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Hilal Özcan über die Freiheit der muslimischen Frau und das Tragen eines Kopftuchs
Hilal Özcan macht gerade ein TAGBLATT-Praktikum. Bild: Metz
Auch die inneren Werte sollten sitzen

Hilal Özcan über die Freiheit der muslimischen Frau und das Tragen eines Kopftuchs

Hilal Özcan ist 21 Jahre alt und studiert im sechsten Semester an der Tübinger Universität Medienwissenschaft. Sie ist in diesem Monat Praktikantin in der TAGBLATT-Redaktion und will Radio- oder Online-Journalistin werden. In der langen Reihe unserer Praktikantinnen fällt sie durch eine Besonderheit auf: Sie trägt Kopftuch. Wir fragten sie nach ihren Beweggründen.

15.04.2016
  • Ulla Steuernagel

Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der Türkei, Sie sind hier geboren. Tragen alle Frauen in Ihrer Familie Kopftuch?

Nein, nicht alle Frauen. Wir sind in diesem Sinne eine Mischfamilie.

Seit wann tragen Sie Kopftuch und war es Ihre eigene Entscheidung?

Ich bin in meiner Familie die Jüngste und habe zwei Schwestern und einen Bruder. Meine Schwestern und ich haben die Entscheidung fürs Kopftuch selber getroffen. Meine älteste Schwester wollte es schon ab der fünften Klasse tragen. Das ist ein wichtiger Schritt und oft erlauben es die Eltern Mädchen in diesem jungen Alter auch noch nicht. Ich selber habe das Kopftuch erst als Erwachsene angelegt, und das finde ich auch gut so. Ein Kopftuch zu tragen bedeutet für mich eine große Verantwortung.

Das müssen Sie erklären.

Wer ein Kopftuch trägt, muss sich sicher sein, das auch zu wollen, außerdem ist es ein Gebot Gottes. Mit Kopftuch fällst du auf, und du solltest damit im Alltag keine Dummheiten machen. Doch ich finde, bevor es jemand anlegt, müssen die inneren Werte sitzen: zum Beispiel nicht zu lügen, freundlich zu sein zu anderen Menschen. Indem ich das Tuch trage, übernehme ich eine gesellschaftliche Verantwortung und ich muss erklären können, warum ich es trage.

Werden Sie denn oft danach gefragt?

Ja, schon.

Sind Sie an der Uni die einzige Studentin mit Kopftuch?

In meinen Fächern schon. Da bin ich sehr, sehr exotisch. In den ersten Semestern habe ich mir gegenüber eine gewisse Zurückhaltung gespürt. Später hat sich das geändert, als die Kommilitonen mich besser kennengelernt haben. Ich kann diese Zurückhaltung auch verstehen. Es gibt an der Uni viele, die noch nie mit einem Mädchen mit Kopftuch gesprochen haben. Auch wenn es mich manchmal nervt, dass das Kopftuch oft zum Thema wird, finde ich es andererseits gut, die Möglichkeit zu haben, meine Gründe zu erklären.

Würden Sie sich selber als eitel bezeichnen? Wählen Sie Ihre Kleidung mit Bedacht aus?

Ja, ich bin durchaus eitel. Ich überlege mir schon, was ich anziehe und die Sachen, die ich aussuche, müssen farblich zueinander passen. Ich habe ungefähr vierzig, fünfzig Schals, die ich abwechselnd trage. Die meisten davon muss ich nicht bügeln, dazu habe ich nämlich keine Lust. Ich finde Kleidung wichtig und bin der Meinung, dass Kleider Leute machen.

Und wie empfinden Sie die stark körperbetonte Kleidung westlicher Frauen? Stößt Sie das ab?

Nein. Im Gegenteil. Ich genieße die Körpervielfalt, die es hier gibt. Merkwürdig erscheint mir nur, dass es im Westen immer so gesehen wird, als ob die Freiheit eher im unbekleideten Körper liege als im bekleideten. Im orientalischen Raum sieht man das genau anders herum.

Aber ist die verhüllende Kleidung nicht auch unpraktisch? Zum Beispiel beim Sport?

Für praktische Probleme lässt sich immer eine Lösung finden. Joggen oder anderen Sport können Frauen auch mit Kopftuch machen. Oder sie gehen zur Frauen-Fitness, schwimmen mit Burkini oder gehen in Alternativhotels mit getrennten Bereichen für Frauen.

Ist es nicht sehr defensiv, den eigenen Körper zu verhüllen und ihn den Blicken zu entziehen?

Finde ich nicht. Zunächst einmal meine ich, dass jede Frau sich so kleiden soll, wie sie mag. Und dass jede Frau das selber entscheiden soll. Was mich stört, ist, wenn meine Freiheit von außen als eingegrenzt betrachtet wird. Dabei mag ich es, bekleidet zu sein, weite bequeme Sachen zu tragen, also auch ein langes Gewand über einer Hose. Das muss keine religiösen Gründe haben, sondern ist einfach mein Stil. Meine Kleidung gibt mir Freiheit, ich muss mich damit nicht zurückhaltend bewegen.

Sie sind gerade nicht geschminkt, aber viele Frauen mit Kopftuch schminken sich auch. Ist das nicht ein Widerspruch?

Ich sehe da auch einen Widerspruch, aber trotzdem ist es die Entscheidung jeder einzelnen Frau. Man nimmt immer zu schnell an, dass eine geschminkte Frau sexuelle Reize aussenden will, aber das ist nicht automatisch so, auch eine leicht bekleidete Frau muss ja nicht unbedingt sexuell aufreizen wollen.

Was ist eigentlich so schlimm daran, die Haare zu zeigen?

Schlimm ist es nicht. Laut Koran sind die Haare jedoch der Schmuck einer Frau, den man vor Fremden verbergen sollte. Witzig ist, dass es mittlerweile in Großstädten wie Istanbul Frauen gibt, die Kopftücher nicht aus religiösen, sondern aus modischen Gründen tragen. Der Kopftuch-Markt boomt zur Zeit.

Und warum verzichten manche religiösen Musliminnen auf das Tragen eines Kopftuchs?

Sie haben oft gesellschaftliche Gründe, vielleicht erlaubt ihr Beruf es nicht oder sie trauen sich nicht. Manche sagen auch, ich mach‘ die anderen Sachen, die für meine Religion wichtig sind, aber das brauche ich nicht.

Wie wirken Burkas, jene Gewänder, die oft nur einen kleinen Augenausschnitt freilassen, auf Sie?

Ich selber würde keine Burka tragen, aber wenn eine Frau sie tragen will, warum nicht?

Aber ist das nicht ein Zwangskostüm?

Das finde ich nicht. Es gibt viele Frauen, die die Burka aus freien Stücken tragen.

Man will doch Menschen, die einem begegnen und mit denen man spricht, sehen und in ihrer Mimik lesen können. Eine Burka verhindert diese menschliche Kommunikation auf unheimliche Weise.

Ich kann verstehen, dass sie einem unheimlich ist. Eine Burka fällt hier gewiss mehr auf als in arabischen Ländern. Ich bin auch froh, nicht in Saudi-Arabien zu leben, aber dennoch: Wenn eine Frau eine Burka tragen will, dann soll sie das einfach können. Gut, über die rechtliche Situation hier in Deutschland weiß ich nicht viel. Vor Gericht ist es wohl verboten, eine Burka zu tragen.

Anders als in Frankreich ist die Burka hier nicht verboten, nur aus besonderen Sicherheitserwägungen kann sie verboten werden. Glauben Sie wirklich, dass eine Frau freiwillig sich in diese Totalverschleierung begibt, ist es nicht eher so, dass sie einem kulturellen Zwang oder Druck unterliegt?

Das kann schon sein, aber, selbst wenn es so ist, dann sollte man das dennoch als Entscheidung der Frau akzeptieren. Frauen, die in einem Zwangssystem aufgewachsen sind und leben, können nicht von außen befreit werden. Es ist nicht in Ordnung, wenn eine außenstehende Person die Freiheit in Frage stellt, denn nur die Frauen selber können sich befreien. Die „Femen“-Frauen maßen sich beispielsweise an, muslimische Frauen zu befreien. Das ist für mich sehr unverständlich. Damit will ich allerdings nicht sagen, dass es in der muslimischen Welt nicht auch unterdrückte Frauen gibt. Aber oft wird die Religion als Argument genannt und in Wirklichkeit handelt es sich um eine gesellschaftliche Unterdrückung.

Würden Sie sich selber als Feministin bezeichnen?

Ja, und es gibt in den islamischen Gesellschaften eine Bewegung, die im Westen vielleicht noch nicht so sehr wahrgenommen wurde.

Die Möglichkeit, mehrere Frauen zu heiraten, erscheint nicht gerade als ein frauenfreundliches Gebot. Die Zwangsehe auch nicht. Man wird den Eindruck nicht los, dass in islamischen Ländern die Männer gegenüber den Frauen das Sagen haben.

Die Polygamie des Mannes und die Zwangsehe werden immer gleich als erstes genannt. Aber es geht schon mit der Formulierung ,das Sagen haben‘ los. In der muslimischen Ehe sollen die Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Und was die Zwangsehe angeht, ich kenne niemanden, der oder die von den Eltern verheiratet wurde. Leider gibt es so viele Vorurteile über Muslime. Das liegt vor allem daran, dass die Begegnungsmöglichkeiten fehlen. Die verschiedenen Kulturen müssen viel mehr Zeit miteinander verbringen und viel mehr miteinander reden.

Wie sehen Sie die Debatte, die gerade in der Schweiz geführt wird? Dort weigerten sich zwei islamische Jungs ihrer Lehrerin die Hand zu geben.

Ich finde die Kritik daran übertrieben. Mir fällt dazu ein: Seid doch mal ein bisschen lockerer im Umgang mit anderen Kulturen!

Aber die Verweigerung ist doch ein Symbol dafür, dass die beiden ihre Lehrerin nicht respektieren.

In dieser Hinsicht finde ich das Verhalten der Jungs nicht akzeptabel. Einer Lehrerin die Hand nicht zu geben, weil man Frauen als unrein betrachtet, ist für mich eine falsche Interpretation der islamischen Religion.

Gerade wird so viel von Integration gesprochen. Ist das nur Fassade oder gelingt sie Ihrer Meinung nach besser als früher?

Ich bin da optimistisch. Seit einigen Jahren ist mir die Integration von Migranten und auch von Flüchtlingen wahrscheinlicher geworden. Vor vierzig, fünfzig Jahren war das anders. Das ist man hergekommen zum Arbeiten, hat seine Muskelkraft gebraucht, ist abends ins Gastarbeiterheim und wollte so schnell wie möglich wieder ins Herkunftsland zurück. Das hat sich geändert. Meine Geschwister und ich sind in Deutschland geboren. Ich könnte mir zwar vorstellen, in Istanbul zu leben, aber ich genieße es, in Deutschland zu sein.

Und Sie leben nicht in dieser oft beklagten Zerrissenheit zwischen den Kulturen?

Diese Zerrissenheit kenne ich schon. Aber ich bin ein Fan der Vielfalt. Über Zerrissenheit zu klagen macht für mich wenig Sinn. Mit gefällt es, dass ich zweisprachig erzogen wurde. Klar bin ich in der Türkei eine Türkin, die in Deutschland aufgewachsen ist. In der Türkei merke ich ja auch immer, wie viel ich von der deutschen Kultur in mich aufgenommen habe.

Kommen Ihre Freunde und Freundinnen auch aus beiden Kulturkreisen?

Ja, ich habe sehr gute türkische und sehr gute deutsche Freunde. Mit meinen türkischen Freunden rede ich manchmal ein deutsch-türkisches Gemisch von Wörtern. Zum Beispiel „Gucksana“ ist so eine Wortschöpfung. Der Imperativ von Gucken, der Anfang ist deutsch, das Ende türkisch.

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15.04.2016, 01:00 Uhr

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