Nicht vereinigte Staaten

Henry Red Cloud arbeitet am Wiederaufstieg der indianischen Nationen

Über Indianer in Reservaten, die ein Photovoltaik-Unternehmen gründeten, und über eine Akademie für indianische Medizin berichtete Henry Red Cloud im Haus der Rottenburger Fischerfreunde.

30.05.2016

Von Fred Keicher

Sabine Sun Turtle, Medicine Turtle und Henry Red Cloud vorm Haus der Rottenburger Fischerfreunde. Bild: Keicher

Die Adlerfeder, die Henry Red Cloud trägt, sieht etwas ramponiert aus. Sie hat aber eine große Geschichte. Es ist die Adlerfeder, die sein Groß-Groß-Großvater Red Cloud getragen hat. Dieser Häuptling des Oglala-Lakota-Stamms sei der einzige Indianer, der die US-Army in den Indianerkriegen jemals besiegt habe, erzählte Red Cloud. Die Vereinigten Staaten mussten dem Stamm erhebliche Zugeständnisse machen im Friedensvertrag von Laramie. 567 Friedensverträge seien am 25. Mai 1868 geschlossen worden: „Und sie wurden alle gebrochen. Sie haben unser Land genommen, unsere Büffel und unsere Pferde.“

„Sie wollten uns alle töten. Doch seht: Wir sind hier“, rief Red Cloud seinen vierzig Gästen, ganz überwiegend Frauen, am Samstagnachmittag im Rottenburger Fischerheim zu, wohin er auf Einladung von Robertino Pargolo, Edeltraud und Winfried Lohmiller gekommen war. Red Cloud ist mit Cherokee Medicine Turtle und Sabine Sun Turtle auf einer Europatournee, um Unterstützung, Spenden für die Oglala-Lakota in der Indianerreservation in Pine Ridge, South Dakota zu suchen. Bernie Sanders, sagte Red Cloud, sei auf Wahlkampftour kürzlich dort gewesen und war entsetzt über die Zustände: Die Dritte Welt mitten in den USA.

In Deutschland ist Red Cloud zu sechsten Mal. Als er das erste Mal im Jahr 2000 in München war, wollten ihm seine Gastgeber ein KZ zeigen, in dem viele Hunderttausend Juden ermordet wurden. Er mochte da nicht hin, sagte er am Samstag: „Wir leben in Reservationen wie im KZ.“ Sein Ziel: „Ich will aus meinem Volk wieder ein glückliches Volk machen.“

Zwei ganz praktische Ideen nahm er aus Deutschland mit. Das eine war die Photovoltaik, mit deren Hilfe die Energie die „Vater Sonne“ schickt, nutzbar gemacht werden kann. Red Cloud wurde Unternehmer und gründete die Lakota Solar Enterprises. Das zweite war die Massivbauweise. Red Cloud war begeistert von den deutschen Häusern, die 600 oder gar 700 Jahre halten. Er entwickelte einen Baustein aus gepresster Erde und „ein wenig“ Zement. Die Winter in South Dakota wurden dadurch erträglicher. Es gebe dort Temperaturen bis minus 32 Grad. Auch die Büffel sind zurückgekommen. Für die Lakotas sind sie heilig, was sie nicht vorm Schlachter bewahrt. So ist eine kleine Fleischindustrie entstanden, die seinem Volk zu gesunden Lebensmitteln und Einkommen verhilft.

Die ganze Gesellschaft des Rottenburger Fischeheims ging hinaus zu seinem Sonnentanz. Viele hatten ihre Trommel mitgebracht und stellten sich im Kreis auf. Red Cloud tanzte um die Trommler herum. Ein Regenschauer machte aus dem Sonnentanz einen Regentanz. „Der Regen macht, dass die Pflanzen wachsen“, rief Red Cloud erfreut.

Für einen Cherokee ist Medicine Turtle erstaunlich blond. Sein Vater war ein keltischer Priester aus Irland. „Lakota“ heiße „Frieden“, erzählte er. Die US-Kavallerie habe ihnen aber den Namen „Sioux“ gegeben, das heiße „Feind“. Aufgewachsen ist Medicine Turtle in einem abgelegenen Appalachen-Dorf in Kentucky. Die indianischen Zeremonien waren verboten, wurden aber im Geheimen praktiziert. Er selber wurde von seiner Großmutter in die Geheimnisse der indianischen Medizin eingeweiht. Eine beeindruckende Frau muss sie gewesen sein. Wie sie einen verstorbenen Verwandten wieder ausgraben ließ und ihn zum Leben erweckte, nur damit er seine Schulden zahlen konnte, war eine langwierige, aber lustige Geschichte.

Medicine Turtles Frau Sabine Sun Turtle fand im Verlauf der dreistündigen Veranstaltung beim Übersetzen sprachlich zu ihren Wurzeln. Immer mehr verließ sie das Hochdeutsche und sprach fast lupenreines Vorarlbergisch.

In Nürnberg hat Medicine Turtle eine Akademie für indianische Medizin (Academy for Native American Medicine) gegründet. Schamane wird man nicht, indem man Bücher liest, gab er seinen Zuhörern mit. Mit Vegetarismus könne er nichts anfangen. „Alles auf Erden hat einen Zweck. Der Büffel hat den Zweck, gegessen zu werden.“ Auch Pflanzen hätten eine Seele, sagte er. Eine Karotte leide darunter, zerschnippelt zu werden.

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Erstellt:
30. Mai 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Mai 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2016, 01:00 Uhr

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