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Tausende Besucher bei der Seniorenmesse Senfit

Hilfe, wenn es allein nicht mehr geht

2500 Besucher informierten sich über Hilfsmittel im Alter – bei Mobilität und Fitness wie bei der 24-Stunden-Pflege.

09.10.2016
  • Dorothee Hermann

Möglichst lange selbstständig sein – das erhoffen sich viele vom Leben im Alter. Die dritte vom TAGBLATT organisierte Seniorenmesse Senfit im Sparkassen-Carré bot dafür am Samstag Anregungen. Ältere dürfen aber nicht nur als „interessante neue Zielgruppe“ angesehen werden, sagte TAGBLATT-Mitarbeiter Stefan Zibulla. „Unsere Gesellschaft muss wieder neu entdecken, dass Senioren das Leben aller Generationen in vielfältiger Weise bereichern.“

Für die Stadtverwaltung begrüßte Barbara Kley, Koordinatorin für Seniorenarbeit und Inklusion, die Gäste. „In den nächsten zehn Jahren wird die Zahl der über 65-Jährigen in Tübingen deutlich zunehmen“, sagte sie. Dabei sei das Bild vom Alter sehr vielschichtig geworden, berichtete sie: „Alte Menschen sind aktiv und sportlich. Sie reisen gerne, und sie setzen sich für andere ein.“ Kley schätzt, dass sich fast die Hälfte der über 65-Jährigen in Tübingen ehrenamtlich engagiert, etwas mehr als der Landesschnitt von 43 Prozent. Doch im Alter lassen auch die Kräfte nach, man braucht irgendwann Unterstützung und Pflege, wird krank und stirbt, sagte sie. „Auch darüber muss man sprechen.“ Die Seniorenmesse biete da gute Anstöße.

Kley ist zudem Sprecherin des Netzwerks Demenz. Die Krankheit sei mittlerweile nicht mehr so stigmatisiert. „Es ist ist kein Tabu mehr, sich an uns zu wenden.“

Eine Mittfünfzigerin aus Kirchentellinsfurt gehörte eher zu den jüngeren Besuchern. „Ich möchte mich darauf vorbereiten, wie ich im Alter wohne und überprüfen, welche Versicherungen ich noch brauche.“ Nach dem Ende ihres Lebens würde sie am liebsten auf einen Friedwald gebracht. Sie bedauerte, dass eine Erdbestattung dort noch nicht möglich ist.

Ein weiterer Besucher fühlte sich von dem Podiumsgespräch über die häusliche 24-Stunden-Pflege aufgeschreckt. „Das deutsche Arbeitsrecht wird ausgehebelt“, war sein Eindruck. Seit einem Jahr haben er und seine Geschwister für ihre betagte Mutter eine polnische Pflegerin engagiert. „Es bietet große Vorteile: Für verhältnismäßig wenig Geld ist jemand vor Ort.“ Das Wichtigste: Die Mutter verliere ihre Heimat nicht.

„Das Ganze hat uns von einem Tag auf den anderen getroffen wie ein Alptraum“, sagte er. Nach einem Unfall konnte seine Mutter nicht mehr alleine leben. Bei einem zeitweiligen Aufenthalt in einem Pflegeheim habe sie so stark abgebaut, dass die Kinder sie zurück in ihre Wohnung holten, wo sie sich wieder ganz gut erholte. „Ich finde solche Veranstaltungen sehr wichtig“, sagte der 55-Jährige. „Das ist ein ganz heißes Thema.“

„Bringt die häusliche 24-Stunden-Pflege eine 168-Stunden-Woche für die Betreuenden?“, fragte TAGBLATT-Mitarbeiter Stefan Zibulla. Dieses Podiums-Thema interessierte so viele Messebesucher, dass noch zusätzliche Stühle gebraucht wurden. Dass den häuslichen Helfern oft kaum ausgewiesene Freizeit bleibt, schilderte indirekt Mariusz Skrzypczak vom Anbieter Promedica Plus. Für ihn sei es selbstverständlich, Tag und Nacht für einen Patienten da zu sein, sagte er. Gemeinsam Kaffeetrinken zu gehen, wertete Skrzypczak als Freizeit. Es dürfte ein Grundproblem der häuslichen Betreuung sein, dass Arbeitszeit und Pausen der Hilfskräfte fast ununterbrochen ineinanderfließen.

Die AIP-Pflegedienste versuchen zunächst auszuloten, ob ein hilfsbedürftiger älterer Mensch überhaupt eine 24-Stunden-Pflege braucht. AIP steht für „Ambulante und individuelle Pflege“. Vielfach reicht zunächst eine sogenannte Mehrzeitpflege, berichtete Geschäftsführer Hans-Peter Jandel. Die meisten seiner Angestellten sind Frauen. „Klienten akzeptieren unter Umständen einen Mann nicht als Pflegekraft.“ Er kenne aber auch sehr positive Erfahrungen mit männlichen Kräften. „Auch ein Mann kann sehr gut einen Haushalt führen.“

In Deutschland gebe es kein Konzept „um Menschen zu versorgen, die sich ein Heim nicht leisten können und auch zuhause gar nicht ausziehen wollen“, kritisierte der Diplom-Kaufmann. Darauf hätten die polnischen Betreuungskräfte sehr schnell reagiert. Jandels Mitarbeiter/innen sind alle in Deutschland angestellt. „Damit wir im einzelnen Haushalt schauen können, ob es so ist, wie der Kunde sich das gewünscht hat“, sagte er.

Die Pflegesachverständige Gabriele Lenz riet ebenfalls, vor einer Vollzeitpflege erst einmal Zwischenlösungen zu prüfen. Als erste Anlaufstelle empfahl sie die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. „Die Betreuungskraft braucht auf jeden Fall ein Zimmer, in das sie sich zurückziehen kann – und eine Pausenregelung.“

Senfit-Bilanz: Aussteller und Besucher zufrieden

Etwa 40 Aussteller präsentierten auf der Seniorenmesse Hilfsmittel (wie Treppenlifte) oder Sportgeräte (wie etwa E-Bikes) oder informierten über Versicherungen und Reiseangebote. Sie waren sehr zufrieden, sagte Messe-Organisatorin Eva Schneider am Samstagnachmittag. Auch das Unterhaltungsprogramm mit dem Shanty-Chor der Marinekameradschaft Rottenburg und Ida Ott als „Fräulein Schwab“ sei mit jeweils etwa 100 Zuhörern gut angekommen.

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09.10.2016, 20:00 Uhr

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