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„Hier ist mein Platz“
Laura Halding-Hoppenheit am Ort, wo sie sich am wohlsten fühlt: in ihrem „King´s Club“. Foto: Ferdinando Iannone
Portrait

„Hier ist mein Platz“

Mit Laura Halding-Hoppenheit zeichnet der Dehoga eine Stuttgarter Legende aus. Die Stadträtin und Inhaberin des „King's Clubs“ setzt sich seit 40 Jahren für Homosexuelle ein.

12.11.2016
  • TILMAN BAUR

Wenn Laura Halding-Hoppenheit den „King's Club“ betritt, ist es, als betrete sie ihr Wohnzimmer. Im Grunde ist es das auch. Denn die dunklen, abgenutzten Räume mit ihrem Palmendekor und den verwinkelten Sitznischen bezeichnet die gebürtige Rumänin seit nunmehr 40 Jahren als ihr Zuhause. „Früher lag hier sogar noch ein Teppich“, sagt Halding-Hoppenheit und zeigt auf den Boden – echter „Tuntenbarock“ sei das damals gewesen.

Der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) im Lande hat die Frau mit den roten Haaren zur „Unternehmerfrau des Jahres 2016“ gekürt. Dass sie einst eine solche Auszeichnung entgegennehmen werde, konnte sich Halding-Hoppenheit nicht ausmalen, als sie Mitte der Siebzigerjahre als Gaststudentin von Bukarest nach Hamburg. Bald lernte sie ihren damaligen Mann kennen, und wenig später fand sie sich als zweifache Mutter in konservativen Verlegerkreisen wieder – und fühlte sich dort unwohl, weil sie sich als Frau nicht anerkannt fühlte. Als ihr Mann schließlich eine Stelle in Stuttgart antrat, langweilte sich Halding-Hoppenheit als Hausfrau und Mutter. „Das war ein Schock für mich“, sagt sie heute.

Lange ging das nicht gut. In Stuttgart knüpfte sie schnell Kontakt zur Künstlerszene am Theater, an der Oper und beim Ballett. „Und die war natürlich schwul“, sagt sie. Die weltoffene, lebenshungrige Frau erkannte bald, dass sie in diesem künstlerisch und literarisch interessierten und feierlustigen Milieu ihre neue Heimat gefunden hatte. „Abends habe ich die Kinder ins Bett gebracht und bin danach los ins Theater“, erzählt sie. 1976 öffnete der von der Szene lang herbeigesehnte „King's Club“ in der Calwer Straße seine Pforten. „Bei der Eröffnung sah man Männer im Smoking, schicke Abendkleider, alles war pompös“, schwärmt Halding-Hoppenheit, die sich auf den ersten Blick in den „King's Club“ verliebte. „Ich wusste sofort: Hier ist mein Platz“, sagt sie. Nach der Trennung von ihrem Mann begann sie dort zu jobben. Ihre Beliebtheit bei der Kundschaft stieg täglich, und der Besitzer stattete sie bald mit einer eigenen kleinen Bar im Club aus.

Offen homosexuell zu leben, war für Gäste des „King's Club“ damals ein ferner Traum. „Die Männer kamen von der Arbeit, parkten zwei Straßen weiter, zogen sich im Auto um und kamen dann zum Club“, erzählt Halding-Hoppenheit. Von überall her seien sie angereist: „In ihren kleinen Orten konnten sie sich nicht outen. Männer führten damals ein Doppelleben“, sagt sie. Trotz Diskriminierung sei das „eine wunderschöne Zeit“ gewesen, erinnert sich die Gastronomin, „der Zusammenhalt war extrem damals.“

Mit dem Aufkommen des AIDS-Virus in den Achtzigerjahren verschärfte sich das gesellschaftliche Klima. „Jeder rannte zum Test, weinte, trank Champagner, und nach einer Woche war er tot“, erzählt sie von dieser dunklen Zeit, in der fast wöchentlich einer ihrer Freunde der Krankheit zum Opfer fiel. Zu allem Überfluss verkrachte sich Halding-Hoppenheit auch noch mit ihrem damaligen Lebensgefährten, der gleichzeitig die Geschäfte im Club führte, und saß plötzlich vor der Tür. „Ohne Club bin ich fast krank geworden“, erinnert sie sich.

Ein leerstehendes Restaurant in der Lautenschlagerstraße löste ihr Problem. Noch während sie es renovierte, versammelten sich Massen auf der Straße und forderten von „ihrer“ Laura, sie solle bitte sofort aufmachen. „Das war einer der schönsten Momente in meinem Leben“, so Halding-Hoppenheit. Im Handumdrehen entwickelte sich „Lauras Club“ zur neuen Schwulen-Hochburg, dem „King's Club“ dagegen rannte die Kundschaft davon.

1990 kaufte sie den „King's Club“ schließlich mit einem Bankkredit für eine Million Mark. „Jetzt konnte ich endlich auch Projekte finanzieren, so wie ich es immer wollte“, sagt sie. Bis ins Morgengrauen arbeitet sie auch heute noch regelmäßig in ihrem Club. Dort feiert mittlerweile eine andere Generation. Was sie sich von dieser wünscht? „Ich habe hier eine Flamme entzündet. Bitte, bitte lasst sie nicht ausgehen!“

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12.11.2016, 06:00 Uhr

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