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Großprojekt verspricht neue Möglichkeiten bei Inkontinenz

Hilfe bei Blasenschwäche

„Einer der führenden Gründe, warum Menschen in Altersheime kommen, ist die Inkontinenz“, sagt der Urologe Prof. Karl-Dietrich Sievert. Mit dem ungewollten Harnverlust beschäftigt sich nun ein erstes groß angelegtes DFG-Forschungsprojekt, das in Tübingen angesiedelt ist.

14.06.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. In einer älter werdenden Gesellschaft wird das Thema immer dringlicher. Deshalb erscheint es nicht verwunderlich, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 3,4 Millionen Euro ein bisher auf drei Jahre angelegtes Projekt fördert.

Sieben Teams arbeiten hier zusammen. Ziel ist die Behandlung der bisher nicht heilbaren Inkontinenz. Mit der Injektion patienten-eigener Zellen will man einen neuen Weg zur Regeneration des Schließmuskels beschreiten. Neben den Urologen sind noch etliche andere Disziplinen an der Studie beteiligt.

Es werden systematische Muskelmessungen vorgenommen, spezielle Navigationsgeräte und bildgebende Verfahren zur Beobachtung der injizierten Muskelzellen entwickelt. Auch zwei Ärztestellen „als Shuttle hin zur Biologie und zu den Ingenieurswissenschaften“, so Projektleiter Prof. Wilhelm Aicher, wurden für das Projekt geschaffen. Sie sind zur einen Hälfte in der Klinik, zur anderen Hälfte in der Forschung verankert.

Nach der Phase der experimentellen Forschung ist schon die nächste Förderphase anvisiert. 2015, so berichtete Klinik-Chef und Projekt-Sprecher Prof. Arnulf Stenzl bei einer Pressekonferenz im Klinikum, soll sie beginnen. 2018 endlich könnte die Forschung den Patienten zugute kommen. Dann soll mit ersten klinischen Studien begonnen werden. Dabei hoffen die Tübinger, dass dies im Verbund mit zwölf Kliniken aus neun Ländern geschieht. „Der Antrag an die EU ist schon gestellt“, berichtete Aicher.

2018 wird wohl der Verbrauch von Erwachsenen-Windeln den der Babywindeln überholt haben. Pro Jahr steigt das Windelaufkommen bei Erwachsenen um 4 Prozent. Und schon jetzt werden in Deutschland jährlich eine halbe Milliarde Euro für die Folgen der Inkontinenz ausgegeben.

15 Prozent der Männer ab 65 Jahren sind von Inkontinenz betroffen und 20 bis 25 Prozent der Frauen dieses Alters. Die weibliche Muskulatur wird durch Geburten stärker beansprucht. Eines lässt sich ohnehin nicht aufhalten: „Mit zunehmendem Alter verlieren wir Muskelzellen“, so Stenzl.

Die Natur macht‘s am besten

Physiotherapie wie Beckenbodentraining kann die nachlassende Schließmuskelfunktion vorläufig verbessern und einem Muskelschwund vorbeugen. Den Trainingseffekt sieht Stenzl aber nicht nur in der Muskulatur, sondern ebenso sehr in den Nervenbahnen und in der entsprechenden Hirnregion.

Wenn Muskelschwäche und Fehlfunktion der Blase einen chronischen Zustand erreicht haben, stehen zwar auch Medikamente zur Verfügung. Die sind allerdings mit großen Nebenwirkungen verbunden. Danach bleiben nur operative Verengungen der Harnröhre, die aber keinen Einfluss auf den Schließmuskel haben. Weitere Therapiemaßnahmen wie Beckenbodenplastik und künstliche Schließmuskeln sind ebenfalls nicht besonders befriedigend.

„Nichts ist so gut wie die Muskulatur, die die Natur vorgesehen hat“, so Stenzl. Aber nichts ist für die Forscher auch so schwierig herzustellen. Für die Forscher stellt sich die Frage, ob körpereigene Zellen, die nicht aus Muskelgewebe kommen, sondern aus dem Knochenmark, der Plazenta- oder dem Fettgewebe stammen, zur Regeneration des Schließmuskels beitragen können. Dafür ist eine Gruppe um die Anästhesiologin Melanie Hart zuständig.

Das Uniklinikum lädt für Samstag, 23. Juni, von 12 bis 16 Uhr zu einem Patienten-Informationstag ein. Im Kupferbau (Hölderlinstraße 5) geht es sowohl um Harn- als auch um Stuhlinkontinenz. Beides Tabuthemen und beides gesundheitliche Probleme, unter denen die Patienten stark zu leiden haben. Über Diagnostik und Therapiemöglichkeiten, von Physiotherapie über medikamentöse Behandlung bis hin zur minimal-invasiven Operation, können Interessierte sich hier in Kurzvorträgen informieren. Am Patiententag kann man kostenlos und ohne Anmeldung teilnehmen. Informationen findet man auch auf der Homepage www.uro-tuebingen.de

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14.06.2012, 12:00 Uhr

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