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Hilfe mit Hubschrauber
scheitert an zu starkem Frost
Zwei Hubschrauber vom Typ Eurocopter AS 350 fliegen an einem Anbaugebiet in Obersulm über Weinreben. Sie versuchen, mit tiefen Überflügen kalte und warme Luftschichten zu verwirbeln. Foto: dpa
Weinbau

Hilfe mit Hubschrauber scheitert an zu starkem Frost

Rotoren sollten kalte und wärmere Luft verwirbeln, um Reben zu schützen. Die 45 000 Euro teure Aktion schlägt fehl. Jetzt drohen Millionenverluste.

21.04.2017
  • Hans Georg Frank

Stuttgart. Die Reaktion des Präsidenten ist nicht zitierfähig. Hermann Hohl, höchster Repräsentant des Weinbauverbands Württemberg, rechnet mit Frostschäden, die vereinzelt sogar die schlimmen Folgen des Jahres 2011 noch übertreffen werden. Damals meldeten die Winzer zwischen Taubertal und Albtrauf einen Ausfall von 60 bis 70 Prozent. „Ich weiß nicht, wie die Betriebe das überstehen sollen“, sorgt sich Hohl um seine 14 500 Mitglieder. Auch sein eigener Hof in Obersulm (Kreis Heilbronn) mit zehn Hektar Fläche ist betroffen. Dort sei von mindestens 60 Prozent der Reben keine Traube mehr zu pflücken.

„Vergangene Nacht ist ganz viel Geld kaputt gegangen“, schildert Hanns-Christoph Schiefer von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg die Auswirkungen der frostigen Nacht. Allein in Württemberg mit seinen rund 11 400 Hektar wäre von Einbußen in Höhe von 60 Mio. EUR auszugehen, wenn nur noch die Hälfte der üblichen Herbsternte eingebracht werden könnte. Nicht alle Weinberge kamen gleich zu Schaden. Je höher, desto weniger, lautet die Faustregel. Allerdings wurden für vergangene Nacht noch tiefere Temperaturen von – 10 Grad prophezeit. „Dann sind auch obere Lagen kaputt“, fürchtet Präsident Hohl. In Baden hat Peter Wohlfarth vom Weinbauverband in Freiburg „zum Teil deutlicher, aber punktuell unterschiedliche Schäden“ registriert.

Offenbar wurde keines der 13 deutschen Anbaugebiete verschont. „Die Schäden sind zum Teil gravierend bis katastrophal“, fasste Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut zusammen. Es gebe keinen Weinberg, der nicht betroffen sei. Nach starken Einbußen durch Peronospora 2016 seien die Winzer, deren Reben jetzt erwischt wurden, in ihrer Existenz gefährdet.

Dabei hätte in Württemberg gestern Morgen das Allerschlimmste verhindert werden sollen. In einer konzertierten Aktion stiegen an mehreren Orten fünf Hubschrauber auf, um mit den Rotoren die kalte Luft aus den Weinbergen zu vertreiben. 45 000 EUR werden für das Manöver auf rund 100 Hektar in Rechnung gestellt. Die Kosten teilen sich das Landwirtschaftsministerium und jene 15 Weinbauern, die sich beim Verband gemeldet hatten.

Auch wenn Minister Peter Hauk (CDU) sich das Spektakel nicht entgehen ließ, einen Erfolg gab es nicht zu melden. „Es war eine Nummer zu kalt“, sagte Weinbauingenieur Schiefer. Die Vorhersage war von -2 Grad ausgegangen, bei denen die Wirbeltaktik noch hätte wundersam wirken können, wie langjährige Erfahrungen aus Rheinland-Pfalz zeigen. Tatsächlich sank das Quecksilber aber fast bis -7 Grad.

Die empfindlichen Knospen der meisten Reben seien jetzt so weit ausgetrieben, dass sie vor solchen Temperaturen geschützt werden müssten, erklärte der Experte, „das gehört zum Klimawandel“. Der Austrieb der Pflanzen sei zehn bis zwölf Tage früher als noch vor wenigen Jahren. Für sinnvoll hält er den Import eines Hilfsmittels aus Neuseeland – dort werden umweltfreundliche Windräder eingesetzt, um mit ihren Flügeln frostige Temperaturen zu erwärmen.

Sie seien sinnvoller als das Anzünden alter Reifen, wie es einst üblich war. Der Rauch, erinnert sich Schiefer an die Praktiken in seinem Heimatort Lauffen am Neckar, sei so dicht gewesen, dass manche Autofahrer nichts mehr gesehen hätten und mit dem Gegenverkehr kollidiert seien. Auch Ölöfen, wie sie in vergangenen Zeiten aufgestellt wurden, hält der Fachmann für ungeeignet: „So etwas kann man der Bevölkerung nicht mehr vermitteln.“

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21.04.2017, 06:00 Uhr

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