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"Vertrauen ist alles"

Hermann Parzinger über zehn Jahre deutsch-russischen Beutekunst-Dialog

Museumsexperten aus Deutschland und Russland suchen in Berlin Wege zum Umgang mit Beutekunst. Sprecher Hermann Parzinger erläutert das.

14.11.2015
  • NADA WEIGELT, DPA

Berlin Rund ein Million Kunstschätze aus Deutschland werden noch in Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion vermutet. Seit zehn Jahren bemüht sich der Deutsch-Russische Museumsdialog um Aufklärung. Hermann Parzinger, der deutsche Sprecher der Initiative, zieht Bilanz.

Hat sich die Initiative gelohnt?

HERMANN PARZINGER: Ja, auf jeden Fall. Anfangs war es eher ein rein deutscher Dialog. Beteiligt sind rund 80 Museen hierzulande, die von Kulturgutverlusten betroffen sind. Mittlerweile ist ein partnerschaftliches Verhältnis mit russischen Kollegen entstanden, es gibt eine offene Dialogsituation. Vertrauen ist alles. Die russischen Kollegen öffnen sehr freizügig und umfassend ihre Depots, wir machen gemeinsame Forschungsprojekte und organisieren Ausstellungen. Jetzt zur Jubiläumsveranstaltung kommen viele Vertreter von bedeutenden russischen Museen wie der Eremitage in Sankt Petersburg, dem Staatlichen Historischen Museum und dem Puschkin Museum in Moskau, aber auch von kleineren Häusern. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Wie erklären Sie sich das?

PARZINGER: Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir uns nicht nur um die deutschen Kulturgutverluste kümmern wollen. Immerhin war es Nazi-Deutschland, das mit einem unbeschreiblichen Vernichtungsfeldzug die Kultur Russlands auslöschen wollte. Beide Seiten haben enorme Verluste zu beklagen. Deshalb sind Transparenz und Aufklärung über das kriegsbedingte Schicksal der Kulturgüter von großer Bedeutung. Wir lassen die Frage von rechtmäßigem Besitz und Rückgabe dabei außen vor, denn das ist das Geschäft der Politik, nicht der Fachleute. Auch das stärkt das Vertrauen.

Also keine Hoffnung auf Rückgabe?

PARZINGER: Das würde ich so nicht sagen. Wir bleiben dabei, dass der Besitz von Beutekunst dem Völkerrecht widerspricht. Russland vertritt jedoch eine andere Rechtsposition, nach der die noch in Russland befindlichen Kulturgüter aus Deutschland als Kompensation für die Zerstörungen durch die Wehrmacht zu russischem Eigentum geworden sind. Die Frage der deutschen Zerstörungen muss bei jedem künftigen Versuch einer Einigung mitbedacht werden. Aber das steht derzeit nicht auf der Agenda.

Merkt man, dass die Beziehungen zu Moskau derzeit angespannt sind?

PARZINGER: Nein, die Zusammenarbeit läuft vorzüglich, fast antizyklisch zu den politischen Verhältnissen. Wir arbeiten besser zusammen denn je, weil über die Jahre eine wirklich tragfähige Vertrauensbasis gewachsen ist. Neben Forschungsprojekten bereiten wir derzeit gleich drei große Ausstellungen gemeinsam vor, und diese Vorhaben werden auch vom russischen Kulturministerium unterstützt. Man spürt, dass man die kulturelle Zusammenarbeit nicht behindern will, und das ist auch wichtig, denn die kulturelle Brücke trägt auch dann noch, wenn viele andere Wege schon verschlossen sind.

Info Hermann Parzinger (56) ist seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zuvor war der Vor- und Frühgeschichtler für das Deutsche Archäologische Institut tätig. Bis heute leitet er zahlreiche Ausgrabungs- und Forschungsprojekte.

Hermann Parzinger über zehn Jahre deutsch-russischen Beutekunst-Dialog
Lobt die gute Zusammenarbeit mit Russland: Hermann Parzinger. Foto: dpa

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14.11.2015, 12:00 Uhr

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