Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ganz unten

Herrgott, schmeiß Zeit ra!

Das Lebensfreudeerhaltungsgesetz, Paragraf 1, sagt klar: Wer keine Zeit hat, soll nicht einkaufen!

27.05.2015
  • Winfried Gaus

Durch Ungeduld verlieren wir alle. Wir bekommen Einkaufswagen in die Kniekehlen gerammt und ein mageres „Oh, Entschuldigung“ hinterher. Wir stehen in der Kassenschlange und hegen zunehmend schlechte Gedanken, während das kurzsichtige Mütterle vorne die Centstückle aus dem Geldbeutel einzeln rauspfriemelt und die Kassiererin mit dem Zeigefinger im Stakkato auf ihren Arbeitsplatz hämmert.

Und den Geisteszustand des Kartenbezahlers, der im Jogginganzug am Samstagmittag die eine Tube Tomatenmark begleicht und sich bei der Geheimzahl vertippt, benoten wir im Stillen mit hier nicht druckfähigen Worten.

Man wird auch selbst zum Opfer. Neulich, beim Bäcker, da dauerte es etwas. Die Gründe waren so vielfältig wie einleuchtend, man musste sich nur darauf einlassen: zu viele Kunden, zu wenig Personal, eine kaputte Kasse und grad keine Butterbezeln, dafür ein paar schwierige Fälle unter der Kundschaft nach dem Motto: Was, Sie haben keine veganen Leberkäsweckle? Ich war dran und wartete. Wurde bedient. Und wartete, bis alles eingetütet war. Derweil kamen andere beim anderen Personal dran und alles war gut. Bis ich wieder dran war und mir die ergänzende Frage gestellt wurde, ob ich noch etwas wolle. Da giftete es ungefähr auf Hüfthöhe von links hinten um mich herum: „Komm‘ ich vielleicht auch mal dran? Der muss nicht meinen, nur weil er groß ist, er müsste sich vordrängeln!“ In solchen Momenten ist es gut, wenn man Zeit hat, und Nerven, und Ruhe. Ich schaute und sah, dass SIE klein war (wofür sie nichts kann) und alt (was schön ist, das möchte ja jeder werden), aber leider mit einer gewissen Grundgiftigkeit ausgestattet (am Gegenmittel arbeiten führende Pharmafirmen seit Jahrzehnten ohne Erfolg). Die freundliche Frau hinter der Theke rettete die Situation mit der Erklärung, dass ich schon länger wartete; eine Kollegin von ihr rettete die Situation, indem sie die Frau flugs bediente. So flugs, dass sie noch vor mir bezahlen konnte. „Sehen Sie“, sagte ich zu ihr, „hier werden auch Kleinere bedient. Sie dürfen also gern mal wiederkommen!“ Sie hat nicht gelacht, sie zeigte überhaupt keine Regung. Sie zischte ab.

Da rief plötzlich – mindestens neun Plätze hinter mir – so ein alerter Jungspund über die Köpfe der Wartenden hinweg den Fachverkäuferinnen zu, ob er nicht kurz zwischendurch ein Vitalbrötchen bekommen könnte. Während ich noch überlegte, welche Gestirne an diesem Tag wohl falsch konfiguriert am Himmel standen und für diese Turbulenzen im Miteinander verantwortlich gemacht werden könnten, hörte ich die Fachverkäuferin freundlich sagen: Nein!

Ich zwinkerte ihr zu, hob den Daumen nach oben. Gefällt mir! Herrgott, schmeiß Zeit ra! Ond Hirn.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.05.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball