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Literatur

Herzliche Umarmungen des Lebens

Elizabeth Strout erzählt in ihrem neuen Roman „Alles ist möglich“ sehr bewegend von den einfachen Menschen.

13.12.2018

Von JÜRGEN KANOLD

Lucy Barton zum Beispiel. 17 Jahre nach der Beerdigung ihres Vaters kehrt sie wieder in ihre Heimat zurück, in ein Kaff im Mittleren Westen. Sie lebt in New York als erfolgreiche Schriftstellerin, hatte gerade eine Lesung in Chicago, jetzt besucht sie ihre zwei Geschwister: In Illinois wuchsen sie in ärmsten, auch familiär prekären Verhältnissen auf; damals suchten sie die Müllcontainer nach Essensresten ab. Lucy hatte sich befreit, sie studierte – aber jetzt kommt wieder alles hoch, diese traurige Vergangenheit. Sie erleidet eine Panikattacke. Hätten sie mit „dem Zeugs“ von früher besser nicht anfangen sollen?, fragen sich die Geschwister. „Weißt du, Vicky, eigentlich sind wir doch gar nicht so schlecht geraten“, sagt Pete. „Gut, wir sind keine Massenmörder geworden, falls du das meinst“, antwortet Vicky.

„Alles ist möglich“ heißt der neue Bestseller von Elizabeth Strout, die US-Amerikanerin erzählt Geschichten von Liebe und Glück, Kummer und Schmerz; es sind die Porträts einfacher Leute aus einem fiktiven Ort namens Amgash, die sich zu einem Roman fügen. Lucy Barton ist die Mittelpunktsfigur, obwohl sie kaum auftritt. Der Leser kennt diese Frau schon aus dem letzten Roman der 62-jährigen Strout aus Portland: „Die Unvollkommenheit der Liebe“. Darin erinnert sich Lucy Barton, die Ich-Erzählerin, im Krankenhaus an ihre Kindheit, zieht Bilanz, befragt ihre Ängste, ihre Herkunft: „Wir waren eine so kaputte Familie gewesen, wir alle fünf, aber erst jetzt merkte ich, wie tief hinunter ins Herz das Geflecht unserer Wurzeln reichte.“

In ihrem neuen Roman legt Elizabeth Strout nun mit großer Beobachtungsgabe und sehr einfühlsam die Seelen gleich einer Reihe von Menschen frei: etwa Tommy Guptill, dem vor vielen Jahren der Hof abgebrannt ist, der alles verloren hat. „Nun gut, sie hatten überlebt.“ Er nahm einen Job als Hausmeister der Schule an, um seine Familie durchzubringen. Lucy Barton, ja, die war ihm besonders aufgefallen in all den Jahren. Als sie ihm erzählte, dass sie aufs College dürfe, hatte sie freudestrahlend die Arme um ihn geworfen und auch er sie umarmt. Er vergaß das nie – „auch weil er sich hinterher gefragt hatte, wie oft – wie selten – dieses Kind in seinem Leben umarmt worden war“.

Mit kleinen Geschichten, auch nur wenigen Sätzen gelingt Elizabeth Strout tief anrührende Literatur. Jürgen Kanold

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Erstellt:
13. Dezember 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Dezember 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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