Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Zwei lasen beim zweiten Sessel-Stopp im Steinlachtal

Hesse im Liebessturm, Erzählerin der Nacht

„Mehrere tausend Gründe, gerne nach Dußlingen zu kommen“, fand Gutenachtgeschichten-Onkel Jürgen Jonas. Gut 130 Gäste lauschten am Montagabend in der dortigen Mediothek den beiden Vorlesern.

15.08.2012
  • Ernst Bauer

Dußlingen. Beim ‚Rockt den Acker‘ hatte er es immer wieder gehört: „Geiles Dußlingen!“ Diese guten Schmalzbrote – mehr als hundert gingen weg, mit Lauchzwiebelringen garniert; von den Frauen des Albvereins geschmiert. Sogar Goethe kam hier tatsächlich mal vorbei, wusste Jonas, 1797, von Tübingen her, „Dußlingen im Grunde“, Mössingen hat Goethe nicht einmal erwähnt – „was wäre wohl heute, wenn er mit seiner Kutsche vorbeikäme und durch den Tunnel fahren müsste?“, fragte unser lokalgeschichtskundiger Gutenachtgeschichten-Moderator. Und löste damit selbst bei den Kindern im Innenhof der Mediothek große Erheiterung aus.

Jonas‘ langer, aber sehr kurzweiliger Einstieg in den Abend passte wunderbar zu der von Jutta Ewaldt ausgewählten Geschichte: Rafik Schamis „Erzähler der Nacht“ – die Geschichte von diesem legendären Geschichtenerzähler im alten Viertel von Damaskus, dem Kutscher Salim. „Gott segne deine Zunge, junger Mann!“ Salim konnte Geschichten erzählen, dass die Zuhörer lachen und weinen mussten, seine Stimme verzauberte jeden; mit den Flügeln seiner Worte bereiste er die Länder der Erde, obwohl er mit seiner Kutsche bloß bis Beirut kam – und dann verstummte er plötzlich.

Die erste Vorleserin des Abends ließ selber ein bisschen Sonne, Regen und Staub spürbar werden, so einfühlsam las sie aus dem „Erzähler der Nacht“; man merkte es Jutta Ewaldt an, dass sie oft und gerne ihren beiden kleinen Töchtern vorliest. Immer wieder hob und senkte sie ihre Stimme – und wurde an der spannendsten Stelle selber für einige Momente stumm.

Mit Valses-Musettes, französischen Walzer-Weisen, verzauberte Akkordeonist Peter Weiß das Publikum in der Pause und schon gleich zu Beginn. Josef Knoll grub als zweiter Vorleser des Abends den „Zyklon“ von Hermann Hesse aus, eine frühe Erzählung, passend nicht nur zu dessen 50. Todestag, sondern auch eingedenk der vielen heftigen Unwetter, welche das Steinlachtal in den vergangenen Jahren heimsuchten. Das Unwetter, das Hesse anno 1895 in Calw erlebte, als er gerade Rotaugen fischte, ist freilich eher ein Liebessturm, der ihn – während draußen die Welt unterzugehen schien – in Gestalt der Berta Vögtlin heimsuchte. „Wenn das nur eine andere wäre, dachte ich heftig.“

Wenn das alles war, was Hesse dabei dachte, kann „Der Zyklon“ ja nicht so heftig gewesen sein – dachte sich mancher bei dieser Gutenachtgeschichte; schön vorgetragen von Knoll – der am Schluss allerdings „einen Frosch“ im Hals hatte, bei diesem schwer verdaulichen Hesse.

Info: Im Hut lagen am Ende 302 Euro und 11 Cent, spendiert für den Musiker und das Gemeindepflegehaus.

Hesse im Liebessturm, Erzählerin der Nacht

Hesse im Liebessturm, Erzählerin der Nacht

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.08.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball