Horb · Corona-Krise

Hilfe, die an den Nerven zehrt

Die Pandemie löst Ängste aus, und das herrschende Kontaktverbot verstärkt Gefühle von Einsamkeit. Das stellt Seelsorger vor neue Herausforderungen. Auch die Arbeit von Suchtberatern und Psychologen hat sich verändert.

24.04.2020

Von Philipp Koebnik

Seelsorge läuft derzeit überwiegend telefonisch. Bild: Benjamin Breitmaier

Die Corona-Krise beeinflusst nahezu das gesamte gesellschaftliche und persönliche Leben. Kaum etwas funktioniert noch so wie früher. Vieles muss anders organisiert, neu sortiert, kreativ angepasst werden an die neuen Verhältnisse.

Das gilt etwa für die christliche Seelsorge. Wurden Gespräche bislang von Angesicht zu Angesicht geführt, laufen sie nun übers Telefon. Wo Nähe heilsam wirken konnte, bleibt nur die Stimme, bleiben die Worte. „Jetzt heißt es, noch viel genauer hinzuhören“, weiß die evangelische Krankenhauspfarrerin Susanne Thierfelder, die Seelsorge unter anderem im Umfeld des Freudenstädter Krankenhauses anbietet. Manche Personen, mit denen sie in Kontakt steht, rufen sogar täglich bei ihr an.

Ängste und das Gefühl von Einsamkeit werden durch die Pandemie und ihre Folgen, etwa das Kontaktverbot, verstärkt. Gerade um Ostern sei es schwer gewesen für Ältere, die nun weitgehend isoliert leben, für Menschen mit psychischer Erkrankung, aber auch Alleinstehende, berichtet die Pfarrerin am Telefon. Heimbewohner, die ihren Partner oder die Kinder nicht treffen, sie nicht in den Arm nehmen dürfen, „die leiden einfach sehr“. Reden sei dann „ganz arg wichtig“. Gespräche seien „der erste Schritt heraus aus der Angst und aus der Einsamkeit“, beschreibt Thierfelder ihre Arbeit. Für sie heiße das vor allem: „die Emotionen aushalten und Halt geben“. Zwischen fünf und 20 Telefonate führt sie pro Tag. Hinzu kommen Mails.

Chronisch Kranke, Menschen mit psychischer Erkrankung oder einer Behinderung seien ohnehin schon eingeschränkt. Die Corona-Krise verstärke das. Abstand zu halten falle ihnen oft schwer. „Es ist sehr wichtig, dass solche Menschen erfahren: Ich bin nicht vergessen; da ist jemand, der an mich denkt.“ Sie helfe den Menschen, die eigenen Ressourcen in der Krise zu stärken. So riet sie einer Peson, die gerne wanderte, die jetzige Situation als schwierige Strecke mit Steinen auf dem Weg zu sehen und sich daran zu erinnern, welche langen Wanderstrecken sie früher bereits bewältigt habe. Es gelte, schöne Erinnerungen zu wecken und an diese anzuknüpfen. Mit einer Frau habe sie gemeinsam gesungen, um deren langjährige Liebe zur Musik wachzurufen und Kraft daraus zu schöpfen.

Sie sitze „in einem Boot“ mit den Menschen, denen sie hilft, sagt Thierfelder. So könne sie derzeit ihre 85-jährige Mutter nicht besuchen: „Das tut einfach weh.“ Die intensivierte seelsorgerliche Arbeit seit rund zwei Monaten belastet auch sie selbst: „Es zehrt an meinen Nerven.“ Sie hat ein kleines Trampolin, auf dem sie manchmal herumspringt, um sich abzureagieren, erzählt sie. Kraft tankt sie außerdem durch die Lektüre der Bibel sowie der Briefe und Aufzeichnungen des Widerstandskämpfers und Theologen Dietrich Bonhoeffer.

Ein starkes Bedürfnis zu reden beobachtet Pfarrer Michael Keller vom evangelischen Pfarramt Horb derzeit vor allem bei älteren Menschen. Das Angebot der telefonischen Seelsorge werde „sehr positiv“ aufgenommen. Die Gespräche dauern oft lange und seien tendenziell tiefergehend als sonst. Die Menschen berichten demnach offen darüber, welche Schwierigkeiten ihnen die gegenwärtige Krisensituation macht, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Indes ist der Bedarf nach Seelsorge seiner Wahrnehmung nach insgesamt nicht gestiegen durch Corona.

Nicht zuletzt Trauergespräche am Telefon zu führen, sei auch für ihn anfangs „irritierend“ gewesen, gibt Keller zu. Doch es funktioniere besser als gedacht. Die Menschen ließen sich auf die veränderten Bedingungen ein. Jedoch: „Mit Stille umzugehen ist eine gewisse Herausforderung“, sagt Keller. Schließlich sieht er nicht, wenn am anderen Ende der Leitung Menschen um Fassung ringen.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Pfarrerin Susanne Veith vom evangelischen Pfarramt Horb. Ihr ist aufgefallen, dass es bisweilen zu Spannungen kommt zwischen Bewohnern von Pflegeheimen und ihren Kindern, wenn es den Älteren schwer fällt, die zusätzlichen, massiven Einschränkungen ihres Alltag zu akzeptieren. Manchen fehle das Verständnis für die „wohlgemeinte Fürsorge, die noch mehr von der Freiheit nimmt“.

Einsamkeit und die Angst vor dem neuartigen Virus beschäftigen auch Pater Emmanuel Aykaramattam von der katholischen Seelsorge an der Freudenstädter Klinik. So rufen ihn Leute an, die ihre Verwandten nicht im Pflegeheim besuchen dürfen und wissen wollen, wie sie für ihre Angehörigen beten können. Auch bete er mit ihnen zusammen, berichtet er, und verweise auf bestimmte Bibelstellen. Bis zu 15 Anrufe erreichen ihn pro Tag. Er selbst habe keine Angst: „Ich vertraue auf Gott.“ Jedoch: Die Unsicherheit und die Sorgen, die er bei Anderen spürt, seien auch für ihn „unangenehm“, wie er sagt.

Weniger dramatisch, als man vermuten könnte, ist die derzeitige Situation suchtkranker Menschen, berichtet Susanne Henning von der Außenstelle Horb der Suchtberatung der Diakonie, Bezirksstelle Freudenstadt. Sie bekomme erstaunlich positive Rückmeldungen. Einige Klienten haben ihr gesagt, „dass ihnen nichts Besseres hätte passieren können“. Vielen gelinge es, die neu hinzu gewonnene Zeit produktiv zu nutzen, sich daheim durch ihre Hobbys abzulenken und Ratschläge, die bislang nur Theorie waren, in die Tat umzusetzen. So habe ein Spielsüchtiger endlich seine Bankkarte sperren lassen. Hilfreich sei auch, dass die Spielhallen zurzeit geschlossen sind. Andere treiben Sport, wie sie es sich schon lange vorgenommen hatten. Eine Nichtraucherin berichtete erfreut, auch in der jetzigen Situation nicht rückfällig geworden zu sein.

Allerdings: Dass die Treffen der Selbsthilfegruppen nicht stattfinden können, sei schon schwer für manche Klienten. Überhaupt fehle vielen der persönliche Kontakt, manche empfinden den Alltag in den eigenen vier Wänden als sehr beengt. Und auch wenn die Möglichkeit zur telefonischen Beratung besteht, sei die Begleitung der Klienten durch das Kontaktverbot schon erschwert. Da sie ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Klienten habe, ist sich Henning aber sicher, dass diese sich melden würden, wenn es ihnen schlechter gehen würde als in der Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie.

„Für Familien, Paaren und Alleinlebende, die ihr Päckchen zu tragen haben, hat sich die Situation verschärft“, berichtet indes Fred-Jürgen Werr, der die Psychologische Beratungsstelle in Horb leitet. Er weiß von Einzelfällen, bei denen es in den vergangenen Wochen zu häuslicher Gewalt kam. Die Isolation vieler Leute erzeuge Druck, verstärke die bestehenden Spannungen und Probleme.

Die Psychologische Beratungsstelle hat vorsorglich ihr Anmeldeverfahren angepasst. Statt der üblichen Wartezeiten von drei bis fünf Wochen ist jetzt in dringenden Fällen ein Beratungstermin innerhalb einer Woche möglich. Auf einen steigenden Bedarf sei man mithin vorbereitet. Doch noch ist er nicht gestiegen – im Gegenteil: Durchaus überraschend, verzeichnet die Beratungsstelle zurzeit weniger Anmeldungen als sonst. Werr erklärt sich das damit, dass es den Leuten gelinge, „ihre eigenen Ressourchen zu aktivieren, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln“.

Überlasteten Menschen, gerade auch Eltern, rät der Diplompsychologe, nach sich selbst zu schauen, sich eine Auszeit zu „verschreiben“, zur Ruhe zu kommen, und ihren Teil dazu beizutragen, ärgerliche Situationen nicht eskalieren zu lassen. Kindern gegenüber solle man sich in Nachsicht üben: Wenn der Nachwuchs sich sträubt, daheim genauso viel zu lernen wie in der Schule, gelte es, sich vor Augen zu führen, dass diese Zeit auch für die Kinder eine krasse Ausnahmesituation ist. Da könne es durchaus sinnvoll sein, die sonst geltenden Beschränkungen für den Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen etwas zu lockern. In Corona-Zeiten darf also auch eine Spielekonsole mal dabei helfen, den Hausfrieden zu wahren.

Land bietet eine „weltliche“ Beratungs-Hotline an

Die Corona-Krise ist für viele Leute eine große psychische Belastung. Gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, der Landesärztekammer, der Landespsychotherapeutenkammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg hat das Land eine Hotline zur psychosozialen Beratung eingerichtet unter der kostenfreien Nummer 0800/3773776.

Betreut wird die Hotline ehrenamtlich von psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sowie von Fachkräften, die in der ambulanten betreuten gemeindepsychiatrischen Versorgung, in psychiatrischen Kliniken und in Beratungsstellen arbeiten. Sie stehen täglich, 8 bis 20 Uhr, zur Verfügung.

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Erstellt:
24. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. April 2020, 01:00 Uhr

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