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Welt ohne Erklärer

Heute-Journal-Moderator Claus Kleber hält seine erste Vorlesung

Sein Bekanntheitsgrad dürfte den von zahlreichen Politikern, über die er berichtet, weit übertreffen: Der Heute-Journal-Moderator Claus Kleber ist für viele der Inbegriff des Nachrichten-Journalismus. Als Honorarprofessor unterrichtet er ab Herbst Studenten der Tübinger Medienwissenschaften. Heute Abend hält er seine (öffentliche) Antrittsvorlesung: „Rettet den Journalismus! Wozu?“

01.06.2015
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Als Claus Kleber gestern zur Pressekonferenz das kleine Fernsehstudio im Brechtbau betrat, richteten sich nicht nur viele Augen, sondern auch Kameras auf ihn: Pressevertreter und Studenten dokumentierten den Auftritt des künftigen Honorarprofessors der Tübinger Uni. „Da entwickle ich doch gleich Fluchtinstinkte“, bekannte Kleber, nur halb im Scherz. „Ich möchte hinter die Kameras, wo ich eigentlich hin gehöre.“ Wobei zwar nicht die Kameras ungewohnt waren, allerdings der Rollentausch: Nicht Kleber stellte Fragen, sondern Kleber wurde interviewt.

Heute-Journal-Moderator Claus Kleber hält seine erste Vorlesung
Wie sieht die Zukunft des Nachrichten-Journalismus aus? Darüber diskutiert der Journalist und Honorarprofessor Claus Kleber künftig mit Studierenden.

Zum Beispiel dazu, wie er seine Rolle als Honorarprofessor sehe und welche Grundsätze er den Studenten vermitteln wolle. Er begreife die Lehre nicht als Einbahnstraße, sagte Kleber, sondern als „Austausch von zwei Erfahrungswelten“. Und so erhofft sich auch Kleber spannende Erkenntnisse, wenn er mit Studenten diskutiert, von denen heute die wenigsten noch Zeitung auf Papier lesen oder klassische Nachrichtensendungen im Fernsehen schauen. Vielmehr werden Nachrichten über Internet-Netzwerke verbreitet. Wie das die Nachrichtenwelt und die Gesellschaft verändern wird – auch darum wird es in Klebers Seminaren gehen.

Ein stolzer Blick kurz vor der Hinrichtung

„Das Dozierende, das Welterklärende“, das klassische Nachrichtensendungen ausgezeichnet habe, sei nicht nur aus der Mode gekommen, sondern Opfer einer tiefgreifenden Weltveränderung geworden. Dabei ist sich Kleber sicher: Auch in Zukunft wird es Bedarf an professionell recherchierten Nachrichten geben.

Im Wintersemester will das Zentrum für Medienkompetenz Lehrforschungsprojekte anbieten, sagte Institutsdirektorin Prof. Susanne Marschall, in die auch die Blockseminare mit Claus Kleber eingebunden sind. „Wir rechnen mit einem Riesenansturm“, sagt Maschall. Kleber, der in den 1970er Jahren in Tübingen Jura studiert hat, war zuerst freier Mitarbeiter beim Südwestrundfunk, bis 2001 berichtete er als Korrespondent aus den USA. Seit 2003 moderiert er das Heute-Journal. Am besten gefalle ihm an seinem Beruf das Unvorhersehbare, das jeder Tag mit sich bringe. „Ich mag keine Routine.“

Und auch keine Automatismen. Es sei zwar wichtig, dass es Normen gebe. „Doch das sind Maßstäbe, die einem eine Entscheidung nicht abnehmen.“ So gibt es beim ZDF die Regel, aus Achtung vor der Menschenwürde keine Bilder von Menschen zu zeigen, die in einer Notsituation sind. Deshalb sind etwa die Gesichter von IS-Gefangenen unkenntlich gemacht. In einem Fall habe er sich allerdings dafür entschieden, das Gesicht eines Mannes, der wenig später hingerichtet wurde, auf einem Foto zu zeigen, sagt Kleber. „Ich habe das Bild gesehen und gestaunt, welche Ruhe von diesem Menschen ausging. Es war ein stolzer und aufrechter Moment in seinem Leben“ – diesen zu verpixeln hätte den Menschen seiner Würde beraubt, so Kleber.

Als Moderator des Heute-Journals möchte er zwar eine Haltung zu den Themen der Sendung haben. „Diese zu kommentieren, das ist nicht mein Job. Und das will ich auch nicht.“ Wie er seine Moderation gestaltet – in Wort und Mimik – das bleibt letztendlich ihm überlassen, auch wenn er manches im Team diskutiert. „Ich lege meine Moderation niemandem zur Genehmigung vor.“

Hinterher gebe es dann ab und an Kritik. Zumal, seit die Beiträge online abrufbar und damit zur genaueren Prüfung dokumentiert sind. Da melden sich dann zum Beispiel Zuschauer, weil im Beitrag das Emblem eines ukrainischen Milizionärs nicht richtig eingeordnet wurde. Auch Auseinandersetzungen mit kritischen Bloggern (etwa Stefan Niggemeier) könne er als konstruktiven Beitrag schätzen.

Nur ganz selten habe er nach einer Moderation aber wirklich Probleme bekommen. Als ein Tsunami Thailands Küste verwüstet hatte, kommentiere er die während der Sendung herein gereichte Meldung, Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl sei mit einem Helikopter aus seinem Urlaubsort Sri Lanka ausgeflogen worden, mit der Bemerkung: Es sei schwer vorstellbar, dass die Ceylonesische Luftwaffe an diesem Tag nichts Wichtigeres vorgehabt habe. Nach der Sendung liefen in der Telefon-Zentrale des ZDF die Leitungen heiß. „Heute wäre wohl ein Shitstorm über mich hereingebrochen.“

Info: Claus Kleber spricht heute um 18 Uhr im Festsaal der Neuen Aula, Geschwister-Scholl-Platz, zum Thema: „Rettet den Journalismus! Wozu?“

Video: Campus TV

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01.06.2015, 12:00 Uhr

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