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Abschied vom Achalmtunnel

Heute verlässt Polier Limpl mit seinen Mineuren die Baustelle

18 Monate lang hat René Limpl einen unterirdischen Arbeitsplatz in Reutlingen gehabt – heute verabschiedet er sich vom Scheibengipfeltunnel: Die Mineure werden auf der Baustelle nicht mehr gebraucht, jetzt beginnt der Innenausbau.

05.08.2014
  • Thomas de Marco

Reutlingen. In den anderthalb Jahren hat Limpl immer zehn Tage gearbeitet und ist nach so einer Dekade jedes Mal 350 Kilometer nach Hause ins österreichische Stuhlfelden bei Mittersill im Salzburger Land gefahren. „Auf der Strecke kenne ich langsam jede Kurve“, sagt der 57-Jährige. Wenn er heute diesen Weg das letzte Mal fährt, dann ist er stolz. „Wieder mal ein Werk, das man vollbracht hat“, sagt der Polier, der seit 24 Jahren für die Baufirma Max Bögl Tunnel durchs Gestein treibt.

„Jeder Tunnel ist eine neue Herausforderung, weil er eigene Problemstellungen hat. Man sieht vorher nicht in den Berg rein“, sagt Limpl. Unter den Mineuren heißt das: „Vor der Hacke ist es duster.“ Reutlingen sei aber eine seiner schönsten Baustellen gewesen, erklärt der Österreicher: wenig Wasser, wenig Dreck, ein gutes Gebirge, aber auch die Kollegen, die Gegend und das Regierungspräsidium Tübingen als Bauherr – all’ das werde er in guter Erinnerung behalten. „Ich wäre gerne noch einmal zwei Jahre hier.“

Von Reutlingen selbst hat Limpl nicht viel gesehen. Wenn er länger frei hatte, fuhr er nach Hause, ansonsten saß er in der Freizeit meist mit den Kollegen auf der Baustelle zusammen, oft beim Grillen. Wenn der Polier zuhause bei der Familie ist, macht er am liebsten das Gegenteil von seiner unterirdischen Arbeit: wandern im Gebirge auf den Bergen. Da hat er zuhause freilich andere Kaliber als den Reutlinger Hausberg, auf den Limpl allerdings auch einmal gestiegen ist.

Über 50 Mineure sind unter der Achalm beim Vortrieb eingesetzt gewesen, die meisten kommen aus den österreichischen Regionen, wo die Bergbauern um 1800 mehr und mehr zum Bergbau gewechselt waren: Salzburger Land, Steiermark, Kärnten oder Osttirol. Nur wenige stammen aus Thüringen oder Sachsen.

Diese Fachleute sind eine verschworene Gemeinschaft. Limpl ist einer von drei Polieren, die für diese Arbeiter verantwortlich gewesen sind. Verlässlichkeit, Vorausschau, Genauigkeit und Umsicht – das schätzt Marcus Scheuerer, seit Januar Projektleiter der Firma Max Bögl, an seinem Polier. „Wenn ich mich auf ihn und die gesamte Mannschaft nicht hundertprozentig verlassen könnte, dann könnten wir es bleiben lassen“, sagt Scheuerer. So aber habe das Team wie ein Schweizer Uhrwerk beim 1620 Meter langen bergmännischen Vortrieb unter der Achalm funktioniert.

Der Scheibengipfeltunnel sei für ihn eher eine mittelgroße Baustelle, erklärt Limpl. Zuvor hatte er drei Jahre lang die Eisenbahn-Neubaustrecke Berlin – Nürnberg in Thüringen durch den Silberberg getrieben, sein bislang größtes Projekt. Dort hat er dann gegen Ende erfahren, dass es ein halbes Jahr später nach Reutlingen geht.

Beim Achalmtunnel hat den Österreicher auch die außergewöhnliche Betreuung von höchster Stelle imponiert. „OB Barbara Bosch hat sich sehr für die Baustelle interessiert und ist sehr aktiv gewesen. Einmal war sie sogar beim Sprengen dabei“, lobt Limpl die Tunnelpatin, die sogar den gleichen Vornamen wie die Schutzpatronin der Bergleute hat.

So lange es gesundheitlich geht, will der Mineur weitermachen – und zwar im Tunnelbau. „Andere Baustellen sind mir zu langweilig und bestenfalls eine Ausgleichsarbeit, wenn im Berg nichts geht“, sagt Limpl. Bis zur Rente solle er dabeibleiben, fordert Projektleiter Scheuerer, „so jemanden wie ihn lassen wir nicht raus!“

Am 8. Juli sind Limpl und die anderen Mineure intern verabschiedet worden, seither haben die Bergarbeiter sukzessive die Baustelle verlassen. Die Tunnelexperten werden sich allerdings bald wieder treffen – und zwar wieder in schwäbischen Gefilden: Am 21. August geht es für die meisten Mineure in Ulm beim Albabstieg weiter. Bis dahin genießt Limpl noch die freien Tage zuhause in Stuhlfelden. Und irgendwann, wenn der Scheibengipfeltunnel 2017 fertig ist, wird er nach Reutlingen kommen und mal durchfahren.

Die Mineure gehen, nun beginnt dieser Tage im Scheibengipfeltunnel die Innenauskleidung. 60.000 Kubikmeter Beton werden dafür benötigt, über 26 Betonmischer sind dann pro Tag im Einsatz. Um kurze Wege zu haben, richtet die Firma Godel-Beton aus Stuttgart-Weilimdorf eine stationäre Betonmischanlage beim Tunnel ein. Der Spritzbeton, der bislang beim Vortrieb für die Sicherung des anstehenden Gesteins nach den Sprengungen verwendet worden war, ist in Dettingen/Erms gemischt worden. Von diesem Beton sind rund 25.000 Kubikmeter an Wände und Decke gespritzt worden.
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05.08.2014, 12:00 Uhr

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