt die FDP-Minister aus dem Kabinett und fügte sich mit Würde in eine Entwicklung, die ihm erkennbar aus den Händen geglitten war. CDU-Chef Helmut Kohl kam über ein konstruktives Misstrauensvotum zusammen mit der FDP an die Macht.

Auch wenn Schmidt erst aus der Parteipolitik, dann auch aus dem Parlament ausschied, galt sein Wort in den Jahrzehnten danach weiterhin als Maßstab - wenn er als Mitherausgeber der "Zeit" die Auswüchse eines ungezügelten Kapitalismus geißelte oder die seiner Meinung nach unanständigen Managergehälter, wenn der Alt-Kanzler amerikanisches Hegemoniestreben kritisierte oder um Verständnis für den ganz eigenen Weg Chinas zur politischen und ökonomischen Weltmacht warb. Mit seinen Genossen ging Schmidt oft hart ins Gericht, vor allem mit Oskar Lafontaine. Erst als Gerhard Schröder 1998 Kanzler wurde, kam der alte Herr zuweilen sogar wieder auf SPD-Parteitage.

Mit zunehmendem Alter wuchs Helmut Schmidts Popularität in der Bevölkerung. Regelmäßig landete er bei Umfragen nach dem beliebtesten, klügsten oder angesehensten Deutschen auf Rang 1. Schmidt wurde zur unbestrittenen moralischen Instanz der Republik, zum hochgeachteten, wenn auch immer selteneren Interviewpartner und Podiumsteilnehmer.

Kummer bereiteten dem passionierten Klavierspieler in den letzten Jahren seines Lebens der Tod seiner Ehefrau und Jugendliebe Hannelore "Loki" Schmidt und der fast vollständige Verlust seines Hörvermögens. Als ihm die Soldaten der Hamburger Bundeswehrhochschule bei der Taufe der "Helmut-Schmidt-Universität" ein Ständchen darboten, drang nur noch Rauschen in seine Ohren.

Helmut Schmidt, Bundeskanzler und Publizist, hat in Deutschland tiefe Spuren hinterlassen

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11.11.2015, 12:00 Uhr

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